Villmergen
Die Kirche bleibt im Dorf und der Brunnen auch – das sind die neun schönsten Details in der neuen Bau- und Nutzungsordnung

Zehn Jahre hat es gedauert, bis Villmergen es geschafft hat, seine Bau- und Nutzungsordnung zu erneuern. Am Dienstagabend wurde sie an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung gutgeheissen. Klingt kompliziert? Die AZ zeigt die neun schönsten Änderungen.

Andrea Weibel
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Zwei Drittel der Parzelle, auf der die reformierte Kirche Villmergen steht, soll der Gemeinderat umzonen, sodass Ein- oder Zweifamilienhäuser gebaut werden können.

Zwei Drittel der Parzelle, auf der die reformierte Kirche Villmergen steht, soll der Gemeinderat umzonen, sodass Ein- oder Zweifamilienhäuser gebaut werden können.

Andrea Weibel

Das Wichtigste zuerst: Ja, Villmergen hat seine Bau- und Nutzungsordnung endlich erneuern können. Das wichtige Schriftstück, das die unterschiedlichen Bauzonen im Dorf aufzeigt, muss jetzt zwar noch vom Kanton geprüft werden. Aber so weit kam es in zehn Jahren nie. Die Idee, den Plan anzupassen, hatte die Gemeinde, seit sich der Ortsteil Hilfikon 2010 der Gemeinde Villmergen angeschlossen hat.

170 Villmergerinnen und Villmerger waren am Dienstagabend in der Mehrzweckhalle Dorf, so viele sieht die 7700-Einwohner-Gemeinde nur selten an solchen Veranstaltungen. Sie kamen, um sicherzustellen, dass der wichtige Plan nun endlich überwiesen wird. Und sie kamen, um letzte Änderungen daran vorzunehmen. Dies sind die Spannendsten darunter:

Die neun spannendsten Änderungen beziehungsweise Anträge in der Villmerger Bau- und Nutzungsordnung (BNO)

