Wohlen
Stiftungsratspräsident der Integra: «Niemand gibt uns Arbeit, nur weil wir nette Leute sind»

Josef Brunner ist seit 20 Jahren Stiftungspräsident der Integra, eine Stiftung für Menschen mit Behinderung. Er vergleicht die Institution mit einer Insel, ein Rückzugsort, aber mit vielen Brücken zur "normalen" Welt.

Dominic Kobelt
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Das Restaurant Hans und Heidi der Integra schätzt Stiftungsratspräsident Josef Brunner besonders, weil es ein Ort ist, wo Hemmschwellen abgebaut werden.

Das Restaurant Hans und Heidi der Integra schätzt Stiftungsratspräsident Josef Brunner besonders, weil es ein Ort ist, wo Hemmschwellen abgebaut werden.

Dominic Kobelt

Josef Brunner hatte eine Tochter mit Trisomie 21 und einem schweren Herzfehler. «Sie wäre dieses Jahr 35 geworden», erzählt er. Dank ihr hat Brunner den Verein Insieme Freiamt kennen gelernt, der sich für Menschen mit einer Beeinträchtigung einsetzt und sich dort engagiert. Der Vorstand von Insieme schickte ihn schliesslich als Delegierten in den Stiftungsrat der Integra. «Plötzlich war ich Präsident des Stiftungsrats», sagt Brunner und lacht. Inzwischen bekleidet er das Amt seit 20 Jahren.

Auf dem Rundgang durch die Integra am Tag der offenen Tür spürt man die Hingabe, mit der Josef Brunner seine Arbeit erledigt – er kennt sowohl Bewohner als auch das Personal bestens, hat für alle ein gutes Wort und ein Lächeln übrig. «Die Herzlichkeit und die Spontanität, mit der die Leute auf mich zukommen, das macht meine Aufgabe so schön.» Der Stiftungsrat ist, nebst anderen Aufgaben, für die Strategie zuständig. An seiner Arbeit habe sich wenig geändert, sagt Brunner. «Allerdings sind wir heute anders organisiert als damals – und die Integra ist in den zwei Jahrzehnten massiv gewachsen.»

Akzeptanz hat zugenommen

Mit den Bereichen «Ausbildung» und «berufliche Integration» sind zwei wichtige Aufgabenfelder dazugekommen, aber auch die Gastronomie hat eine Wandlung durchlebt. «In unser Restaurant Hans und Heidi kommen viele Gäste aus der ganzen Region, Personen von umliegenden Betrieben oder junge Menschen und auch Lehrpersonal von der Kanti. Dass hier Menschen mit einer Beeinträchtigung zusammen mit ‹gesunden› essen, finde ich sehr schön.» Hat denn die Akzeptanz für Menschen mit Beeinträchtigung zugenommen? «Ja, ich finde schon. Noch in den frühen 80er-Jahren war es klar, dass Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung nicht ins Dorfbild passten. Sie wurden wenn immer möglich nach Bremgarten in die St. Josef-Stiftung ‹abgeschoben›. Heute gehört die Integra zum Ortsbild von Wohlen.» Begegnungsorte wie das «Hans und Heidi» würden Hemmschwellen abbauen. «Die Integra ist aber auch eine Art Insel. Ein Rückzugsort für Menschen, die mit manchen Anforderungen und der Geschwindigkeit der Gesellschaft nicht klarkommen.» Wichtig sei aber auch, dass die Stiftung Brücken zur Aussenwelt baue, erklärt Brunner. «Als Integra müssen wir permanent an diesen Dingen arbeiten, uns der Öffentlichkeit zeigen, sonst verfällt man schnell in einen Dornröschenschlaf.»

Auf einem guten Weg

Eine grosse Herausforderung sieht der Betriebsökonom auch im zunehmenden Wettbewerbsdruck: «Niemand gibt uns Aufträge, nur weil wir nette Leute sind.» Manchmal habe man zwar einen kleinen Bonus, von der Integra werde aber genauso wie von jedem anderen Betrieb erwartet, dass die Produkte die Qualitätsanforderungen erfüllten und der Preis mit der Konkurrenz mithalten könne.

Brunner ist sehr zufrieden, wie sich die Stiftung entwickelt hat. «Wir sind auf gutem Weg. Es ist aber heute schwieriger als vor 20 Jahren.» Damit die Integra auch in Zukunft auf Kurs bleibt, hat der Stiftungsrat zusammen mit der Geschäftsleitung im Frühjahr die Stiftungsstrategie überprüft und Schwerpunkte definiert. Details erarbeitet nun die Geschäftsleitung zusammen mit dem Personal.

Wie lange er seine Tätigkeit noch weiterführen möchte, weiss Brunner noch nicht. «Ich werde nächstes Jahr 70 – irgendwann steht sicher das Thema Ablösung im Raum. Aber im Moment macht mir die Arbeit noch sehr viel Freude.»

Integra - Stiftung für Behinderte im Freiamt

Die Integra ist ein Unternehmen mit sozialem Auftrag für Jugendliche und Erwachsene mit einer geistigen, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung. Das Angebot umfasst geschützte Arbeitsplätze, betreute Wohneinrichtungen sowie Ausbildungs-, Abklärungs- und Eingliederungsplätze. Die Dienstleistungen, die die Integra anbietet, umfassen Lohnfertigung, Gartenarbeiten, Eigenprodukte, und das Restaurant Hans und Heidi.


Arbeiten zu können, gibt den Menschen Halt und stärkt sie in persönlicher und sozialer Hinsicht. Eine Struktur, einen Tagesablauf zu haben und für erbrachte Leistung geschätzt zu werden, gibt ihnen ein positives Selbstwertgefühl. Die Integra ist aber auch ein produzierendes Wirtschaftsunternehmen, das sich dem Wettbewerb stellen muss. Das heisst: faire Preise und verlässlichen Lieferfristen.
Die Integra verfügt über 217 geschützte Arbeitsplätze, die sich rund 300 Personen teilen, und 67 Wohnplätze. 176 Personalangehörige teilen sich rund 138 Vollzeitstellen.