Fricktal

Analyse zum Gesundheitszentrum: Die Ängste müssen ernst genommen werden

Am Standort in Laufenburg wird sich in absehbarer Zeit einiges ändern – wie viel genau, das muss das GZF noch klären.

Am Standort in Laufenburg wird sich in absehbarer Zeit einiges ändern – wie viel genau, das muss das GZF noch klären.

Die Zukunft des Spitals Laufenburg ist nach den Umwälzungen im Gesundheitswesen offen – und umstritten. Eine Analyse zum Gesundheitszentrum in Fricktal und seinen Herausforderungen von Thomas Wehrli.

Das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) steht vor grossen Veränderungen. Insbesondere das Spital Laufenburg steht zur Disposition. Die Spitalleitung präsentierte letzte Woche zwei Szenarien.

Beim ersten wird – nach dem Abgang der drei Kaderärzte in Laufenburg – die stationäre Allgemeine Chirurgie nach Rheinfelden verlegt. Beim zweiten, weitreichenderen, Szenario die gesamte stationäre Medizin. In diesem Fall bleiben in Laufenburg ein (erweitertes?) Pflegeheim sowie eine ambulante Sprechstunde.

Wenn man mit Menschen aus dem Umfeld des GZF spricht, so trifft man, vereinfacht und plakativ gesagt, auf zwei Ansichten. Die einen stützen die Spitalleitung. Sie halten die strukturellen Prozesse, wie sie das GZF angedacht hat, für unabdingbar, um auf dem schwieriger werdenden Gesundheitsmarkt mittel- und langfristig prästieren zu können.

Sie sind sich sicher – und darin bekommen sie zum Teil sogar Unterstützung von den Gegnern einer Konzentration der Leistungen in Rheinfelden –, dass es den Schnitt in Laufenburg braucht – so hart und regionalpolitisch schwierig er auch erscheinen mag. Denn der virulente Wandel im Gesundheitswesen macht eine Veränderung der Prozesse und Strukturen unabdingbar – und dynamisiert gleichzeitig die strukturellen Planungen, die ohnehin anstehen.

Zwei Stichworte seien hier stellvertretend für diesen inneren Prozess erwähnt: Die Strategie «ambulant vor stationär» will der Bund noch stärker verankern und auf weitere Operationsbereiche ausweiten – was die Spitäler Pflegetage kosten wird. Die Spitzenmedizin soll an wenigen Zentren konzentriert werden; die regionalen Anbieter, sprich: die Regionalspitäler, stellen die Grundversorgung sicher.

Die Veränderung hat sich schon lange abgezeichnet. Einige sagen seit Jahren, andere nennen ein konkretes Datum: April 1998. Damals wurde die Fusion der beiden bis dato eigenständigen Regionalspitäler Rheinfelden und Laufenburg zum Thema; die Wogen gingen, insbesondere in und um Laufenburg, hoch – deutlich höher, als es jetzt der Fall ist.

Weshalb? Zum einen, weil das regional-enge Bewusstsein – man kann auch sagen: die Fokussierung auf das Unmittelbare – noch deutlich stärker war. Zum anderen, weil sich inzwischen ein Gewöhnungseffekt bei der Regionalisierung von Angeboten eingestellt hat.

Beim Zeitpunkt setzt auch die Kritik der Befürworter eines Konzentrationsprozesses an. Man habe zu lange gewartet und müsse nun, getrieben von den Kündigungen einiger weniger Kaderärzte, handeln. Die Kritiker haben sicher recht, wenn sie monieren: Zeitdruck sei nie ein guter Berater. Das zeigen andere Beispiele deutlich.

Der Meinung, dass es in Laufenburg einen Schnitt braucht, sind auch viele der 17 Fricktaler Grossräte. Uneinig sind sie sich darüber, wie existenziell respektive tief dieser Schnitt sein soll. Transparenzhalber darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Grossräte und die Spitalleitung in einem regelmässigen Austausch befinden und dass Spital-CEO Annelise Seiler den Fricktaler Grossräten die künftige Strategie in einem Gespräch vorgestellt hat.

Dieses fand allerdings vor der Kündigung der drei Laufenburger Kaderärzte (also der ganzen Ärzte-Mannschaft der Abteilung Allgemeine Chirurgie) statt. In diesem Gespräch, das sagten Grossräte gegenüber der AZ, ging man erstens noch davon aus, dass der Einschnitt weniger radikal sein wird, als ihn nun insbesondere Szenario 2 vorsieht. Und zweitens, dass man mehr Zeit für die Implementation der Strukturanpassungen hat. Das GZF selber ging Anfang Jahr von 12 bis 18 Monaten aus; nun soll – oder muss – die neue Strategie bereits bis Ende Juni vorliegen.

