Fricktal

52 Ärzte für 80'000 Einwohner – die Hausarztpraxen sind schon jetzt voll ausgelastet

Am Montag informiert das GZF über die Abklärungen, die es trifft. Da dürfte der Puls beim einen oder anderen hochgehen.

Am Montag informiert das GZF über die Abklärungen, die es trifft. Da dürfte der Puls beim einen oder anderen hochgehen.

Die Zukunft der Notfallstation in Laufenburg ist offen – das trifft auch die Hausärzte in der Region. Bei ihrer Schliessung würde eine wichtige Entlastung wegfallen.

Wie geht es mit dem Spital Laufenburg weiter? Diese Frage beschäftigt derzeit nicht nur das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) als Betreiberin stark. Auch in der Bevölkerung und unter den Ärzten schlägt die Ankündigung des GZF, dass es Veränderungen geben wird, hohe Wellen.

Denn klar ist bereits jetzt: Das Angebot in Laufenburg wird abgebaut. Zwei Szenarien prüft das GZF bis Ende Juni: Beim ersten wird die stationäre Chirurgie in Rheinfelden konzentriert, beim Szenario 2 auch die stationäre Medizin. Wird Szenario 2 umgesetzt, bleiben in Laufenburg nur das Pflegeheim und eine ambulante Sprechstunde (Lesen Sie hier).

Überprüft wird auch, wie es mit der Notfallstation in Laufenburg weitergeht. Beim Szenario 2, also dem radikaleren Schnitt, spricht das GZF von maximal einem «Notfall light», einer ersten Triagestelle für Notfälle tagsüber, die bleiben könnte – «allenfalls», wie es in der Medienmitteilung einschränkend heisst.

Gerade die Notfallstation aber ist nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Ärzte in der Region Laufenburg wichtig. «Wir sind alle voll ausgelastet», sagte Markus Aellig, Hausarzt in Laufenburg, letzte Woche in der AZ.

Zudem sind mehrere Ärzte bereits um die 60, womit sie nur noch reduziert Notfalldienst leisten. Auch deshalb gab es einen Systemwechsel beim Notfall: Stellten bislang die Hausärzte auch den nächtlichen Notfalldienst für ihre Patienten sicher, so gehen seit Anfang Jahr die Anrufe ab 18 Uhr direkt ins Spital. Dieses nimmt die Triage vor und bietet bei Bedarf den diensttuenden Hausarzt auf.

Wird die Notfallstation in Laufenburg geschlossen, fällt diese Entlastung weg. Das würde den Ärzten nicht nur Mehrarbeit verschaffen, sondern auch die Nachfolgeproblematik verschärfen. Denn viele junge Ärzte sind nicht mehr bereit, allzu oft Notfalldienst zu leisten. Sprich: Sie übernehmen eine Praxis an einem Ort, wo die Belastung weniger hoch ist.

Im Fricktal sind derzeit mehrere der 52 bei den Krankenkassen gelisteten Hausärzte über 60, einige sogar über 65. Sie sind, mehr oder weniger intensiv, auf der Suche nach einem Nachfolger. Die Suche ist schwierig, selbst in den Zentren wie Frick, und dauert oft mehrere Jahre.

Weniger Ärzte pro Einwohner

Die Altersproblematik ist dabei kein Fricktaler Problem. Das Durchschnittsalter der Ärzte lag im letzten Jahr schweizweit bei 49,4 Jahren. Das tönt zwar gut; rechnet man aber die Ärzte, die im stationären Bereich tätig sind – also an Spitälern – heraus, lag das Durchschnittsalter bei 54,8 Jahren – und damit nahe am Zeitpunkt, an dem man sich Gedanken über die Praxisnachfolge machen muss. Kommt erschwerend hinzu: Die Bevölkerung wuchs in den letzten Jahren massiv – die Zahl der Hausärzte aber hielt insbesondere im ländlichen Raum bei diesem Wachstum nicht mit.

