Beim Riesenslalom der Männer in Åre am Freitagabend erwischte nicht jeder WM-Teilnehmer jedes Tor. Mehrere schieden aus. Frustriert, händeringend, kopfschüttelnd.

Das Fricktal muss derzeit aufpassen, dass es in wichtigen politischen Fragen nicht ins Hintertreffen gerät oder gar ausscheidet. Frustriert, händeringend, kopfschüttelnd. Denn die Kurse bei mehreren heiklen Dossiers werden in den nächsten Wochen und Monaten ausgesteckt. Eine Übersicht in drei Schwüngen.

1 Eine eigene Mittelschule.

Hier sieht es für das Fricktal gut aus. Der Kanton will, angesichts steigender Schülerzahlen, zwei neue Mittelschul-Standorte bauen. Einer davon, so viel ist bereits klar, soll im Fricktal liegen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die beiden Basler Kantone, wo heute rund drei Viertel der Fricktaler Kantischüler die Schulbank drücken, selber Platz brauchen – und froh sind, wenn die Fricktaler den eigenen Schülern nicht die Sitzplätze wegschnappen.

Eine Mittelschule im Dorf bringt einer Gemeinde und ihrem Umland im härter werdenden Kampf um die Gunst (guter) Steuerzahler einen wichtigen Standortvorteil. So ist es auch nicht verwunderlich, dass jede Gemeinde, die sich eine Chance ausmalt, die Kanti ins Dorf zu holen, fiebrig nach Standorten gesucht hat. Vier sind fündig geworden: Frick steigt mit einer derzeit als Firmenareal genutzten Fläche beim Oberstufenzentrum Ebnet ins Rennen; Rheinfelden und Möhlin mit einem Areal beim Bahnhof Möhlin; Stein bietet dem Kanton gleich vier Standorte zur Auswahl an. Zudem hat der Schulvorstand des Oberstufenzentrums Fischingertal sein Schulhaus in Mumpf ins Spiel gebracht. Dieses steht ab Sommer leer.

Wer die besten Karten hat, ist derzeit schwierig abzuschätzen. Jede Kandidatur hat ihre Vorzüge. Die Standorte im unteren Fricktal werben damit, dass die meisten Schüler, die heute eine Schule im Baselbiet oder in Basel-Stadt besuchen, aus ihrem Rayon stammen. Das stimmt. Allerdings ist das zu lokalpatriotisch gedacht. Denn aus dem oberen Fricktal gehen aus einem einfachen Grund nicht mehr Schüler nach Muttenz: Aarau liegt näher.

Frick wirbt damit, dass der Standort auch für Schüler aus Brugg attraktiv wäre. Auch das stimmt. Es setzt allerdings voraus, dass Brugg nicht selber Standort wird; das Rennen um den zweiten Standort ist derzeit nämlich völlig offen.

Stein wirbt mit seiner zentralen Lage im Fricktal. Auch dies ist ein gutes Argument, denn die Schule soll, nein: Sie muss eine Schule für das ganze Fricktal sein. Stein hat gegenüber Frick zudem den Vorteil, dass die Flächen noch frei sind. Ein Nachteil könnte die Distanz zum Bahnhof sein.

Die schlechtesten Karten hat Mumpf. Dass der Schulvorstand jedoch versucht, sein bald brachliegendes Gebäude mittelfristig – die Schule kommt voraussichtlich 2028 – wieder mit Schülern zu füllen, versteht sich aber von selbst.

Das Engagement der Gemeinden ist richtig und wichtig. Indem sie aktiv wurden – und dies vor allem auch klar kommuniziert haben (im Gegensatz etwa zu Brugg) –, haben sie nicht nur für sich, sondern für die ganze Region geworben. Das Fricktal bietet mehrere valable Optionen; hinter seine Ansage kann der Kanton somit nicht mehr zurück. Diesen Lauf sollte das Fricktal ins Ziel bringen – zwei Parameter vorausgesetzt: Erstens droht immer eine latente Gefahr, dass eine Investition Opfer von Sparbemühungen wird, dass also der Plan, zusätzliche Standorte zu bauen, implodiert.

Zweitens setzt der Erfolg eine Einigkeit voraus. Es ist derzeit richtig, dass jede Standortgemeinde für sich selber schaut und eifrig in Aarau für ihren Standort weibelt. Der Moment allerdings wird kommen, an dem es gilt, zugunsten eines Standortes zurückzutreten. Dieser Moment darf nicht verpasst werden. Sobald klar ist, wo die Schule am meisten Sinn macht, müssen sich alle hinter diese eine Kandidatur scharen – sonst haben wir am Schluss gar nichts.

