Stein
Blutkrebs-Therapie von Novartis kostet mehr als ein Ferrari – Versicherungen fürchten Preisspirale

Für Menschen mit Blutkrebs ist Kymriah vor allem Hoffnung. Doch der Listenpreis der Therapie beträgt 370'000 Franken. Trotzdem weiss niemand, wie viel die Krankenversicherungen wirklich dafür bezahlen. Die Pharmaindustrie sucht die Intransparenz.

Sébastian Lavoyer
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Novartis: Produktion von Zell- und Gentherapien in Stein-Säckingen (hier wird Kymriah produziert).

Novartis: Produktion von Zell- und Gentherapien in Stein-Säckingen (hier wird Kymriah produziert).

Zvg/Novartis / Aargauer Zeitung

Betritt man die Produktionsstätte für Zell- und Gentherapien in Stein, sticht einem diese Wand mit den LED-Lämpchen ins Auge. Wand der Hoffnung nannte sie Novartis-CEO Vas Narasimhan bei der Eröffnung des Werkes vor etwas mehr als einem Jahr. Für jede Charge Kymriah, die Stein verlässt, wird ein Lichtlein angezündet. Jede Charge soll einem Patienten mit Blutkrebs Hoffnung geben auf ein Leben ohne Krebs.

Rechts hinter Constanze Günther, der Werksleiterin der Produktion für Zell- und Gentherapien in Stein, sind die LED-Lämpchen erkennbar. Jedes Mal, wenn eine Charge Kymriah das Werk verlässt, wird ein weiteres Lämpchen angezündet.

Rechts hinter Constanze Günther, der Werksleiterin der Produktion für Zell- und Gentherapien in Stein, sind die LED-Lämpchen erkennbar. Jedes Mal, wenn eine Charge Kymriah das Werk verlässt, wird ein weiteres Lämpchen angezündet.

Zvg/Novartis / Aargauer Zeitung

Kymriah gehört zur neusten Generation von Behandlungen, die Novartis herstellt. Dazu wird Patienten Blut entnommen und dann in Stein so aufbereitet, dass sie die Krebszellen zerstören können. Danach werden die Zellen wieder zurück ins Spital transportiert und dort dem Patienten injiziert. Dieser Prozess dauert rund einen Monat. Pro Charge sind entlang des gesamten Prozesses rund 15 Zweierteams involviert. Alles sehr aufwendig.

Bis heute sind im Werk in Stein rund 320 Mitarbeitende in der Produktion für Zell- und Gentherapien angestellt. Es sollen bis zu 450 werden, wenn alles nach den Novartis-Plänen läuft.

Bis heute sind im Werk in Stein rund 320 Mitarbeitende in der Produktion für Zell- und Gentherapien angestellt. Es sollen bis zu 450 werden, wenn alles nach den Novartis-Plänen läuft.

Zvg/Novartis / Aargauer Zeitung

Doch genau in solchen Behandlungen sehen Pharmamultis wie Novartis die Zukunft. Personalisierte Medizin heisst das. Kym­riah aber ist kein Medikament, sondern eben eine Therapie. Im Erfolgsfall genügt eine Behandlung und der Blutkrebs ist besiegt.

Laut der Zulassungsstudie der Novartis waren 73 Prozent der Kinder und jungen Erwachsenen mit akuter lymphoblastischer Leukämie sechs Monate nach der Therapie krebsfrei, 65 Prozent der Patienten mit diffus grosszelligem B-Zell-Lymphom, die ein Ansprechen auf die Behandlung gezeigt hatten, erlitten innerhalb von einem Jahr keine Rückfälle. Aktuelle Studien hätten sogar noch verbesserte Sicherheitsdaten für beide Indikationen gezeigt bei gleichbleibender Wirksamkeit.

Nun sind es seltene Krankheiten gegen die Kymriah eingesetzt wird. Genaue Angaben dazu, wie oft es in der Schweiz verabreicht wurde, machen weder die Krankenversicherer noch Novartis. An der «Wall of hope» leuchteten Ende letzter Woche 128 Lichter. 128 Therapien also haben das Werk verlassen. Aber von Stein aus wird nicht nur die Schweiz, sondern seit Sommer 2020 ganz Europa beliefert.

Was wohl die Krankenversicherungen für Kymriah bezahlen?

Personalisierte Therapien wie Kymriah sind sehr teuer. Der Listenpreis beträgt rund 370 000 Franken. Allerdings zahlt keine Versicherung so viel. Den Preis dürfen aber weder die im Verband Curafutura organisierten Krankenversicherungen bekanntgeben, noch jene von Santésuisse. Martina Weiss, Leiterin Preisverhandlungen der Einkaufsgemeinschaft HSK (Curafutura), sagt:

Wir standen vor der Entscheidung: Entweder zahlen wir einen zu hohen Preis von 370 000 Franken, und der Preis ist öffentlich. Oder es gibt einen nicht publizierten Rabatt. Wir haben uns im Sinne der Prämienzahler für die zweite Variante entschieden.

Die Tendenz zur personalisierten Medizin ist unübersehbar. Das zeigt sich auch daran, dass die Kosten für ambulant im Spital verabreichte Kosten in den letzten vier Jahren jeweils zehn Prozent und mehr wuchsen. Santésuisse-Sprecher Matthias Müller sagt:

Wir befürchten eine Preisspirale nach oben, weil Innovationen im schweizerischen Gesundheitswesen – anders als in anderen Branchen – in der Regel zu höheren Preisen führen.

Die Pharmaindustrie aber setzt auf personalisierte Medizin. Sie wird also teuerer und wir werden uns irgendwann fragen müssen, wofür die Allgemeinheit zahlt und wofür nicht. Denn die Kosten tragen wir alle.