Laufenburg

Der bekannte Bildhauer Erwin Rehmann: Das Leben ganz der Kunst verschrieben

Erwin Rehmann widmet sich auch mit 99 Jahren noch seiner Passion: der Kunst.

Erwin Rehmann widmet sich auch mit 99 Jahren noch seiner Passion: der Kunst.

Erwin Rehmann feiert heute den 99. Geburtstag – im Laufenburger Alterszentrum Klostermatte geht er nach wie vor seiner Passion nach.

Erwin Rehmann feiert heute seinen 99. Geburtstag. Der bekannte Bildhauer lebt seit bald zwei Jahren im Alterszentrum Klostermatte in Laufenburg, unweit von der Laufengasse, wo er aufgewachsen ist und als Junge vom Fenster aus beobachtet hat, wie Mary Codman zum Einkaufen mit der schwarzen Kutsche vorgefahren ist und ihm zugewunken hat. Über dieses Ereignis redet Rehmann in einem Film von Frowald Rünzi und Petra Gabriel, Autorin des Buches «Madame kam aus Amerika» über die Laufenburger Ehrenbürgerin Mary Codman, als ob es gestern gewesen wäre.

Tatsächlich liegen neun Jahrzehnte dazwischen – neun Jahrzehnte, in denen Rehmann zu einem viel beachteten Künstler mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland geworden ist, in denen er aber auch Schicksalsschläge wie den Tod seiner Ehefrauen Margrit und Astrid erlitt. Seit 1976 ist er Ehrenbürger von Laufenburg, 2001 wurde das nach ihm benannte Skulpturenmuseum an seinem früheren Wohn- und Arbeitsort im Schimelrych eröffnet.

Mit der Bildhauerei hatte er zunächst nicht viel im Sinn

Die Kunst packte ihn in den 1940er-Jahren, als er in Siglistorf seine erste Anstellung als Lehrer an der Oberschule hatte. Mit zwei Koffern war er dort eingetroffen, drei Jahre blieb er. Parallel dazu besuchte er die Kunstgewerbeschule in Zürich, wo er Kurse in Aktzeichnen belegte. Später ging er für ein Jahr an die Kunstgewerbeschule nach Basel. Nichts deutete darauf hin, dass aus dem Oberschullehrer ein Magier der Metalle wird, ein vorwärtsgewandter Künstler mit einer Philosophie zum Anfassen, dessen Werke in diversen Kunstmuseen und sogar an der Biennale in Venedig (1956) ausgestellt wurden.

Mit der Bildhauerei hatte er zuerst nicht viel im Sinn, obwohl er gerne modellierte. «Ich wusste aber nicht, ob ich Bildhauer bin», blickt er zurück. Beim Zeichnen hingegen war er in seinem Element. Er habe immer gerne gezeichnet, berichtet er. Jetzt zeichnet er wieder. In seinem Zimmer im Alterszentrum, wo er sich gut aufgehoben fühlt. «Ich bin sehr zufrieden hier», so Rehmann, «und so froh, dass ich in dem Zimmer zeichnen und skizzieren kann, da ist mir am wohlsten». Das sei seine Welt, so, wie früher im Schimelrych sein Haus mit der Werkstatt, in der er Metalle gegossen hat, seine Welt war. Die er jedoch verlassen musste, nachdem er ein paar Mal gestürzt war. Rehmann hadert nicht damit. «Alles, was wichtig ist, kommt zufällig», ist er überzeugt.

2018 stellte er das grosse Relief «Unendliche Fläche und Kreation» anlässlich seines 97. Geburtstags im Rehmann-Museum aus. Es sei sein letztes Werk, behauptete er damals. Doch schon im Jahr darauf hatte er einen Stoss Zeichnungen, Skizzen und Entwürfe für Objekte auf dem Tisch in seinem Zimmer liegen. Da er sie nicht selbst realisieren konnte – er ist an den Rollstuhl gebunden, Werkzeuge kann er nicht mehr betätigen – erhielt er Unterstützung von Daniel Waldner, Bildhauer aus Kaisten.

Die beiden arbeiten schon seit 25 Jahren zusammen. So wurde das Zimmer im Alterszentrum zum Atelier. An den Wänden hängen schwarz bemalte Platten, auf denen PET-Halbkugeln von unterschiedlichen Durchmessern angebracht sind. Sie wirken wie Kontinente, Wolkengebilde oder Blasenteppiche, bilden eine «durchsichtige Welt», wie es Rehmann nennt. «Die PET-­Kugeln kommen nirgends so schön wie auf Schwarz», findet er. Schwarz ist für ihn nicht depressiv, sondern «eine Dichte, voll». Auf der gegenüberliegenden Wand befindet sich eine Platte, aus der mit Grau bemalte Objekte ragen. Am rechten unteren Bildrand ist sie mit den Namen Astrid und Erwin Rehmann signiert. Obwohl seine zweite Ehefrau Astrid 2004 gestorben ist. Aber: «Astrid ist immer dabei, sie macht mit», sagt er. In seinen Träumen tröstet sie ihn, wenn eine Arbeit in die Brüche gegangen ist, und zeigt ihm, wenn etwas gut ist.

Ein Künstler, der offen für andere Sichtweisen ist

Rehmann berichtet davon mit einer Selbstverständlichkeit und Bestimmtheit, die keine Zweifel aufkommen lassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Er ist offengeblieben für neue Erlebnisse und andere Sichtweisen. Dafür steht auch ein Kunstwerk vor der Terrassentür, eine schwarze V-Form, in der eine Acrylglaskugel liegt, welche die Welt umkehrt. In der die Sankt Johann Kirche oben und der Himmel unten sind.

Erwin Rehmann ist in allem, was er tut und denkt zeitlebens ein freier Geist gewesen und ist es mit 99 Jahren noch. «Ihr wisst ja, was ich mache», soll er früher seinen Auftraggebern erklärt haben, «aber ich mache nie das Gleiche». In seine Arbeit hat er sich nie reinreden lassen. Diese Haltung hat er sich bis ins hohe Alter bewahrt. «Ich will mir die Freiheit bewahren, zu machen, was ich will», so Rehmann.

Wie er den 99. Geburtstag feiert? Achselzucken. «Keine Ahnung, ich lasse es laufen», meint er. Gedanken hat er sich dennoch gemacht. Hat «ein paar Kuchen» bestellt, Kaffee soll es auch geben. «Bald bin ich 99», hat er am letzten Montag noch gesagt, «aber ich lebe nur, wenn ich etwas mache. Mein eigentliches Leben verbringe ich mit meiner Kunst». Dafür genügt ihm ein kleines Zimmer. In dem eine kleine Kugel die ganze Welt auf den Kopf stellt.

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