Uezwil
«Wir suchen einen Grossvater für unsere Kühe»

Genau 71 Tage lang war stets jemand der Familie Wüthrich aus Uezwil auf der Alp und beaufsichtigte die Tiere. Wüthrichs sind längst zurück von der Alp. Nächstes Jahr soll sich einiges ändern – ein Plan steht aber noch nicht.

Andrea Weibel
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Mit 23 Kühen und Kälbern sind sie am 17.Juni auf die Brechalp im Berner Oberland gefahren – mit 24 kamen sie am 26. August wieder runter. Genau 71 Tage lang war stets jemand der Familie Wüthrich aus Uezwil auf der Alp und beaufsichtigte die Tiere, welche die frischen Alpwiesen auf rund 1500 Meter über Meer abgrasen durften.

«Normalerweise sind wir gut zwei Wochen länger oben», sagt Hans Wüthrich. «Dieser Sommer war aber so nass und kalt, dass das Gras kaum gewachsen ist und die Wiesen zu Äckern geworden sind.» Kurzerhand wurde der Alpabzug – ganz ohne pompösen Blumenschmuck, dafür mit Glocken und Glöckchen für jedes Tier – vorverschoben.

Drei geboren, zwei gestorben

Auf der Alp haben drei Kühe gekalbert. «Das erste war eine Nachtübung», berichtet Agnes. Die zweite Geburt habe die Kuh, die bereits ihr drittes Kalb geworfen hat, völlig selbstständig geschafft. «Ich habe riesige Augen gemacht, als am Morgen plötzlich ein Kalb mehr in den Stall trottete», erinnert sich Hans. «Die dritte Geburt war mühsam», so Agnes. «Ich hätte nach Hause zur Arbeit fahren müssen, als es losging.»

Normalerweise wäre das kein Problem, «aber die Kuh ist so aggressiv geworden, dass ich sie nicht allein lassen konnte». Hans musste notfallmässig ins Berner Oberland fahren, um zu übernehmen. Eines der drei Kälbchen sei allerdings noch auf der Alp gestorben. «Zudem ist der junge Muni, den wir eigentlich behalten wollten, irgendwo abgestürzt», ist Hans Wüthrich traurig. «Wanderer haben ihn später tot im Bach gefunden und die Air Glacier musste ihn mit dem Helikopter bergen. Davon haben wir erst erfahren, als die Rechnung kam.» Denn als er den Muni nach zwei Tagen Suche noch immer nicht gefunden hatte, gab er auf.

«Nicht auf die Alp verzichten»

Dieser Sommer sei nicht mehr so einfach gewesen wie frühere. «Unsere Kinder sind alle in der Lehre oder an der Arbeit und haben nicht mehr so viel Ferien, um auf der Alp mitzuhelfen», beschreibt Hans. Auch er und seine Frau hätten zu Hause genug zu tun. «Auf die Alp wollen wir aber nicht verzichten», sind sie sich einig. «Einerseits fressen die Tiere dann Gras und brauchen kein Futter von hier unten. Rein finanziell ist
die Sömmerung aber nicht lohnenswert.» Agnes ergänzt: «Aber irgendwer muss auch zur Landschaft schauen. Wenn wir nicht jedes Jahr junge Tännchen ausreissen würden, wären die Alpwiesen innert kürzester Zeit verwaldet.»

Aus diesem Grund sucht die Familie Wüthrich nach einer Alternative: «Einen Sommer lang war eine Mutter mit ihren zwei Kindern für uns auf der Alp. So etwas könnten wir uns wieder vorstellen», sagt Agnes. «Es könnte aber auch eine ältere Person sein.» Lachend präzisiert Hans: «Im Grunde suchen wir einen Grossvater für unsere Kühe.»

Zuerst muss aber die ganze Familie nochmals hinauf, um alles winterfest zu machen und die Kartoffeln für den nächsten Frühling mäusesicher zu lagern. «Dann schauen wir weiter», sagt Hans Wüthrich.

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