Flurnamen-Serie
Tanzveranstaltungen oder Theaterstücke: Was passiert im Spieldruckenwinkel?

Wenn Spiel als Bestimmungswort in Flurnamen auftritt, verweist es oft auf Stellen, wo man sich zu Spielen zusammenfand. Warum der «Spieldruckenwinkel» in Sarmenstorf nichts mit Spiel und Tanz zu tun hat.

Beatrice Hofmann
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Ein sehr aussergewöhnlicher Flurname findet sich mit «Im Spieldru­ckenwinkel» in Sarmenstorf im Freiamt.

Ein sehr aussergewöhnlicher Flurname findet sich mit «Im Spieldru­ckenwinkel» in Sarmenstorf im Freiamt.

Britta Gut

In Sarmenstorf gibt es wohl einen der merkwürdigsten Flurnamen überhaupt. Im östlichen Dorfteil, zwischen dem Sagefeld und den Schlüsselächer, liegt der sogenannte Spieldruckewinkel. In Sarmenstorf werden gleich mehrere Quartiere ausserhalb des Dorfkerns mit Winkel bezeichnet, so etwa der Chaibewinkel, Chilewinkel oder Fröschewinkel. Der Quartierteil Spieldruckewinkel lässt am Namen heftig rätseln. In Sarmenstorf gibt es dazu umstrittene Deutungen. Wurden in diesem Winkel früher Spieldosen fabriziert? Oder hat der Name mit den Tanzveranstaltungen im Gasthof Wilde Maa zu tun?

Wenn Spiel als Bestimmungswort in Flurnamen auftritt, verweist es oft auf Stellen, wo man sich zu Spielen zusammenfand: Tanzveranstaltungen, Ring- oder Schwingkämpfe oder Laufwettbewerbe. Verweist der Spieldruckewinkel also auf Tanzveranstaltungen in diesem Quartier? Benedikt Stalder, ­Autor der umfangreichen Publikation «Die Flurnamen von ­Sarmenstorf», erklärt aufschlussreich, dass seit dem 18. Jahrhundert ein Spielplatz belegt ist und 1762 vor dem Gasthaus Wilde Maa, das sich beim Spieldruckewinkel befindet, Theaterstücke aufgeführt worden sind.

Name ist älter als die Spieldosenfabrik

Das «Schweizerdeutsche Wörterbuch» erklärt unter dem Begriff «Spieldrucke» eine mechanische Musikdose. Wurden in diesem Winkel Spieldosen fabriziert oder animierte die Klänge einer Spieldose beim «Wilde Maa» zum Tanz? Weder noch – denn die Erfindung der mechanischen Spieldose geht auf einen Genfer Uhrmacher zurück, der 1796 klingende Stahlzungen für eine musizierende Taschenuhr anwendete. Christoph Hänggi vom Museum für Musikautomaten in Seewen weiss, dass aber solche mechanische Musik­dosen erst im 19. Jahrhundert in der Schweiz produziert worden sind. Tatsächlich auch im Aargau, nämlich in Teufenthal und Unterkulm.

Nun ist aber der Flurname Spieldruckewinkel schon älter, denn er ist bereits seit dem 16. Jahrhundert schriftlich überliefert und kann somit nicht in Zusammenhang mit einer mechanischen Spieldose gebracht werden. Weder mit dem Abspielen einer solchen Musikdose auf einem Spilhof noch mit der Produktion von solchen Dosen in diesem Winkel. Der Verdacht, dass das Gelände nach der Form einer Spieldose benannt worden wäre, bestätigt sich dadurch ebenfalls nicht. Die Benennung der Fluren erfolgte zudem meist sehr pragmatisch und nach groben Gesichtspunkten. Es ist schwer vollstellbar, dass ein Flurstück nach der komplexen Form einer Musikdose benannt worden ist.

