Abstimmung vor 50 Jahren
Die Männer in den ländlichen Fricktaler Gemeinden wollten nichts vom Frauenstimmrecht wissen

Das Frauenstimmrecht hatte im Bezirk Laufenburg einen schweren Stand: Nur rund 40 Prozent der Männer sagten am 7. Februar 1971 Ja zur politischen Gleichstellung. Der Bezirk Rheinfelden dagegen nahm das Frauenstimmrecht an. SVP-Grossrätin Kathrin Hasler erinnert sich an die Zeit, als Mädchen noch Schürzen tragen mussten.

Thomas Wehrli
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In vielen Regionen der Schweiz kämpften Frauen – wie im Bild in Zürich – mit grossem Einsatz dafür, dass sie ebenfalls abstimmen können.

In vielen Regionen der Schweiz kämpften Frauen – wie im Bild in Zürich – mit grossem Einsatz dafür, dass sie ebenfalls abstimmen können.

Bild: Str / KEYSTONE

Es waren heisse Tage, welche die Schweiz und auch das Fricktal erlebt hat, damals, im Januar 1971. Am Wetter lagen die Wallungen nicht; die Temperaturen schwankten in der letzten Januarwoche zwischen 0 und 10 Grad, wie ein Blick in das Wetterarchiv für den Raum Basel zeigt.

Heiss war es, weil die Schweiz auf eine geschichtsträchtige Abstimmung zuging, bei der es um die Frage ging: Sollen auf nationaler und kantonaler Ebene künftig auch die Frauen abstimmen können? Was aus heutiger Sicht eine Selbstverständlichkeit ist, war vor 50 Jahren heiss umkämpft.

Peter Scholer kämpfte für ein Ja

Vorab Männer liefen gegen dieses «modernistische Zeugs» Sturm, aber auch Frauen waren dagegen. Handkehrum kämpften viele Männer, etwa der spätere SP-Stadtrat von Rheinfelden, Peter Scholer, an der Seite der Frauen dafür, dass die Gleichberechtigung endlich politisch Einzug hielt. Scholer, der damals 24 Jahre alt war, sagt:

«Ich war damals frisch in der SP und ich kämpfte dafür, dass die Frauen das Stimmrecht bekamen.»

Vor allem freute es ihn, «dass nun endlich auch Frauen in politische Ämter gewählt werden konnten». SVP-Grossrätin Kathrin Hasler, damals 14, erinnert sich noch gut an die Diskussionen in der Familie und an der Schule zurück. «Unser Lehrer hatte das Gefühl, dass das Frauenstimmrecht kein dringliches Anliegen ist», erzählt sie. Hasler, die in Stein aufwuchs und zur Schule ging, musste – wie alle Schülerinnen – noch eine Schürze über dem Kleid tragen. Heute kann sie darüber schmunzeln.

«Der Schulleiter war eben noch von der alten Schule.»

Anders in ihrer Familie. Für die Eltern, die jung geheiratet hatten, war klar: Das Frauenstimmrecht muss her. Deutlich skeptischer war der Grossvater. «Eine Generationenfrage», sagt Hasler. Und eine Gesellschaftsfrage, wie der Blick auf die Abstimmungsresultate zeigt. In ländlichen Gebieten wurde das Stimmrecht meist mehr oder weniger deutlich abgelehnt, in urbaneren Regionen dagegen angenommen.

Pharmamitarbeitende brachten liberalere Einstellung mit

In Hellikon beispielsweise, wo Hasler seit langem lebt und wo sie viele Jahre als Frau Gemeindeammann gewirkt hat, sagten nur knapp 33 Prozent Ja zum Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene. Für das kantonale Frauenstimmrecht votierten gut 35 Prozent der Männer.

In Stein dagegen sagten gut 58 respektive knapp 60 Prozent Ja zum Frauenstimmrecht. «Es hatten sich viele Pharmamitarbeitende aus Basel in Stein niedergelassen», erinnert sich Hasler. Sie hätten eine urbanere, liberalere Haltung mitgebracht. Sie ist überzeugt:

«Das führte zu einer Durchmischung mit den konservativeren Kreisen.»

Die Freude bei der Familie Hasler war denn auch gross, als am 7. Februar die Ergebnisse feststanden: Das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene war mit 51,7 Prozent angenommen, jenes auf nationaler Ebene mit 65,7 Prozent. Hasler erinnert sich noch gut daran, mit wie viel Stolz ihre Mutter das erste Mal abstimmen ging. Sie selber freute sich, zu der Generation zu gehören, die von Anfang an mitreden und vor allem mitstimmen konnte.

