Wohlen
Zum Geburtstag gibt's ein Zeitgeschenk für die Kundschaft: Die Spitex Wohlen feiert das 125-Jahr-Jubiläum

Zeit, an der fehlt es den 37 Mitarbeitenden der Spitex Freiamt oft. Gerne würden die Mitarbeiterinnen sich mehr Zeit nehmen für ein Gespräch mit ihren Kundinnen und Kunden. Im Jubiläumsjahr geht das nun. Jede Mitarbeiterin kann im kommenden Jahr acht Stunden für ein Gespräch einsetzen.

Nathalie Wolgensinger
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Geschäftsleiterin Christine Kaspar und Vereinspräsident Pascal Gregor in den Räumlichkeiten der Spitex Freiamt.

Geschäftsleiterin Christine Kaspar und Vereinspräsident Pascal Gregor in den Räumlichkeiten der Spitex Freiamt.

Nathalie Wolgensinger

Wärterinnen hiessen damals die Mitarbeiterinnen des Krankenpflegevereins des Bezirks Bremgarten, der am 13. Dezember 1896 gegründet wurde. Geschäftsleiterin Christine Kaspar las in den ersten Protokollbüchern nach und sagt: «Damals gab es noch keine Ausbildung, man stellte Laien an, die sich um die Kranken kümmerten, später wurden dann auch Klosterfrauen angestellt, die über Jahrzehnte lang diese Arbeit ausführten.»

Heute sind 37 Mitarbeiterinnen der Spitex Freiamt alles andere als Wärterinnen, sie sind bestens ausgebildete Fachfrauen, die sich um das Wohlergehen der Menschen in Wohlen und Waltenschwil kümmern. Die Fachfrauen sind dann zur Stelle, wenn pflegerische Dienstleistungen zu Hause gefragt sind. Christine Kaspar stellt fest:

«Wir sind mittlerweile der verlängerte Arm der Spitäler.»

Damit spielt sie darauf an, dass die Patientinnen und Patienten immer früher aus der Spitalpflege entlassen werden. Die Organisation hat sich auf die damit eingehenden veränderten Bedürfnisse eingestellt und ihr Angebot danach ausgerichtet.

So ist es denn auch kein Problem mehr, wenn sich die Kunden am späten Nachmittag melden und um Hilfe nachfragen. Das Team um Kaspar macht es möglich, dass bereits am nächsten Tag jemand vorbeikommt. In Notfällen ist das Team auch nachts telefonisch erreichbar.

Um diese Dienstleistungen aufrechtzuerhalten, ist ein grosser Effort von allen Mitarbeiterinnen gefordert. Das zeigte sich exemplarisch während der Pressekonferenz am Donnerstag in den Räumlichkeiten an der Bahnhofstrasse in Wohlen. Weil eine Mitarbeiterin ausfiel, musste Christine Kaspar während des Pressetermins auch die Telefonzentrale betreuen.

Im vergangenen Jahr wurde 17'000 Stunden Arbeit geleistet

Zeit ist ein rares Gut. Auch bei der Spitex Freiamt. Der Einsatzplan der 37 Frauen ist eng getaktet. Christine Kaspar sagt:

«Für ein persönliches Gespräch bleibt fast keine Zeit. Das belastet unsere Mitarbeiterinnen sehr.»

Oftmals sind sie die einzigen Ansprechpersonen für die Kunden, die in der Regel betagt sind. Während der Pandemie sei dieser Missstand ganz deutlich zum Tragen gekommen, erzählt Kaspar. Weil der Kontakt zu den Mitmenschen noch mehr eingeschränkt wurde, hätten sich viele Betagte telefonisch auf der Geschäftsstelle gemeldet, einfach um mit jemanden sprechen zu können. Sie alle hätten darunter gelitten, dass die Betagten vereinsamten, stellt sie fest.

Aus diesem Grund hat man beschlossen, der Kundschaft als Jubiläumsgeschenk Zeit zu schenken. Jede Mitarbeiterin darf acht Stunden ihrer Zeit für Gespräche einsetzen. Finanziert wird das Präsent vom Trägerverein der Spitex Freiamt, der dafür Spendengelder einsetzt. Diese erhält er von verschiedenen Seiten. Unter anderem auch von der Brockenstube an der Bünz. Diese wurde 1966 eigens dazu gegründet, um der Spitex finanziell unter die Arme zu greifen.

Die Hilfsmittel sind moderner geworden, die Arbeit hingegen ist dieselbe: Die Menschen in ihrem Daheim pflegen.

Die Hilfsmittel sind moderner geworden, die Arbeit hingegen ist dieselbe: Die Menschen in ihrem Daheim pflegen.

Büro für Sozialgeschichte Basel

Vereinspräsident Pascal Gregor freut sich, dass bei der Spitex sehr effizient gearbeitet wird, der Grad der Eigenwirtschaftlichkeit beträgt 70,6 Prozent. Die 37 Mitarbeiterinnen betreuen im Schnitt 180 Kundinnen und Kunden während 17'000 Stunden im Jahr.

Mitarbeiterinnen zu finden, das ist nach wie vor die grösste Herausforderung. Christine Kaspar erzählt: «In praktisch jedem Protokoll seit der Vereinsgründung wird erwähnt, dass neue Mitarbeiterinnen gesucht werden müssen.»

Um als Arbeitgeberin attraktiv zu bleiben, bietet man unter anderem angepasste Arbeitszeiten an und bildet Berufsnachwuchs aus. Um dies so weiterführen zu können, strebt die Spitex Freiamt Kooperationen an, auch eine Fusion mit einer anderen Spitex-Organisation sei nicht auszuschliessen, bestätigt Pascal Gregor. Erst aber heisst es feiern: An der Generalversammlung am 9. Juni tun dies Angestellte und Vereinsmitglieder gemeinsam und dann bleibt bestimmt auch Zeit für ein längeres Gespräch.