Villmergen
Tell und Gessler einmal anders

Malermeister Guido Steinmann (60) hat seinen ersten Roman geschrieben.

Andrea Weibel
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Er ist Malermeister und neu auch Schriftsteller: Guido Steinmann (60) ist glücklich über seinen ersten Roman.

Er ist Malermeister und neu auch Schriftsteller: Guido Steinmann (60) ist glücklich über seinen ersten Roman.

Andrea Weibel

Tell hat Gessler erschossen. Jedes Kind kennt die Szene in der Hohlen Gasse aus dem Schweizer Nationalepos, in der sich der unbeugsame Eidgenosse gegen den habgierigen Habsburger Vogt wehrt. Doch was passierte dann? In Guido Steinmanns Buch «Erzfreunde» rennt der Schütze zum Gefallenen. «Tell kniete am Boden. Er legte den Kopf Gesslers auf seinen Schoss und polsterte ihn mit seinem Wams. ‹Hermann, du weisst, dass ich es tun musste.› Gessler hob mühsam die Augenlider: ‹Wilhelm, sag ihr, dass ich sie liebe.› Dann fiel Gesslers Kopf zur Seite. Sein Körper lag leblos vor Tell hingestreckt.» So steht es auf Seite 21. Doch warum sollte sich Tell bei Gessler entschuldigen? Ganz einfach: Weil die beiden Freunde waren.

Ideen sprudeln lassen

Historisch belegt ist diese Version ganz und gar nicht. Doch auch Schillers Wilhelm Tell ist nicht historisch belegt, sondern ein Fantasiekonstrukt des deutschen Dichters. Warum darf man also nicht weiterfantasieren? Das hat der Villmerger Malermeister Guido Steinmann getan. Und es in einen historischen Roman verpackt, der heute seine Vernissage an dem Ort feiert, der für Gessler wichtig gewesen ist, zumindest im Buch: auf der Habsburg.

Malermeister? Ja, der nun 60-Jährige, der seinen Malerbetrieb mit 13 Angestellten in Waltenschwil bereits in der dritten Generation führt, hat in den vergangenen drei Jahren oft Malerpinsel gegen Laptop getauscht und seine Ideen sprudeln lassen. Seinen Sätzen merkt man an, dass sie nicht von einem Hochschulprofessor stammen, sie sind eher handgestrickt, dafür unkompliziert und gut verständlich. Das ist Steinmann recht: «Ich wollte einfach meine Ideen festhalten, anfangs habe ich mich nicht einmal um Satzzeichen gekümmert. Ich war so gefesselt von den Ideen und Recherchen.» Dabei begann alles auf der Rückreise vom Tessin, als Steinmann in Altdorf zur Statue des berühmten Nationalhelden Tell hinaufblickte.

War Gessler ein Freiämter?

«Ich fragte mich, warum so viel über Tell bekannt ist, nicht aber über Gessler.» Er begann zu recherchieren. «Ich fand heraus, dass Hermann Gessler möglicherweise aus Wiggwil bei Beinwil im Freiamt stammen könnte.» Erst wollte Steinmann nur über diesen Gessler schreiben. «Doch irgendwann kam mir der Gedanke, was gewesen wäre, wenn sich Tell und Gessler schon früher über den Weg gelaufen wären.» Zum Beispiel in einem Wirtshaus, wo Gessler eine Unterkunft gesucht haben könnte, keine fand und von Tell eingeladen worden wäre, bei seiner Familie in Bürglen zu übernachten. Zum Beispiel. Und wenn sich dieser Gessler dann auch noch in die kleine Schwester Tells – Steinmann tauft sie Mergelin – verliebt hätte, wie wäre es dann herausgekommen?

Mag es, wenns «mönschelet»

«Aufgrund meines Jobs komme ich zwar kaum zum Lesen, aber wenn, dann mag ich historische Bücher oder Krimis, in denen es ‹mönschelet›.» In seinem Buch lässt Steinmann eine echte Männerfreundschaft entstehen, aber auch starke Frauen auftreten. Auf Seite 64 des 226 Seiten starken Buches treffen sich Tell und Gessler erstmals. Davor erzählt Steinmann die Geschichte der beiden, wie sie im Freiamt (Gessler) und der Innerschweiz (Tell) aufgewachsen sein könnten. Gessler lässt er in der Klosterschule Muri die sieben freien Künste erlernen und berichtet nebenher, wie er sich das Leben hier um 1300 vorstellt.

Guido Steinmann, der Cousin des bekannten Villmerger Theaterregisseurs Paul Steinmann, ist glücklich, dass er sein Malergeschäft immer mehr an seinen Sohn Simon abgeben kann. «So habe ich Zeit zum Schreiben.» Denn nach diesem Roman will er nicht aufhören. «Es hat mich gepackt. Die meisten Leute konnten kaum fassen, dass ich einen Roman geschrieben habe. Aber eben, bisher hatte ich auch keine Zeit dafür. Das wird jetzt hoffentlich anders.»

Erzfreunde: Guido Steinmann, 226 Seiten, Verlag Book on Demand, ISBN 978-3-96409-037-9

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