Pandemie
Kinder leiden in der Krise – Die «Ent-Sorgungs-Stelle» will Abhilfe schaffen

Die Katholische Kirche Aargau lanciert ein Projekt zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen. Im Freiamt machen gleich mehrere Kirchgemeinden mit. Ein Augenschein in der Stadtkirche Bremgarten.

Pascal Bruhin
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Trauer ist auch bei den Kindern und Jugendlichen in der Krise ein grosses und wichtiges Thema.

Trauer ist auch bei den Kindern und Jugendlichen in der Krise ein grosses und wichtiges Thema.

Bild: Pascal Bruhin

Angst vor der Ungewissheit, Trauer über den Verlust der Grosmami und Ohnmacht gegenüber der ganzen Situation: Keine Frage, Kinder und Jugendliche leiden besonders unter den Folgen der Coronapandemie. Mit der Installation «Ent-Sorgungs-Stelle» will die Katholische Kirche Aargau den Sorgen und Ängsten der Jüngsten bewusst einen Raum geben und sie ernst nehmen. Mehrere Kirchgemeinden im Freiamt beteiligen sich an der Aktion. So auch der Pastoralraum Bremgarten-Reusstal. Am Mittwochabend wurde in der Stadtkirche Bremgarten eine solche «Ent-Sorgungs-Stelle» eröffnet.

«Gerade in dieser schwierigen Zeit tut es gut, sich gelegentlich der Sorgen des Alltags zu entledigen.»

Das sagt Claudio Gabriel, Pfarreiseelsorger des Pastoralraums, vor einer versammelten Schar von rund 20 Mittel- und Oberstufenschülern aus der Region. Gemeinsam mit der Katechetin Sandra Eisenring hat er die Initiative der Fachstelle Jugend und junge Erwachsene der Römisch-katholischen Kirche Aargau in Bremgarten umgesetzt.

Nach dem Leiden folgt die Wiederauferstehung

«Wir fanden das eine super Idee. Und es passt extrem gut in diese Zeit», sagt Gabriel und meint mit letzterem nicht nur die Coronapandemie, sondern auch die Karwoche. «Denn auch Jesus hat mit seiner Kreuzigung sehr Schlimmes erlebt – und es durch seine Auferstehung überwunden.» Sandra Eisenring sieht im Postenlauf gar eine Art modernen Kreuzweg. «Viele Aspekte davon werden auch in den einzelnen Posten aufgegriffen.»

Modern ist denn auch das Stichwort. An neun interaktiven Stationen, verteilt in der Stadtkirche, können die Jugendlichen ihre Sorgen und Nöte zum Ausdruck bringen. Benötigt werden lediglich ein Smartphone mit QR-Code-Leser und Kopfhörer. Scannt man den Code auf den Plakaten der einzelnen Posten, erscheinen auf dem Handybildschirm ein Video, Tonaufnahmen oder auch Bilder, die zum Nachdenken anregen.

Problemlos kommen auch die jüngeren Kinder mit dem Scannen der QR-Codes klar.

Problemlos kommen auch die jüngeren Kinder mit dem Scannen der QR-Codes klar.

Bild: Pascal Bruhin

Es gibt aber auch Posten, die ohne Handy funktionieren. So etwa die Station «Ohnmacht und Perspektive». Dort kann man seine Sorgen auf einem Blatt Papier niederschreiben und sie in den nebenstehenden Schredder werfen.

Katechetin Sandra Eisenring zeigt den Jugendlichen, wie sie sich ihrer Sorgen im Schredder entledigen können.

Katechetin Sandra Eisenring zeigt den Jugendlichen, wie sie sich ihrer Sorgen im Schredder entledigen können.

Bild: Pascal Bruhin

Aus Angst wird Mut, aus Trauer Zuversicht

Ähnlich das Prinzip an der improvisierten Klagemauer, dem israelischen Original nachempfunden. Seine Nöte und Ängste kann man in einem kleinen Zettel in den Backsteinen zu Grabe tragen.

An der Klagemauer kann man seine Sorgen aufschreiben und in einer Spalte der Backsteine zu Grabe tragen.

An der Klagemauer kann man seine Sorgen aufschreiben und in einer Spalte der Backsteine zu Grabe tragen.

Bild: Pascal Bruhin

An der letzten Station wartet ein paar Engelsflügel darauf, dass die Jugendlichen vor ihm ein Selfie von sich schiessen. Nicht nur Angst, Trauer und Ohnmacht werden also in dem Parcours behandelt, sondern auch Mut, Zuversicht und Perspektiven. Sandra Eisenring sagt:

«Es geht auch darum, sich Gedanken zu machen und daraus Kraft zu tanken.»
Die QR-Codes leiten die Jugendlichen zu Videos, Bildern oder Tonaufnahmen weiter.

Die QR-Codes leiten die Jugendlichen zu Videos, Bildern oder Tonaufnahmen weiter.

Bild: Pascal Bruhin

Die anwesenden Jugendlichen sind durchwegs begeistert von der Idee und machen fleissig mit. Eisenring ist beeindruckt von der Stille, die plötzlich in der Kirche herrscht, nachdem jeder der jungen Menschen ein Video auf seinem Smartphone hat. Dass auch grosse Trauer die Jugendlichen belastet, spürt man spätestens an der Station, wo eine Kerze entzündet wird. «Mein Grosspapi ist gerade gestorben. Aber ich habe ihn nicht oft gesehen in letzter Zeit», sagt einer der Knaben.

Jugendliche leiden unter Isolation und dem Verlust des Hobbys

«Ich habe schon gemerkt, dass es vielen Jugendlichen nicht gutgeht», sagt Claudio Gabriel später im persönlichen Gespräch. «Die Situation belastet sie. Bei vielen fielen über lange Zeit hinweg sämtliche Hobbys weg. Und noch immer ist es für sie sehr erschwert, sich miteinander zu treffen.» Gabriel ist entsprechend froh, den Jugendlichen mit der «Ent-Sorgungs-Stelle» einen positiven Input in ihren Corona-Alltag zu bieten. Doch auch für die älteren Generationen lohne sich ein Besuch der öffentlich zugänglichen Ausstellung. Gabriel sagt:

«Denn Sorgen und Nöte haben wir schliesslich alle.»

Die Installation in der Stadtkirche Bremgarten wird sicher bis Ostermontag zu besuchen sein. Je nach Nachfrage wird das Angebot verlängert. Im Freiamt gibt es den Postenlauf ebenfalls jetzt in der Karwoche in der Kirche in Niederwil, ab dem 26. April bis Ende Mai in den Kirchen des Pastoralraums am Mutschellen und als Wanderausstellung im Pastoralraum Muri von Juni bis Oktober.

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