  1. Der geschützte Baum, der längst nicht mehr steht: Auf Parzelle Nummer 3267 steht ein Einzelbaum unter Schutz. Dieser Schutz wird nun aufgehoben. Der Grund dafür ist einfach: Der Baum steht seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Eine Neubepflanzung schränke laut Barbara Gloor, Projektleiterin der Metron AG, die landwirtschaftliche Nutzung an diesem Ort ein.
  2. Die Kirche bleibt im Dorf: Die reformierte Kirchgemeinde braucht Geld, um ihre Kirche zu renovieren. Darum stellte sie den Antrag, zwei Drittel ihrer Parzelle am Waagmattenweg zu verkaufen und sie von der Zone für öffentliche Bauten in die Zone W1 (Ein- und Zweifamilienhäuser) zu überführen. Eigentlich hätte die Parzelle an die Gemeinde verkauft werden sollen, um dort einmal den nahen Kindergarten Bündten vergrössern zu können. Da die Parzelle zwischen diesen beiden nun aber an andere Investoren verkauft wurde, ist diese Idee gestorben. Der Antrag der Kirchgemeinde, zwei Drittel der Parzelle zur Umzonung an den Gemeinderat zurückzuweisen, wurde grossmehrheitlich angenommen.
  3. Der Brunnen soll unter Schutz bleiben: Ein Brunnen nahe der SBB-Unterführung stammt aus dem Jahr 1876. Laut Landwirt Josef Meier wird er täglich von unzähligen spazieren geführten Hunden, aber auch von Velofahrern und Fussgängern zur Erfrischung benützt. Er hätte in der neuen BNO nicht mehr unter Schutz stehen sollen. Das hat eine grosse Mehrheit der Anwesenden nun verhindert. Der Brunnen bleibt unter Schutz.
  4. Nicht alle vorgeschlagenen Gebäude müssen unter Schutz: Villmergen hat ein Bauinventar von schützenswerten Gebäuden aufgelistet. Dieses löste grossen Widerstand in der Bevölkerung aus. Darum stehen die Gebäude nun unter einer «alternativen Schutzkonzeption». Das heisst, der Gemeinderat bestimmt von Amtes wegen oder auf Ersuchen der Eigentümer über die Unterschutzstellung. In Hilfikon bestand bereits eine Liste mit geschützten Gebäuden. Dennoch beantragte Familie Schultheiss aus Hilfikon, ihr Haus aus dem Volumenschutz zu entlassen. «Wir sind umgeben von Wald- und Landschaftsschutzzonen. Auf einmal wurde auch unser Haus unter Schutz gestellt. Das ist etwas viel Schutz für einen so kleinen Ort», begründete Daniel Schultheiss, erntete Lachen und viel Verständnis.
  5. Landschaftsschutzzonen sollen sich an Grenzen halten: Auf verschiedene Landwirtschaftszonen wurde in der neuen BNO eine überlagerte Landschaftsschutzzone gelegt. Sie soll dafür sorgen, dass das Kulturland weiterhin so lokaltypisch aussieht wie heute. Landwirt Markus Keusch beantragte, dass diese Schutzzone sich an die bestehenden Parzellengrössen halten solle. «Das wäre sonst, als könnten Sie auf der Hälfte Ihres Grundstücks zweistöckig bauen, auf der anderen nicht», begründete er. Sein Antrag wurde an den Gemeinderat überwiesen.
  6. Keine weiteren Arealüberbauungen: Roger Buchacek setzte sich dafür ein, dass keine weiteren kompletten Arealüberbauungen mehr zulässig sein sollen, und das in allen Zonen. Sein Antrag wurde grossmehrheitlich gutgeheissen. Nun muss der Gemeinderat überprüfen, inwiefern das in der neuen BNO zulässig ist.
  7. Investoren sollen Infrastruktur mitbezahlen: Ebenfalls von Roger Buchacek kam der Antrag, dass all jene Investoren, die Wohneigentum in Villmergen kaufen, dieses aber nicht selbst bewohnen, einen gewissen Prozentsatz an Infrastrukturbeiträgen zahlen sollen. Auch dieser Antrag wurde gutgeheissen und zur Prüfung an den Gemeinderat überwiesen.
  8. Aus der Dorfzone wird die Zentrumszone: Rund um den Villmerger Dorfplatz werden Massvorgaben für Neubauten erstellt, sodass der Ortskern gleichmässig erneuert und entwickelt werden soll. Teilweise gilt ein Gestaltungsplan, damit das einheitlich nach den Vorstellungen der Gemeinde passiert. Diese Bauzone ist bereits Bestandteil der neu bewilligten BNO.
  9. Naturschutzzonen im Wald: Auch der Naturschutz ist klar auf dem neuen Plan verzeichnet. Unter anderem gibt es Altholzinseln und Naturwaldreservate, in denen keinerlei forstliche Nutzung stattfinden wird. Aber auch die typischen Villmerger Waldlichtungen und -wiesen stehen unter Schutz.

Insgesamt wurde die neue Bau- und Nutzungsordnung mit 132 Ja- gegen 6 Nein-Stimmen deutlich angenommen. Sie soll dabei helfen, Villmergen massvoll weiterzuentwickeln. So soll auch dafür gesorgt werden, dass das Dorf bis 2030 nicht mehr als 8550 Einwohner hat, 2040 sollen es höchstens 8880 Einwohner sein. Das sind deutlich weniger, als der Kanton im Richtplan vorgesehen hat. Der Kanton gibt 70 bis 90 Einwohner pro Hektare Land vor. Villmergen dagegen strebt 59 bis 67 Einwohner pro Hektare an.

Warum es gut zehn Jahre gedauert hat, bis Villmergen seine BNO erneuert hat, hatte viele Gründe. Darunter die Erneuerung des kantonalen Richtplans 2015 und des Baugesetzes 2017. Aber auch viele Einwendungen verzögerten das Verfahren immer wieder.

Am Dienstagabend konnten Gemeindeammann Ueli Lütolf, der Gemeinderat, die Planer und nicht zuletzt die Villmergerinnen und Villmerger nun aufatmen. «Was lange währt, wird endlich gut», fasste Lütolf zusammen. «Die paar Anträge, die es noch zu bearbeiten gibt, können wir gut verkraften. Wir haben es geschafft.»

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