Pandemie
Gerade jetzt in einsamen Homeoffice-Zeiten: Früh aufstehen lohnt sich

Nie hat man so viel Zeit wie im Homeoffice. Zeit, das Freiamt zu erkunden. Die AZ hat’s ausprobiert.

Andrea Weibel
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Ein mystischer Moment, wenn die Raben im Morgengrauen auffliegen. Der Sonnenaufgang am zweiten Tag ist noch grandioser als am ersten.
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Ein mystischer Moment, wenn die Raben im Morgengrauen auffliegen. Der Sonnenaufgang am zweiten Tag ist noch grandioser als am ersten.

Ein mystischer Moment, wenn die Raben im Morgengrauen auffliegen. Der Sonnenaufgang am zweiten Tag ist noch grandioser als am ersten.

Bilder: Andrea Weibel

Es braucht schon Überwindung. Im Homeoffice kann ich zwei Minuten vor Arbeitsbeginn aufstehen und mich im Trainer an den Laptop setzen. Wieso soll ich früher aufstehen, mich anziehen und erst noch in die Kälte hinaus gehen? Am Abend vorher klang das nach einer super Idee. Aber wenn’s dann noch so dunkel und kalt ist... Es braucht wirklich Überwindung. Aber ich hab’s mir vorgenommen und wäre später enttäuscht, wenn ich liegen geblieben wäre. Garantiert. Also los, aufstehen, Zähne putzen, dicke Winterkleider anziehen, Mütze auf und los.

Die Müdigkeit ist tatsächlich schnell abgeschüttelt in der frischen Morgenluft. Um 7 Uhr sind einige Autos unterwegs, die schneegeräumten Trottoire muss ich mir aber höchstens ab und zu mit Schülern teilen. Einen Schritt vor den anderen schlängle ich mich an den eisigen Stellen vorbei und komme schon bald den Hügel hoch aus Sarmenstorf raus. Spätestens hier wird mir warm.

Meine erste Belohnung: ein unglaubliches Morgenrot

Ich gehe nicht geradeaus Richtung Uezwil, sondern montiere meine Schneeschuhe und folge den Spuren, die ich am Abend zuvor mitten durch den Schnee gelegt habe. Es ist immer noch dunkel, doch am Horizont wird’s heller. Neben mir fliegen Raben auf. Ein mystisches Bild. Je höher ich komme, desto mehr verspricht mir der Morgenhimmel. Meine Tritte werden sicherer, mein Tempo zieht an, denn was da hinter dem Hügel auf mich wartet, scheint unglaublich. Oben angekommen, kann ich es kaum fassen: Ein Morgenrot wie aus dem Bilderbuch strahlt von den Bergen herüber ins erwachende Freiamt. Meine erste Belohnung fürs frühe Aufstehen. Und was für eine.

Jetzt komme ich zum Weg, den mir gut bekannte Schneeschuhwanderinnen am Wochenende im Schnee gespurt haben und der seither scheinbar rege genutzt wurde. Ich komme schnell voran, bin beschwingt und kann meinen Blick nicht vom Himmel lösen. Den ganzen Weg entlang entdecke ich kleine Fussabdrücke. Ich erkenne die Spur eines Hasen und mehrere, die Füchse hinterlassen haben könnten. Und tatsächlich, nur wenige Dutzend Schritte vor mir rennt einer über den Schnee auf den Wald zu. Doch meine Freude darüber lässt sich sogar noch steigern.

Hatte keine Ahnung, dass Marder so springen können

Nämlich von einem Marder, der später über eine geräumte Strasse flitzt und in einem unglaublich hohen und weiten Sprung über eine Schneemade fliegt. Ich hatte keine Ahnung, dass diese kleinen Kerlchen solche Akrobaten sind.

Weiter unten sehe ich das kleine Dörfchen Uezwil, das noch zu schlafen scheint. Aus einigen Kaminen steigt Rauch, die Dächer sind wunderschön weiss gezuckert.

Jeder Tag sollte mit Glücksmomenten anfangen

Nach einer knappen Stunde sitze ich dann doch am Laptop und beginne pünktlich um 8 Uhr mit meiner Arbeit. Doch nicht etwa verschlafen im Trainer mit kleinen Äuglein. Ich bin hellwach, angezogen, fühle mich gestärkt und hatte schon jede Menge Glücksmomente. Sollte so nicht jeder Tag anfangen? Wann könnte man das schon machen, wenn nicht jetzt, wo der Arbeitsweg für alle, die Homeoffice machen können (und müssen) wegfällt? Jetzt ist die Zeit. Wer sich jetzt nicht solche schönen Momente gönnt, muss vielleicht bald wieder pendeln und hat’s verpasst.

Also mache ich das am nächsten Morgen gleich wieder. Diesmal nicht mit Schneeschuhen, sondern der Strasse entlang. Meine Belohnung für diesen Marsch ist ein Morgenhimmel, der noch atemberaubender ist als der vom Vortag. Da fällt mir ein Satz ein, den ich sehr passend finde: «Rausgehen ist wie Fensteraufmachen, nur krasser.» Und in meinem Kopf ergänzt sich wie von allein: «Früh am Morgen rausgehen ist wie Fantasybücher lesen, nur krasser.»