Frick

Die Asylunterkunft schliesst – die Kontaktgruppe zieht eine positive Bilanz

Rolf Schmid von der Kontaktgruppe AsylFrick ist dankbar für viele fröhliche Begegnungen rund um die Asylunterkunft. Er sagt aber auch, wo der Schuh drückt.

Die kantonale Asylunterkunft in Frick ist bald Geschichte: In einem Monat verlassen die letzten Asylsuchenden Frick. Drei Jahre lang lebten im ehemaligen Autobahnwerkhof bis zu 160 Asylsuchende; aktuell sind es noch rund 30. Mit dem Auszug der letzten Asylsuchenden geht Mitte März auch für die Kontaktgruppe Asyl Frick ein grosses Kapitel zu Ende.

Rund 40 Freiwillige kümmerten sich in den letzten drei Jahren um die Asylsuchenden im «Container-Dörfli», wie die Unterkunft wegen der in der Werkhalle aufgestellten Wohncontainern auch genannt wird. Sie boten den Asylsuchenden Deutschkurse und ein Sportprogramm an, brachten beim interkulturellen Treffpunkt Menschen aus den verschiedenen Nationen und Kulturen zusammen, berieten die Asylsuchenden, alles alleinreisende Männer, und halfen bei der Vermittlung von Ausbildungsplätzen und Schnupperlehren. Eine Bilanz mit Rolf Schmid, dem Sprecher der Kontaktgruppe.

Vor dem Einzug der ersten Asylsuchenden äusserten einige Fricker auch Sicherheitsbedenken. Welche Bilanz ziehen Sie nach dem dreijährigen Betrieb der Asylunterkunft?

Rolf Schmid: Die Aufnahme von bis zu 160 Menschen mit Fluchterfahrung ist in einer Gemeinde in der Grösse von Frick problemlos möglich. Die anfängliche Skepsis einiger politischer Akteure hat sich als durchwegs unbegründet erwiesen. Es gab weder einen Anstieg von Strafdelikten noch einen Ansturm auf öffentliche Orte wie das Freibad. Der Gemeinderat Frick hat die Situation umsichtig und verhältnismässig eingeschätzt und sich zu Recht gegen Rayonverbote entschieden.

Wie haben Sie die Asylsuchenden erlebt?

Asylsuchende sind Menschen wie wir auch, die in Sicherheit leben und einer Arbeit nachgehen möchten. Das lange Warten und die Untätigkeit zermürbt jedoch viele. Auch bringen unter den Asylsuchenden nicht alle den gleichen Rucksack mit. Einigen fällt es leichter, die Sprache zu lernen und auf Einheimische zuzugehen. Bei anderen dauert es länger und sie brauchen mehr Unterstützung.

Was konnte die Kontaktgruppe den Asylsuchenden vermitteln?

Nebst persönlichen Kontakten und Austauschmöglichkeiten haben wir gezielt die soziale Integration gefördert. Es fanden Hilfseinsätze im Rahmen von Festen statt, die Gruppe um den Treffpunkt hat sich mehrfach mit öffentlichkeitswirksamen Ständen an Märkten und Feierlichkeiten beteiligt.

Daneben fanden regelmässig Ausflüge und Wanderungen in der Region statt. Mit all diesen Massnahmen haben wir die Menschen auch für unsere Gemeinschaft und die Region, das Fricktal, sensibilisiert. Vielen von ihnen gefällt es gut, sodass sie nach Erhalt einer (vorläufigen) Aufnahme oder einer Aufenthaltserlaubnis weiterhin hier leben möchten.

Sie haben den Asylsuchenden mit ganz unterschiedlichen Angeboten geholfen. Was waren Ihre Hauptanliegen?

Nebst den Sprachkursen nahm der Treffpunkt im Clublokal des ACLI Frick einen zentralen Punkt unserer Arbeit ein. Dort treffen sich Woche für Woche Menschen aus verschiedenen Kulturen, um zu kochen, zu spielen, Feste zu feiern, zu nähen oder sich einfach zu unterhalten. Die Vermittlung der Sprache und einen Raum, um sie anwenden zu können, sind für den Fortschritt der Integration von zentraler Bedeutung.

Als viele der Geflüchteten endlich positive Entscheide zu ihren Gesuchen erhalten haben – vorläufige Aufnahme oder Asyl – stand auch die Unterstützung im Berufsfindungsprozess und die Hilfe bei der Suche nach Arbeit und Ausbildungsplätzen im Vordergrund. Auf diese Weise konnten wir bereits eine Vielzahl von jungen Menschen im Berufsleben unterbringen.

Wie wichtig war die Kontaktgruppe für die Asylsuchenden?

Die Kontaktgruppe war der Anknüpfungspunkt für alle Fragen rund um den Integrationsprozess. Sprache, Austausch, soziales Umfeld, Kultur, Berufsfindung, Bildung, Sport/Bewegung usw. fanden im von und mit der Gruppe organisierten Rahmen statt. Mit dem Wissen und den Erfahrungen aus unseren Programmen fällt den Menschen der Integrationsprozess einfacher und es gibt viel Raum, um (auch kritische) Fragen zu stellen und heikle Themen zu diskutieren.

Eine Grundvoraussetzung dafür war es sicherlich, dass wir als Freiwillige den Menschen stets mit Wohlwollen begegnet sind und zugehört haben. Einige der Geflüchteten brauchten nach der langen und anstrengenden Flucht Zeit, um Vertrauen zu fassen.