Das Spiel ist aus – nun gibt’s nur noch Spott

Der Flurname Spieldrucke ist in der Schweiz wenig belegt. Nebst dem Aargauer «Spieldruckewinkel» gibt es auch noch das «Spiltrückli» in St.Gallen. Der Name geht auf einen Beleg aus dem Jahr 1551 zurück. Dort ist der Name als «Spynnentrucken» überliefert. Dieser Beleg zeigt, dass das Bestimmungswort «Spil» zum mittelhochdeutschen Wort «Spinnel, Spindel» zu stellen ist und somit etwas spindelförmiges sein muss oder aber auf Spinnzeug verweist. Das Wort Spieltrückli ist ebenfalls im «Schweizerdeutschen Wörterbuch» aufgeführt, nebst der Bedeutung der mechanischen Musikdose (Spieldrucke) ist fürs Spieltrückli die Bedeutung «trogähnlicher, unbedeckter Behälter für das Spinnzeug, welcher an die Wand aufgehängt wurde» erklärt. In St.Gallen wird Spiltrückli als Übername für ein kleines Haus verstanden, ein Haus, das so gross wie ein «Spindeltrücklein» ist. Auf Appenzeller Boden haben sich Spottnamen für kleine Häuser etabliert, gut vorstellbar, dass dies in St.Gallen beim Spiltrückli auch so praktiziert wurde.

In die gleiche Richtung geht die Deutung von Stalder, denn er erklärt sich den Flurnamen als Kosename für den Gasthof Wilde Maa, in dem bei schlechtem Wetter die Tanzveranstaltungen stattgefunden haben. Aufgrund der engen Platzverhältnisse in diesem Gasthaus sei der Kosename Spieldrucke ­entstanden. Später habe dann der Dorfteil den Namen Spieldruckewinkel erhalten.

Wie aus einem Trückli ein Rüggli wird

Nun gibt es auch noch den Deutungsansatz, dass nicht das Bestimmungswort Spiel vorliegt, sondern vielmehr das schweizerdeutsche Wort «Spilt». Spilt geht aufs mittelhochdeutsche Wort «Spelte, Spilte» zurück und meint ein abgespaltenes Holzstück. Damit wird in Flurnamen ein Landstück verstanden, auf dem durch Spalten hergestellte Holzstücke gewonnen wurden oder das durch Bodenrisse besonders auffällt oder aber in der Mitte einfach gespalten ist. Wenn der vordere Teil des Wortes zum schweizerdeutschen «Spilt» zu stellen ist, dann befindet sich in der Wortmitte nicht mehr die Spieldose («Drucke»), sondern das Wort Rücken («Rucke»). Rucke kommt als Grundwort in der Namenlandschaft vielfältig vor und bezeichnet längliche Geländekuppen oder Hügelausläufer in der Landschaft. Im Aargau etwa der Hundsruggen in Zeiningen und Veltheim.

In diesem Fall würde der Spieldruckewinkel in Sarmenstorf die Geländeerhebung, die nach der gleichnamigen Strasse beginnt, bezeichnen, die bis zur Burgstelle reicht und südlich des Erusbachs endet. Der Name wäre als Geländeergebung, auf der Holz gespalten wurde oder die topografisch auffallend gespalten ist, zu deuten. Es geht also weder um Tanz und Spiel vor dem «Wilde Maa», sondern um eine ganz pragmatische topografische Bezeichnung einer markanten Geländeerhebung. So wie dies bei den weiteren drei Quartiernamen Frösche-, Chaibe- und Chilewinkel der Fall ist.

Flurnamen-Serie:

Die Autoren schreiben in loser Folge über Flurnamen aus allen Regionen des Aargaus und beantworten die Fragen, was sie bedeuten oder woher sie kommen. Beatrice Hofmann arbeitet im Namenforschungsprojekt des Kantons Solothurn, Philippe Hofmann hat sich bis 2017 mit den Flurnamen von Basel-Landschaft beschäftigt. Aktuell forschen sie zu den Aargauer Flurnamen.