Vieles war aber trotz des Stimmrechts noch nicht selbstverständlich. So die Berufswahl. Sie wäre gerne Schreinerin geworden, erzählt Hasler. Der Widerstand in ihrem Umfeld war gross; Frauen in Männerberufen – das ging in dieser Zeit dann doch zu weit. Hasler wurde Buchbinderin und kümmerte sich um die Restauration von Büchern statt von Möbeln.

Tempi passati. «Zum Glück», findet Hasler. Für sie gibt es die Geschlechterfrage nicht. «Jeder soll das machen, was ihn interessiert und wofür er Talent hat.»

Im Bezirk Laufenburg waren nur 40 Prozent für das Stimmrecht

So weit war man 1971 noch lange nicht. Gerade im ländlichen Bezirk Laufenburg hatten die Männer grosse Mühe mit der Vorstellung, dass auch Frauen abstimmen können. Nur gerade 39,5 Prozent der Männer stimmten dem Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene zu. Auf kantonaler Ebene sah es nicht viel besser aus: Hier sagten 40,1 Prozent Ja. Noch weniger Zustimmung erhielten die beiden Vorlagen einzig im Bezirk Muri.

Beide Bezirke, Muri wie Laufenburg, waren damals fest in den Händen der Katholisch-Konservativen oder, wie sie sich damals neuerdings nannten, der CVP.

In den urbanen Regionen bot sich ein anderes Bild: Die Bezirke Baden und Aarau nahmen beide Vorlagen deutlich an. Auf Platz drei folgte bereits der Bezirk Rheinfelden, der vom «Basler Schub» angeschoben wurde. 53,1 Prozent der Männer sagten im unteren Fricktal Ja zum Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene, 54,4 Prozent waren es bei der kantonalen Vorlage.

Rheinfelden sagt mit über 60 Prozent der Stimmen Ja

Am deutlichsten fiel die Zustimmung zu beiden Vorlagen in Rheinfelden aus; beim Stimmrecht auf nationaler Ebene sagten 63,8 Prozent Ja, bei jenem auf kantonaler Stufe waren es sogar 66,8 Prozent. Die zweithöchste Zustimmung gab es für beide Vorlagen in Stein. Auf Platz drei folgt beim Stimmrecht auf nationaler Ebene Kaiseraugst, bei jenem auf kantonaler Ebene dagegen Möhlin.

Ja sagten auch Magden und, auf den ersten Blick etwas überraschend, Obermumpf. Auch hier dürfte die Verflechtung mit den Pharmastandorten, vorab mit Stein, ein Grund für die Zustimmung sein.

Insgesamt stimmten 6 der 14 Gemeinden im unteren Fricktal den beiden Vorlagen zu, 8 lehnten sie ab. Konstanz legten dabei die Wegenstetter an den Tag: Bei beiden Vorlagen sagten je 46 Männer Ja und 99 Nein. In den meisten Gemeinden dagegen wichen die Resultate leicht voneinander ab, am deutlichsten in Schupfart, wo die Differenz zwischen den beiden Vorlagen bei 3,3 Prozent lag. Schupfart war auch die Gemeinde im unteren Fricktal, in der das Frauenstimmrecht auf die kleinste Zustimmung stiess.

81 Prozent der Männer waren in Mettau gegen das Frauenstimmrecht

Ein ganz anderes Bild als im unteren zeigt sich im oberen Fricktal: Als einzige Gemeinde stimmte Laufenburg, wo damals viele in industrienahen Betrieben arbeiteten, den beiden Vorlagen zu – und dies mit 59,3 und 60,8 Prozent deutlich. Die Männer in Sisseln sagten zwar Ja zum kantonalen Stimmrecht (51,1 Prozent), lehnten aber jenes auf nationaler Ebene knapp ab (49,4 Prozent).

Alle anderen 21 Gemeinden – die Gemeindefusionen waren noch in weiter Ferne – sagten zweimal Nein. Und dies zum Teil überdeutlich: In Mettau wollten gerade einmal 18,8 Prozent der Männer ein Frauenstimmrecht auf nationaler Ebene, beim kantonalen waren es 23,8 Prozent. Ebenfalls ein deutliches Nein gab es in Sulz mit 22,3 respektive 23,3 Prozent.