Hat sich die Arbeit der Kontaktgruppe auch positiv auf die Gemeinde ausgewirkt?

Wir sind überzeugt, dass die ruhige Situation um das Camp stark mit unserer Begleitungs- und Vermittlungsarbeit zusammenhängt. Angebote, um soziale Beziehungen zu pflegen, zu lernen und sich zu bewegen, stiften in einem tristen Alltag, der mehrheitlich aus Unsicherheit und Geduldsproben besteht, eine willkommene Abwechslung. Der Mangel an Privatsphäre und das Zusammenleben mit unbekannten Personen – oftmals aus verschiedenen Kulturen – ist angesichts der engen Räumlichkeiten auf die Dauer sehr ermüdend.

Wie haben Sie die Fricker Bevölkerung erlebt?

Sie zeigte sich anlässlich öffentlicher Veranstaltungen und Gesprächen stets offen und interessiert für die Situation im Werkhof. Vereinzelt gelang es auch, längerfristige Kontakt zwischen Einheimischen und Geflüchteten herzustellen.

Es war rund um die Unterkunft und im Dorf sehr ruhig. Woran lag das?

Nebst der professionellen Führung der Betreuung durch Fehmi Lestrani von der ORS Service AG und unserer Arbeit gab sicher auch die etwas abgeschiedene Lage des Camps einen Ausschlag zur ruhigen Situation. Zudem blieb ein Grossteil der Bevölkerung trotz anfänglicher Stimmungsmache einzelner «besorgter» Bürgerinnen und Bürger besonnen und war der Unterkunft nicht feindlich gesinnt. Diese Toleranz und Gelassenheit ermöglichte uns die Aufnahme der Arbeit und den Menschen in gewisser Weise ein Ankommen im Ort.

Bestand Interesse der Bevölkerung an einem Kontakt?

Die Gruppe der Freiwilligen und einheimischen Teilnehmenden beträgt über die Dauer des Betriebs sicherlich gegen 100 Personen. Während einige nur ein paar Mal den Kontakt suchten, engagieren sich andere mehrmals wöchentlich. Der Treffpunkt bleibt nun auch nach der Schliessung der Unterkunft jeden Donnerstag für Interessierte offen. Es braucht weder eine Voranmeldung noch gibt es irgendwelche Verpflichtungen. Die Migranten freuen sich immer sehr über neue Gesichter und Interesse.

Wie war die Kooperation mit der Gemeinde?

Mit der Gemeinde hatten wir als Gruppe an und für sich wenig zu tun. Die Behörden ermöglichten uns die Nutzung gewisser Infrastruktur, wofür wir dankbar sind. Im Austausch mit kantonalen Behörden stand uns die Gemeinde zeitweise beratend und vermittelnd zur Seite.

Wurden die Freiwilligen genug einbezogen?

Ein (anfänglicher) Einbezug in die Planung sowie ein regelmässiger Austausch mit den Behörden wäre für uns als Gruppe hilfreich gewesen. Viele relevante Informationen fanden erst über den Zentrumsleiter, Fehmi Lestrani, zu uns.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Kanton erlebt?

Im Zusammenhang mit dem Betrieb im Werkhof hat sich die Kooperation mit dem Kanton auf ein Minimum beschränkt. Grosse Differenzen gibt es insbesondere bei der Unterstützung hinsichtlich der wirtschaftlichen Integration, den Betreuungskonzepten und Standards für die Unterbringung in und durch die Gemeinden sowie beim behördlichen Anspruch an Formalitäten.

Vereinzelt gibt es bei diesen Themen auch Unstimmigkeiten mit Behörden, die wir jedoch stets proaktiv und mit Gesprächen zu beheben versuchen. Wohl liegt es jedoch auch in der Natur der Sache, dass wir als Freiwillige und in manchen Fällen auch Befreundete die Sachlage manchmal anders sehen als der Staat.

Mit welchen Anliegen kamen Sie beim Kanton durch und wo standen Sie an?

Hinsichtlich finanzieller und institutioneller Unterstützung bei einer Ausbildung sowie der Durchsetzung von einheitlichen Standards bei der Unterbringung und Betreuung in der Gemeinde stehen wir weiterhin in regelmässigen Gesprächen mit den zuständigen Behörden. Hier besteht unseres Erachtens weiterhin Handlungsbedarf, damit die wirtschaftliche und soziale Integration schnell voranschreitet.

Insbesondere die engen Wohnverhältnisse, fehlende Infrastruktur – zum Beispiel Internet – sowie der Zustand der sanitären Einrichtungen sind bisweilen prekär. Oftmals werden die Verantwortlichkeiten zwischen den Gemeinden, dem kantonalen Sozialdienst und den eingesetzten Betreuungsfirmen hin und her geschoben, was die Lösungsfindung meist schwierig macht.

Was hätten Sie sich noch vermehrt gewünscht?

Mehr Mut zu neuen Konzepten und vermehrtem Austausch mit Freiwilligen. Viele Informationen werden zwar abgefragt, die Form und der Raum sind oftmals jedoch sehr umständlich. Viele Prozesse könnten niederschwelliger, unkomplizierter und damit integrationsfördernder gestaltet werden.

Was nehmen Sie für sich selber mit als Erfahrung?

Dankbarkeit für viele fröhliche und interessante Begegnungen, Lust und Mut, die Menschen weiterhin zu begleiten und zu unterstützen, und die Erkenntnis, dass uns vermeintlich Fremde oftmals näher sind, als langjährige Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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