Flussschwimmer

12 Grad kaltes Wasser schreckt ihn nicht ab – Wittnauer schwimmt seit 40 Jahren im Rhein

Nach einer Viertelstunde im 12 Grad kalten Rheinwasser wirkt Jakob Vogt ruhig und entspannt.

Nach einer Viertelstunde im 12 Grad kalten Rheinwasser wirkt Jakob Vogt ruhig und entspannt.

Mitte November kommt dem 66-jährigen Flussschwimmer Jakob Vogt aus Wittnau niemand in die Quere. Den Rhein hat Vogt nun ganz für sich allein. Seit 40 Jahren schrecken ihn deswegen auch kalte Temperaturen kaum ab.

Maskenpflicht? Hat ihn nicht zu kümmern. Mindestabstände? Muss er sich keine Gedanken darüber machen. Jakob Vogt betreibt eine Sportart so coronasicher wie kaum eine zweite – das Schwimmen im Rhein. Die Wahrscheinlichkeit, dass dem Wittnauer jetzt, im November, jemand im Fluss begegnet, ist nahe null – bei 12 Grad Wassertemperatur.

Ein mit Badehose bekleideter Mann Mitte November – am Sissler Rheinufer schüttelt darüber niemand mehr den Kopf. Auch nicht die Vogelkundler, die mit ihren riesigen Teleobjektiven dem Eistaucher nachzuspüren versuchen. Dafür kennen sie Vogt schon zu gut. Seit fast 20 Jahren, seit er in Wittnau wohnt, kommt er tagtäglich nach Sisseln. Läuft ein Stück flussaufwärts, um sich dann in die Fluten zu stürzen.

Wie Vogt ins Wasser steigt, würden manche nicht in eine 25 Grad warme Badi gehen – schnurstracks hinein, ohne sich noch lange abzukühlen, ohne Prusten und Jammern, geschützt nur durch Neopren an Händen und Füssen. Auch ein Anwohner beobachtet die Szenerie und ist beeindruckt. Sagt aber auch: «Für mich wäre das nichts.» Hinterher, nach rund einer Viertelstunde im Wasser, erklärt es Vogt: «Das geht bei mir inzwischen automatisch. Ich denke nicht, ich laufe einfach rein.» Und: «Immer von unten nach oben abkühlen. Nie mit dem Kopf voraus.»

Entzugserscheinungen nach Zwangspause

Mit diesen eher schlichten Maximen vertraut sich der Wittnauer seit mehr als 40 Jahren Vater Rhein an. Wann es das erste Mal war, weiss der 66-Jährige nicht mehr. Er weiss nur, dass er in den ersten Jahren, damals noch in Basel, von Oktober bis März Pause machte. Dass er anfangs allein die Idee, auch im Winter zu schwimmen, noch weit von sich wies. Aber es dauerte nicht lange, so angefressen zu sein, dass es zum täglichen Ritual wurde. Es verging nicht allzu viel Zeit, bis er nicht mehr darauf verzichten konnte.

«Ende 2019, Anfang 2020 lag ich nach einer Operation für zweieinhalb Monate komplett flach. Dass ich so lange nicht ins Wasser konnte, war das Allerschlimmste für mich. Da habe ich regelrecht Entzugserscheinungen bekommen. Da bin ich unausstehlich geworden», berichtet er. So musste er im Februar 2020 sich wieder akklimatisieren, wieder klein anfangen, den geschwächten Körper erneut an die mitunter extreme Belastung gewöhnen.

Und kaum war er wieder drin, kam der Lockdown und mit ihm die neuerliche Herausforderung, sich in einem Grenzfluss keiner illegalen Einreise schuldig zu machen. Aber sonst kam ihm die Pandemie nicht in die Quere. «Vom Trend zum Flussbaden habe ich hier nichts gemerkt, auch nicht im Sommer», erzählt Vogt. Dabei kann er es, zumindest für die warme Jahreszeit, nur allen empfehlen: «Bei der Wasserqualität viel besser als jedes Freibad.»

Das Wannenbad zuhause lehnt er ab

Für Jakob Vogt kommt der Besuch einer beheizten Badi schon lange nicht mehr in Frage. Wenn er sagt, «15 Grad sind ideal für mich», kann er auch einer warmen Badewanne zuhause nichts abgewinnen. Er ist schon bei null Grad Wassertemperatur geschwommen. Er hat schon Hochwassern getrotzt, bei denen 5000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde den Rhein runtergerauscht sind.

Wie widrig die Bedingungen auch sein mögen – auf das Schwimmen im Rhein verzichtet der Wittnauer nie. Ebenso wenig auf die Zigarette danach. Die muss sich der Wittnauer einfach anstecken.

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