Nationalratswahlen

Die Fricktaler Kandidaten wollen auffallen – dafür lassen sie sich einiges einfallen

Will mit einem Song punkten: Michael Derrer

Um sich von der Masse und der Plakatflut abzuheben, trumpfen die Kandidierenden mit originellen Ideen auf. So etwa Michael Derrer, der am Freitag seinen Wahlsong veröffentlicht.

Mal ehrlich: Haben Sie bei all den Köpfen, die aktuell am Strassenrand herumstehen oder einen wahlverführerisch von den Kandelabern herunter anlächeln, noch den Überblick, wer wer ist und wer was will – oder schwirrt Ihnen ob der Plakatflut auch der Kopf?

Genau dies ist auch das Dilemma der Nationalratskandidaten: Sie und ihre Message drohen in der Masse der Köpfe unterzugehen. Was dagegen tun? Originelle Ideen sind gefragt. Es zeichnen sich dabei unter den Fricktaler Kandidaten bislang drei Strategien ab.

Erstens das andere Plakat. Hier hebt sich Gaby Gerber wohltuend vom Gros der Plakate ab (FDP). Ihr Kopf lächelt einem von einem runden Plakat entgegen, das an einen Bierdeckel erinnert. Die Assoziation ist bewusst gewählt; Gerber ist Leiterin Kommunikation bei Feldschlösschen und die erste Biersommelière der Schweiz.

Kommt rund daher: Gaby Gerber.

Kommt rund daher: Gaby Gerber.

Ebenfalls augenfällig sind die 22 Blachen, mit denen die GLP im Fricktal wirbt. Die Bauernvertreter, vorab aus SVP und CVP, haben ihre Plakate wie in den letzten Wahlkämpfen an runde Heuballen getackert, und Christian Glur (SVP) wirbt auch im Fricktal mit seinen Dreiecks-Plakaten.

Eine zweite Strategie, um aufzufallen, ist es, medienwirksam politische Vorstösse zu lancieren oder sich zu Ad-hoc-Interessengemeinschaften zusammenzuschliessen. So praktizieren es sechs Fricktaler Kandidatinnen aus sechs Parteien.

Am letzten Freitag flatterte eine Mitteilung in die Redaktionsstuben, dass Béa Bieber (GLP), Carole Binder (SP), Gaby Gerber (FDP), Gertrud Häseli (Grüne), Marion Pfister (CVP) und Désirée Stutz (SVP) gemeinsam für eine gute Bildung einstehen. Die Schweiz habe ein gutes Bildungssystem, steht da, und dies solle so bleiben.

Dafür wollen sich die sechs Politikerinnen starkmachen, denn «sie teilen die Überzeugung, dass Demokratie und Wohlstand gute Bildung braucht». Da kann nun wirklich niemand widersprechen.

Vom Risotto bis zum Solarkino

Eine dritte Möglichkeit, aufzufallen, sind spezielle Aktionen. Die FDP-Frauen sind in Büssli unterwegs, die CVP rührt mit Chefkoch und Nationalratskandidat Alfons P. Kaufmann eifrig in Risotto-Töpfen, und die beiden Fricktaler SP-Vertreter Carole Binder-Meury und Rolf Schmid tingelten mit ihrem Solarkino durch die beiden Bezirke.

Setzten auf Solarkino: Rolf Schmid und Carole Binder-Meury.

Setzten auf Solarkino: Rolf Schmid und Carole Binder-Meury.

In einem knapp zweiminütigen, durchaus ansprechend gemachten Werbetrailer stellten sich die beiden Politiker dabei vor der Filmaufführung selber vor. Fazit der beiden SP-Politiker nach den acht Vorstellungen: «Ein absoluter Erfolg», sagt Rolf Schmid. «Die beiden Filme und insbesondere der Videoclip von uns beiden als Vorprogramm kamen hervorragend beim Publikum an.»

