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Scherben im Gras: Kühe müssen von ihren Leiden erlöst werden

Trudi Leuppi ist nur eine von vielen Bäuerinnen, die wöchentlich Säcke voll Müll von Weiden sammeln. Tiere verschlucken den liegengebliebenen Unrat und verletzen sich dadurch tödlich .

Andrea Weibel
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Nicht nur Trudi Leuppi in Villmergen, sondern auch eine Anwohnerin eines Quartiers in Wohlen hat genug vom ewigen Müllsammeln in ihrem Garten.

Nicht nur Trudi Leuppi in Villmergen, sondern auch eine Anwohnerin eines Quartiers in Wohlen hat genug vom ewigen Müllsammeln in ihrem Garten.

Andrea Weibel

Zerbrochene Glasflaschen, Plastiktüten, Aludosen, Hamburgerverpackungen, Zigarettenpäckchen ... die Liste an Weggeworfenem, das Trudi Leuppi wöchentlich aus ihren Kuhweiden in Villmergen fischt, ist beliebig lang erweiterbar. Denn es gibt wohl nichts, das Menschen nicht aus dem Autofenster oder beim Vorbeigehen über die Schulter werfen, sobald sie es nicht mehr brauchen. Trudi Leuppi ist nur eine von unzähligen Landwirtinnen in der Region, die jede Woche den Müll von den Weideflächen ihrer Tiere einsammeln müssen. Denn die vielerorts aufgestellten Warntafeln mit den gezeichneten Kühen lügen nicht, Tiere können tatsächlich an den Folgen dieser hirnlosen Abfallsünder sterben, das weiss Leuppi aus erster Hand: «Letztes Jahr ist eine unserer Kühe plötzlich kollabiert. Wir wussten nicht, was sie hat, da haben wir den Tierarzt gerufen», erinnert sie sich. «Er untersuchte sie und merkte, dass sie etwas gefressen haben musste. Sie hat aus dem Mund geblutet. Er hat ihr dann einen Magneten in den Magen eingeführt, denn falls sie Metall verschluckt hätte, wäre es so vielleicht möglich gewesen, es wieder herauszuziehen.» Doch der Magnet half nicht. «Dass sie aber etwas verschluckt hatte, daran bestand für den Arzt keinen Zweifel, es musste wohl Glas gewesen sein, das ihr den Hals oder den Magen aufgeschlitzt hat.» Die Kuh musste von ihrem Leiden erlöst werden.

Immer dieselben Bierflaschen

«Ich verstehe nicht, warum man so etwas macht. Aber es ist wohl kein Einzeltäter, sondern mehrere, den Bergen von Abfall nach zu urteilen, die ich jede Woche auflese», sagt Leuppi. Ihrer Familie gehört die Weide direkt unterhalb des Schützenhäuschens in Villmergen. «Sobald es draussen wieder wärmer wird, ist das Schützenhäuschen ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche», erklärt sie. «Ich kann nicht belegen, wer den Müll in unsere Weide wirft, aber egal, ob das Häuschen an einem Abend offiziell besetzt ist oder sich Leute einfach davor treffen, es sieht jede Woche schlimm aus.»

Auch an der Weingasse besitzt die Familie ein Stück Land. «Am Bachbord direkt unterhalb der Strasse sieht man im Sommer wenig. Aber das heisst nicht, dass da kein Abfall ist, der wird einfach von den Brombeerhecken verdeckt», sagt sie. «Da klettere ich also nicht runter.» Dabei geht sie davon aus, dass es sich an diesem Ort um einen einzelnen Täter handeln könnte: «Es sieht aus, als würde der auf dem Heimweg jeweils sein leeres Heineken-Feierabendbierfläschchen da runterwerfen, denn von denen werden es immer mehr, bis ich sie wieder wegräume.» Es sei unfair von diesen Menschen, dass sie das Gefühl haben, sie müssten ihren Dreck nicht selber wegräumen, weil irgendjemand das dann schon tue. Weder Leuppi noch all die anderen Bäuerinnen und Bauern, die ständig den Abfall anderer wegräumen müssen, tun dies freiwillig. «Man findet überall Mülleimer, und wenn man seine Sachen mitbringt, kann man doch den Abfall wieder mit nach Hause nehmen, das ist doch eigentlich gar kein Problem.»

Littering auch in Wohnquartieren

Littering ist ein Übel, das weder zu- noch abnimmt, sondern seit Jahren schlimm ist. Selbst in Wohnquartieren mitten in Wohlen müssen Bewohner ständig Müll aus ihren Gärten fischen. Auf dem Weglein zwischen Zentralstrasse und Haldenschule hat eine Bewohnerin nun einen Müllsack aufge- hängt. «Vielleicht nützt ja das», sagt sie kopfschüttelnd. Denn jeden Tag könnte sie wieder Flaschen, Plastik und Dosen aufsammeln. Das sei doch nicht normal.
Hans Ulrich Meyer aus Dintikon, dem Felder ausserhalb Villmergens gehörten, entlarvte vor zehn Jahren eine Frau, die jede Woche volle Müllsäcke auf sein Land geworfen hat. Die Wiesen gehören mittlerweile seinem Sohn, aber immer noch könne man jede Woche Müll einsammeln: McDonald’s-Abfall, Glas, Dosen. Ganze Säcke seien selten. Heute weidet auf dem rund 300 Meter langen Feld Vieh. «Wenn die Abfallstücke, besonders Alu und Glas, gross sind, fressen sie die Kühe nicht. Wenn sie aber vom Kreiselmäher zerkleinert werden und unter das Heu gelangen, ist das verheerend für das Vieh. Weil wir es aber immer aufgesammelt haben, hatten wir nie Schäden.» (aw)

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