Im Fricktal wuchs die Bevölkerung allein seit 1986 um gut 50 Prozent. Zwar stieg in dieser Zeit auch die Zahl der Hausärzte – aber, zumindest im oberen Fricktal, zu wenig stark, um dieses Bevölkerungswachstum auszugleichen. Das heisst: Ein Arzt betreut heute mehr Patienten als 1986. So kamen im Bezirk Laufenburg 1986 0,73 Grundversorger auf 1000 Einwohner. Unter Grundversorgern subsumiert das statistische Amt des Kantons Aargau alle praktischen Ärzte, Allgemeinmediziner und Allgemeine Innere Mediziner – also zum Beispiel auch die Kinderärzte.

Mehr Ärzte im unteren Fricktal

Heute liegt dieser Wert bei 0,67 Ärzten pro 1000 Einwohner. Rechnet man nur die 18 Ärzte, welche die Krankenkassen als Hausärzte im oberen Fricktal listen (ohne Kinderärzte), so liegt der Wert sogar noch einiges tiefer: bei 0,56 Ärzten pro 1000 Einwohner.

Besser sieht es im unteren Fricktal aus. Hier weist die Statistik für 1986 0,75 Grundversorger pro 1000 Einwohner auf – dreissig Jahre später, 2016, sind es 0,95. Allerdings hat der Bezirk Rheinfelden eine hohe Dichte an Kinderärzten: Acht listen die Krankenkassen auf, allesamt in Rheinfelden.

Im oberen Fricktal sind es deren zwei Kinderärzte, beide in Frick. Doch selbst wenn man die Rechnung mit den 34 Hausärzten macht, welche die Krankenkassen ohne die Kinderärzte auf der Hausarzt-Liste führen, kommt man im unteren Fricktal immer noch auf 0,71 Hausärzte pro 1000 Einwohner.

Mit anderen Worten: Ein Arzt im oberen Fricktal betreut aktuell deutlich mehr Patienten als ein Arzt im unteren Fricktal. Rein rechnerisch kommen im unteren Fricktal 1402 Einwohner auf einen Arzt, im oberen sind es 1787.

Zwei weitere Eigenheiten fallen beim Blick auf die Ärzteliste auf: Eine Konzentration in den Zentren. 32 der 52 Ärzte praktizieren in den vier bevölkerungsstärksten Gemeinden Frick, Kaiseraugst, Möhlin und Rheinfelden.

Umgekehrt formuliert: In den 28 weiteren Gemeinden gibt es nur 20 Hausärzte. Klarer Spitzenreiter ist Rheinfelden mit 15 Hausärzten, gefolgt von Möhlin mit 8. Eine Gemeinde fällt hier etwas aus dem Rahmen: Zeiningen, wo vier Ärzte gelistet sind – bei knapp 2300 Einwohnern. Allerdings praktiziert sonst kein Arzt im ganzen Tal.

Ein Trend zu Gruppenpraxen und Praxisgemeinschaften. Als Gruppenpraxen weist die Krankenkasse KPT auf ihrer Ärzteliste fünf Praxen mit insgesamt zehn Ärzten aus. Drei davon betreibt das GZF. Hinzu kommen jene Ärzte, die sich die Praxisräume teilen respektive in einem Ärztehaus arbeiten.

Infoveranstaltung am Montag

Diese Entwicklung hin zu Gruppenpraxen und Praxisgemeinschaften mag die Nachfolgeproblematik leicht entschärfen, da die systembedingten Vorteile – etwa die bessere Verteilung der Spitzen und der Notfallzeiten – einen Arbeitsort im ländlichen Raum auch für junge Ärzte attraktiver macht.

Lösen kann sie die Problematik nicht, wie Thomas Bleile, Hausarzt in Laufenburg, letzte Woche gegenüber der AZ verdeutlichte: «Ein junger Arzt, der als Hausarzt tätig sein will, kann heute aus 10 bis 20 Angeboten auswählen.» Bei der Wahl spiele auch eine Rolle, wie oft jemand Notfalldienst leisten müsse. Womit wir zurück wären bei der Eingangsfrage: Wie geht es mit dem Spital Laufenburg weiter? Und wie mit der Notfallstation?

Erste Aussagen dazu dürfte das GZF am nächsten Montag machen. Dann führen die Spitalchefs eine Infoveranstaltung in Laufenburg durch. In der Höhle des Löwen, wenn man so will, denn Laufenburg hat den Löwen im Wappen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1