Wut und Verunsicherung

Das zweite Reaktionsmuster auf die Ankündigung des GZF, die Leistungen am Standort Laufenburg zu überprüfen – oder treffender: zu überprüfen, um wie viel Prozent man die Leistungen zurückfahren will, lässt sich in vier Emotionen zusammenfassen: Ernüchterung, Unverständnis, Verärgerung, Wut.

Die Gesprächspartner werfen der Spitalleitung, mehr oder weniger direkt, Missmanagement vor und zielen klar auf einzelne Personen ab. Offen und mit Namen zur Kritik stehen, dies ist eine weitere Konstante in den Gesprächen, mag niemand. Man befürchte Repressalien, heisst es.

Vorwürfe ausräumen

Was ist unter dieser Prämisse von der Kritik zu halten? Ein Teil davon dürfte auf die Prozessdynamik zurückzuführen sein, die es bei einer Umstrukturierung gibt. Jede unfreiwillig herbeigeführte Veränderung, das ist im Menschen tief verankert, löst Verunsicherung und Ängste aus. Denn jeder Strukturprozess unterliegt einer eigenen Dynamik, von der im Vornhinein niemand genau weiss, was die Konsequenzen daraus sein werden. Sprich: Viele haben, zumindest latent, Angst um ihren Arbeitsplatz.

Zweitens löst jeder Prozess auch Unruhe aus. Die Strukturen, die man kennt, werden hinterfragt und den Erfordernissen – oder was die Chefs dafür halten – angepasst. Das wirbelt bekannte Abläufe, bisherige Teamkonstellationen gehörig durcheinander. Und solche Prozesse kosten eigentlich immer Arbeitsplätze – wenn nicht im Moment der Strukturanpassung, so doch mittelfristig. Denn fast jede strukturelle Veränderung hat zumindest als eine Prämisse, einen Spareffekt zu erzielen.

Dies zeigt aktuell wohl keine Branche so deutlich wie die Medienbranche. Gerade in diesen Tagen wurde – nach langem Munkeln – publik, dass Tamedia die «Basler Zeitung» kauft. Dies wird in Basel etliche Stellen kosten, denn den Mantel – also Inland, Ausland und Wirtschaft – alimentiert künftig zum grossen Teil Zürich.

Aber eben: Diese generellen Muster können die Reaktionen auf die Ankündigung des GZF nur zum Teil erklären. Es stehen viele, zum Teil happige Vorwürfe im Raum. So, dass die Spitalleitung die Abgänge nur als Vorwand nehme, um eine längst beschlossene Strategieänderung plausibel verkaufen zu können (siehe Artikel Seite 29). Diese gilt es von der Spitalleitung auszuräumen – ohne Wenn und Aber. Was natürlich voraussetzt, dass sie nicht zutreffen.

Was braucht es nun? Einerseits einen möglichst transparenten Prozess mit einer aktiven Kommunikation. Die Bevölkerung, insbesondere jene um Laufenburg, welche die Veränderungen besonders hart treffen wird, muss mit an Bord geholt werden. Ihre Ängste, ihre Befürchtungen, ihre Inputs gilt es zu reflektieren und in die Überlegungen einzubeziehen.

Personal ernst nehmen

Das gilt, zweitens, erst recht für die Bedürfnisse und Befürchtungen des Personals. Sie sind nicht nur das Kapital des GZF, sondern haben in ihren Fachbereichen oft mehr Ahnung als die Spitalleitung, die doch zum Teil recht weit vom operativen Geschehen entfernt ist.

Es darf nicht sein, dass das Personal – oder das Arbeitsklima – auf der Strecke bleibt. Genau dies, das bestätigen mehrere Mitarbeiter des GZF gegenüber der AZ, drohe aber – oder sei schon Realität. Das Arbeitsklima sei schlecht, die Abgänge häuften sich.

Drittens darf es keinen Schnellschuss geben. Nur weil es zu mehreren Abgängen beim Kader in Laufenburg kommt, darf man nicht übereilt agieren – man kann auch sagen: das Kind mit dem Bad ausschütten. Denn in der Eile, das weiss jeder von uns aus leidlicher Erfahrung, liegt eine der grössten Fehlerquellen.

Die GZF-Leitung tritt am Montag vor die Menschen in Laufenburg und erklärt sich (19 Uhr, Stadthalle). Dies ist ein wichtiger Schritt und ein wichtiges Zeichen – sofern es ehrlich gemeint ist. Es gilt, Fragen zu beantworten, Ängste und Anliegen auf- und vor allem mitzunehmen. Es reicht nicht, diese zu hören, um sie dann schnell wieder zu vergessen. Der Wandel kommt. Er muss mit den Menschen kommen.

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