2 Berufsbildungszentrum erhalten.

Es gibt Stimmen, die fordern, dass die Kantonsschule in den Gebäuden des Berufsbildungszentrums Fricktal (BZF) untergebracht werden soll. Dies vor dem Hintergrund, dass die Regierung die Berufsschullandschaft (einmal mehr) reformieren will – und das BZF akut gefährdet ist.

Dies zu fordern, ist nicht nur taktisch ungeschickt, sondern auch inhaltlich fragwürdig. Denn ein Tauschgeschäft «Mittelschule gegen Berufsschule» darf es nicht geben. Die Schweiz kennt das duale Bildungssystem und das Fricktal braucht auf beiden Ebenen ein attraktives Angebot. Das heisst nicht, dass es keine Konzentration in der Berufsschullandschaft geben darf; sieben KV-Standorte sind definitiv zu viel und auch bei anderen Berufsfeldern kann und soll eine Konzentration stattfinden. Aber es ist wichtig, dass das Fricktal – gerade auch, weil es peripher liegt – ein Berufsbildungszentrum behält.

Die Chancen dafür sind derzeit mässig, deutet man die Signale des Kantons richtig. In wenigen Wochen wird der Regierungsrat seinen Vorschlag auf den Tisch legen. Die Fricktaler Grossräte haben sich bereits in Position gebracht und wollen für das BZF kämpfen. Das ist gut. Allerdings wäre gleichzeitig zu prüfen, ob nicht auch eine Lösung zusammen mit dem Baselbiet möglich wäre. Bereits heute besteht eine Kooperation zwischen den Kantonen, sodass die Fricktaler im Baselbiet das Gymnasium besuchen können. Weshalb nicht, wie es Grünen-Grossrätin Gertrud Häseli vorschlägt, diese Kooperation auf die Berufsschüler ausweiten? Die eine Schulstufe könnte im Baselbiet, die anderen im Fricktal unterrichtet werden.

Ob eine solche Idee umsetzbar wäre, ist völlig offen. Sie darf allerdings nicht am Föderalismus scheitern. Hier gilt es, Grenzen gedanklich zu überschreiten – zugunsten einer guten Lösung für die Region.

3 Das Spital behalten.

Bauchweh bereitet dem Fricktal auch das Gesundheitswesen – und dies gleich doppelt. Im Juni will die Regierung die neue Spitalliste präsentieren; sie entscheidet darüber, was welches Spital anbieten darf. Und mit der «Vision Spitallandschaft 2035» will die Regierung die Regionalspitäler in Gesundheitszentren umwandeln, die sich schwergewichtig um ambulante Leistungen kümmern sollen.

Den Fehler, ein Regionalspital zu schliessen, wird der Regierungsrat kaum ein zweites Mal machen. Die Schliessung des Regionalspitals Brugg hat den damaligen Gesundheitsdirektor Ernst Hasler fast die Wiederwahl gekostet. Aber sie kann die Parameter so verändern, dass Spitälern früher oder später der Schnauf ausgeht. Genau davor warnte am Gemeindeseminar Anneliese Seiler, CEO des Gesundheitszentrums Fricktal (GZF). «Wenn wir uns nicht wehren, stehen die Regionalspitäler vor dem Aus.» Der Regierungsrat werde zwar keine Spitäler aktiv schliessen, «aber irgendwann können wir nicht mehr bestehen». Seiler appellierte an die anwesenden Politiker, das GZF politisch zu unterstützen.

Ein Fricktal ohne Regionalspital darf es nicht geben. Zu prüfen ist, ob es – mittelfristig – wirklich beide Standorte, also Laufenburg und Rheinfelden, braucht, oder ob das GFZ nicht mit mehr Power in dem sich verschärfenden Gesundheitsmarkt agieren kann, wenn es sich auf einen Standort fokussiert und den anderen zu einem geriatrischen Zentrum umbaut. Als das GZF diese Frage im letzten Jahr selber aufwarf und Laufenburg zumindest gedanklich zur Disposition stellte, traf die Spitalleitung ein Sturm der Entrüstung. Verständlich aus der Bezirksoptik. Vielleicht muss diese aber dereinst zugunsten einer gesamtfricktalischen Optik zurücktreten. Denn ein Spital ist halt doch noch deutlich besser als kein Spital.

Die Politik ist gefordert. Sie seien an all den Themen dran, versichern Grossräte. Das ist gut so. Es ist wichtig, wach zu bleiben und Signale vorausschauend zu lesen, entsprechend zu handeln und im richtigen Moment die Öffentlichkeit mit an Bord zu holen. Sonst wird aus dem Bauchweh schnell einmal eine akute Blinddarmentzündung. Beim Spital wie bei der Schule.