Villmergen
«Villmärger Wöörtertrucke»: Ein Buch sorgt dafür, dass die alten Mundartausdrücke nicht vergessen gehen

Amediisli, Bääsi, Fuessete und Nachthöiel – viele alte Wörter sind längst nicht mehr in Gebrauch. Eine Villmergerin und vier Villmerger haben sich darum sieben Jahre lang regelmässig getroffen und solche Ausdrücke gesammelt. Daraus ist jetzt ein Buch entstanden. Neben der Wörterliste sind auch die Kurzgeschichten und Bilder sehenswert.

Andrea Weibel
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Die Theatergesellschaft Villmergen machte die Geschichte und Geschichten aus der damaligen Zeit erlebbar: Patrick Grob als Erzähler.

Die Theatergesellschaft Villmergen machte die Geschichte und Geschichten aus der damaligen Zeit erlebbar: Patrick Grob als Erzähler.

Andrea Weibel

«Si händ s Heu nid of de gliiche Büni» oder «mer cha Bättli bsägne anere» – wer versteht solche Ausdrücke heute noch? Ganz sicher werden sie noch von einer Villmergerin und vier Villmergern verstanden. Denn diese fünf haben die Ausdrücke und dazu eine riesige Liste an alten, teilweise fast vergessenen Wörtern in «Buuretüütsch» gesammelt. Jetzt können auch junge Leute, die bei den Worten nur Bahnhof verstehen, diese wieder aufleben lassen. Denn ab jetzt gibt es ein Wörterbuch dazu.

«Villmärger Wöörtertrucke» heisst das 96 Seiten starke Buch, das neben der riesigen Liste an Wörtern und deren hochdeutscher Übersetzung auch viele alte Bilder und Anekdoten von damals liefert. Gesammelt und zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurden all diese von Agnes Fischer, Armin Meier, Hanspeter Meyer, Linus Keusch und Paul Koch.

Mitautor Paul Koch zeigt stolz das neue Werk, die Villmärger Wöörtertrucke.

Mitautor Paul Koch zeigt stolz das neue Werk, die Villmärger Wöörtertrucke.

Andrea Weibel

Am Freitagabend konnten sie ihr Werk nun endlich der Öffentlichkeit vorstellen. Endlich, denn es hat satte sieben Jahre gedauert, bis es fertig war. Im Buch schreibt Paul Koch: «Im Dorf hatten wir einst eine Dorfzeitung, in der Wildwuchs im Gebrauch unserer Mundart praktiziert wurde. Ein paar Gleichgesinnte, die sich daran störten, kamen zusammen und meinten: Wenn wir jetzt nicht etwas unternehmen, gehen die schönen alten Wörter verloren.» Gesagt, getan.

1860 gab es im Dorf 1659 Einwohnende, davon 6 Protestanten

Eine einfache Lesung als Vernissage des spannenden, ausdrücklich nicht wissenschaftlichen Werkes, wäre nicht das Richtige gewesen. Wer, wenn nicht die Theatergesellschaft Villmergen könnte die alten Geschichten zum Leben erwecken?

Erzähler Patrick Grob liess die alten Geschichten aufleben.

Andrea Weibel

Patrick Grob las als humorvoller Erzähler aus alten Texten vor, beispielsweise aus dem Protokoll der Volkszählung von 1860. Damals zählte Villmergen 1659 Einwohnerinnen und Einwohner. Genauer: 776 Männer und 883 Frauen. Es gab 196 Wohnhäuser, 84 Dienstboten, 6 Ausländer und 15 Protestanten. Zudem gab es eine französisch sprechende Person sowie eine, die Englisch sprach.

Schauspielerin Hildegard Hilfiker liess als arme Bäuerin, die von der Gemeinde die Überfahr nach New York finanziert bekam, an die Hungerjahre um 1851 denken. Und Schauspieler Niklaus Meyer klärte als Landvogt Krebsiger darüber auf, was Wirte 1551 durften und was nicht. Um nur zwei Beispiele des theatralischen Abends zu nennen. Natürlich stets gespickt mit Ausdrücken aus der damaligen Mundart.

Die Autoren des Buches «Villmärger Wöörtertrucke»: Linus Keusch, Agnes Fischer, Paul Koch, Hanspeter Meyer (von links, es fehlt: Armin Meier).
7 Bilder
Ja, die Jugend versteht die alten Worte nicht mehr. Das geht aber auch umgekehrt.
Sabina und Alois Bürger untermalten die Geschichten mit Musik, die zur jeweiligen Zeit passte.
Die Theatergesellschaft Villmergen machte die Geschichte und Geschichten aus der damaligen Zeit erlebbar.
Hildegard Hilfiker als Auswandererin.
Patrick Grob als Erzähler.
Niklaus Meyer als Landvogt Krebsiger.

Die Autoren des Buches «Villmärger Wöörtertrucke»: Linus Keusch, Agnes Fischer, Paul Koch, Hanspeter Meyer (von links, es fehlt: Armin Meier).

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Es geht auch anders herum: «Mein Crush antwortet nicht auf Snap»

Um jene längst vergangenen Zeiten noch greifbarer zu machen, rundete das Angliker Musikerpaar Sabina und Alois Bürger die Vernissage mit Querflöte und Klavier ab. Mit einer Sonate von Georg Philipp Telemann beschworen sie das 18. Jahrhundert herauf. Und mit einem Walzer von Edvard Grieg zeigten sie, wozu Villmerger Arbeiterinnen und Arbeiter vielleicht um 1900 herum getanzt haben mögen.

Ja, die junge Generation versteht viele alten Worte nicht mehr. Dass es umgekehrt genauso ist, bewiesen die jüngsten Mitglieder der Theatergesellschaft. «Mein Crush antwortet nicht auf Snap – seit zehn Minuten!», beschwerte sich beispielsweise eine der Schauspielerinnen und erntete Gelächter.

Niklaus Meyer als alter Bauer, der sich gegen die Fabrikarbeiten wehrt, die zum Beispiel 1939 mit der «Hösi», der Kleiderfabrik, Einzug hielten.

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So verändert sich die Mundart, die früher noch «Buuretüütsch» genannt wurde, hielt Paul Koch zum Schluss fest. «Und das ist auch gut so», versöhnte er die Generationen. Das Buch, das mit grosszügiger Unterstützung der Ortsbürgerstiftung, der Koch-Berner-Stiftung und der Ernst-Dambach-Stiftung produziert werden konnte, wird allen Ortsbürgerinnen und -bürgern geschenkt. Aber auch alle anderen Interessierten dürfen sich ein kostenloses Exemplar bei der Gemeindekanzlei abholen.

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