Politik hat auch einiges mit Musik gemein: Da gibt es jene Politiker, die den Ton angeben (oder es zumindest selber glauben). Da gibt es Dissonanzen in den Ratssälen und Redner, die dem Crescendo frönen, weil sie glauben, ihre Botschaft komme umso besser an, je lauter sie vorgetragen wird.

Und da gibt es auch Politiker, die Musik machen – echte Musik. Zu ihnen gesellt sich nun, rechtzeitig vor den Wahlen, Michael Derrer (GLP). Der Unternehmer und Wirtschaftdozent veröffentlicht am Freitag auf den einschlägigen Plattformen wie Amazon MP3, Apple Music oder Google Play Download seinen Wahlsong.

Selber den «Grind» zeigen statt Parolen nachbeten

«Der Grind» heisst der Dialektsong über Politik und Wahlen. Es sei, auch in Anbetracht der «Grinder», die derzeit an jeder Strassenecke hängen, eine Auseinandersetzung mit dem Entscheid für ein politisches Engagement, sagt Derrer.

Er ist sich dabei bewusst, dass der Mundartausdruck «Grind» auch einen negativen Beigeschmack haben kann. «In der Tat können die vielen Plakate und Inserate manchmal störend sein, umso mehr im Kontext simpler Schlagwörter, die wir schon oft gehört haben», räumt der Rheinfelder ein. Der «Grind» könne aber durchaus auch positiv assoziiert werden und Ausdruck dafür sein, dass jemand wisse, was er woll, so Derrer.

Sein «Grind», dies nebenbei, strahlt einen von rund 120 Kandelabern an. Die Hälfte davon hängt im Fricktal, der Rest über den Kanton verteilt.

Der Song sei auf seinem eigenen Weg zum politischen Engagement entstanden, erzählt Derrer. «Ich störte mich lange daran, immer dieselben einfachen Parolen zu hören, die oftmals auch nur eigene Interessen verbergen», sagt er. Daher habe er auch gezögert, die Plakate mit «meinem Grind» aufzuhängen und sich so am Grinderwald vor den Wahlen zu beteiligen.

Dass der Plakatwald nun doch um einen Derrer-Baum – ein klimaneutral gewachsener, das ist ihm wichtig – reicher wurde, liegt an der Erkenntnis: Statt Parolen nachzubeten, soll man sich besser selber politisch engagieren. «Dabei soll man nicht davor zurückschrecken, seinen eigenen ‹Grind› zu zeigen», findet Derrer.

55 Fricktaler zeigen ihren «Grind»

Der Song soll eine Einladung an alle und insbesondere an die junge Generation sein, sich selbst in der Politik einzumischen – und, eben, den «Grind» aus der Masse zu strecken. Denn nur «gemeinsam können wir Dinge ändern und unsere Zukunft gestalten».

Derrer hat die Musik für den Song selber komponiert, hat den Mundarttext dazu gedichtet und singt den Song, unterstützt von einem Kinderchor, auch gleich selber. Das tönt dann etwa so:

Ich bi der Grind

und han ä Grind

Mach mer kei Grind

Ich bi der Grind

Es sei eine neue Erfahrung gewesen, sagt er und macht aus der Semiprofessionalität keinen Hehl. Seine gesanglichen Möglichkeiten seien sicher «begrenzt», räumt er ein. Dennoch habe er sich entschieden, selbst zu singen und nicht etwa einen Sänger anzustellen. «Denn der Song plädiert ja dafür, dass man für das, was einem am Herzen liegt, seinen ‹Grind› zeigt und sich auch exponiert.»

55 Fricktalerinnen und Fricktaler handeln nach diesem Grundsatz: Sie zeigen ihren «Grind» und kandidieren am 20. Oktober für den Nationalrat. So viele Kandidaten aus dem Fricktal gab es noch bei keinen Nationalratswahlen. Das Fricktal zeigt «Grind». Eine gute Nachricht für das Land.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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