Hoffnung Südumfahrung
Wohlen und der liebe Verkehr – eine Zeitreise

Täglich staut sich in Wohlen der Verkehr. Morgens, mittags und abends. Dazwischen rollt er, aber das bringt den Pendelnden wenig. Südumfahrung heisst der Hoffnungsschimmer fern am Horizont. Oder doch Einbahnverkehr? Beide Ideen sind alles andere als neu. Eine kleine Zeitreise.

Andrea Weibel
Andrea Weibel
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Viel Verkehr auf der Wohler Zentralstrasse an einem frühlingshaften Abend.

Viel Verkehr auf der Wohler Zentralstrasse an einem frühlingshaften Abend.

Andrea Weibel (28.4.2022)

Wohlen sollte man umfahren. Ständig steht man im Stau und schleicht eingefädelt durchs Dorf. Da helfen auch die schmucken historischen Gebäude der Strohzeit am Wegrand wenig. Jetzt, wo die Nutzenbachstrasse noch bis im November wegen Bauarbeiten gesperrt ist, hat man es als Pendler noch schwerer, Wohlen per Auto zu den Stosszeiten zu passieren.

Wie verlockend klingen da die grossen Ideen: Südumfahrung und Einbahnring. Sie zergehen wie Glace auf der Zunge, wenn man im unklimatisierten Auto unter der brütenden Maisonne im Stau schmort. Tolle Ideen. Doch beide sind nicht neu. Beide wurden mehrfach verworfen. Und beide finden ihren Weg immer wieder zurück aufs politische Parkett.

1970er: Viel zu viel Verkehr in Wohlen

Bereits in den 1970er-Jahren wurde das Einbahnregime im Wohler Zentrum angedacht. Damals kam immer mehr Verkehr auf, es musste etwas unternommen werden. Caroline Wiederkehr, Medienverantwortliche der Gemeinde Wohlen, bestätigt: «Das Thema Einbahnring hat in der Gemeinde Wohlen eine lange Geschichte. Bereits 1972 im Zusammenhang mit der ersten Verkehrsplanung war der Einbahnring ein Thema.»

Dieser hätte über die Zentralstrasse, den Kirchrain hinunter und über die Bünzstrasse wieder zurück zur Zentralstrasse führen sollen. Oder umgekehrt. «In regelmässigen Abständen gingen in den Folgejahren politische Vorstösse ein», schreibt Wiederkehr weiter. Es sollte gut 20 Jahre dauern, bis das Thema wirklich angegangen wird. In der Zwischenzeit kam «Aarau» eine andere Idee.

1980er: Die Südumfahrung wird ein Strich im Richtplan

Jetzt kommt sie ins Spiel, die Südumfahrung. Es handelt sich um eine 2,2 Kilometer lange Querverbindung, die vom Bremgarterwald über das Chüestellihau bis zur Bünztalstrasse im Bereich Boll führen soll. Sie wurde 1980 ersonnen, denn noch immer war das Verkehrsproblem in Wohlen nicht behoben.

Die Südumfahrung wurde als Zwischenergebnis im kantonalen Richtplan eingetragen. Das Trassee war also bestimmt, es wurde ein Strich in den Plan gezeichnet.

1990er: Planung des Einbahnregimes geht endlich los – oder?

1994 liess der damalige Wohler Gemeinderat einen Bericht erstellen, der zum Schluss kam, dass ein Einbahnring zu wenig Nutzen, dafür viele Probleme bringen würde. Wiederkehr schreibt: «Insbesondere die Schadstoff- und Lärmemissionen aufgrund langer Umwege, die Befürchtung des Schleichverkehrs und die finanziellen Aufwendungen wurden negativ beurteilt.»

Im Verkehrsrichtplan 1996 wurde der Einbahnring erneut thematisiert. Und erneut aus denselben Gründen verworfen. Auch eine Südumfahrung gab es noch immer nicht.

Ab 2000: Deutliche Worte gegen den Einbahnring

2012 erarbeitete die Gemeinde die Nachfolgeplanung, den Kommunalen Gesamtplan Verkehr (KGV). Es wurde Zeit, den Einbahnring nochmals gründlich zu prüfen. Doch was im KGV, der bis heute gilt und bald überarbeitet wird, zu lesen ist, ist eindeutig:

«Auf eine Einbahnlösung wird wegen Nichterfüllens der Zielführung definitiv verzichtet.»

Ab dem Jahr 2013 folgte die Erarbeitung des Begegnungs- und Gestaltungskonzepts Zentralstrasse. Wieder kam der Einbahnring zur Sprache. «Man kam wieder zum Schluss, dass die Einführung mehr Nachteile mit sich bringt», so Wiederkehr.

2022: Ist die Zeit reif für Südumfahrung und Einbahnring?

Das Jahr 2022 könnte jenes sein, in dem die beiden Themen, die schon so oft behandelt und verworfen wurden, in konkreten Projekten münden. Der Kanton hat im April eine Infoveranstaltung abgehalten. Als Allererstes braucht es eine Gesamtverkehrsbetrachtung in und um Wohlen, sind sich Kanton und Gemeinde einig.

Dabei werden alle Verkehrsmittel berücksichtigt, vom öffentlichen über den Fuss- und Veloverkehr bis hin zum motorisierten Individualverkehr. Durch diese Gesamtschau sollen Massnahmen geprüft werden, die zur Verbesserung des Verkehrssystems für Wohlen führen sollen. Eine dieser Massnahmen könnte die Südumfahrung sein.

Aber: Schon bei der Infoveranstaltung wurde aufgezeigt, dass nur rund 20 Prozent des Verkehrs in Wohlen Durchgangsverkehr sind, der durch eine Südumfahrung aus dem Zentrum geleitet werden könnte. 80 Prozent sind Quell-/Ziel-Verkehr oder Binnenverkehr, also Fahrten, die in Wohlen beginnen, enden oder beides.

Oder braucht es noch grössere Ideen?

Womit wir wieder beim Einbahnring wären. Das dachte sich auch SVP-Einwohnerrat Manfred Breitschmid und schickte diese Woche eine Motion an den Einwohnerrat, die den Gemeinderat auffordern soll, ein Einbahnregime zu prüfen. Dieses soll – wie die Originalidee aus den 70ern – die Zentralstrasse mit dem Kirchrain und der Bünzstrasse zum Ring schliessen.

Gemeindeammann Arsène Perroud verweist auf Anfrage auf den KGV von 2012: «Es bestehen immer noch dieselben Probleme, die damals gegen die Ringvariante gesprochen haben: insbesondere befürchteter Schleichverkehr sowie erhöhte Schadstoff- und Lärmemissionen aufgrund langer Umwege.»

Wie gesagt: 2022 könnte das Jahr sein, in dem die beiden Themen, die schon so oft behandelt und verworfen wurden, in konkreten Projekten münden. Die Alternative: Sie werden erneut behandelt und verworfen. Oder sie werden gegen andere noch grössere Ideen ersetzt. Beispielsweise einen Tunnel ab Fischbach-Göslikon bis zur Wohler Nutzenbachstrasse.

Sicher ist: Kanton und Gemeinde ist bewusst, dass die Pendelnden sowie die Anwohnenden zu Stosszeiten unter dem hohen Verkehrsaufkommen leiden. Jetzt wird alles geprüft, danach geht die Planung los.