Uezwil/Wengen
Mit 17 Kühen und Kälbern auf dem Weg auf die Alp

Mit Traditionen soll man bekanntlich nicht brechen. Die Familie Wüthrich hat ihre Kühe zum 23. Mal nach Wengen auf dei Alp geführt - und die az war dabei.

Andrea Weibel (Text und Fotos)
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Es ist 6 Uhr morgens. Der riesige Tiertransporter steht in Uezwil auf dem Wüthrich-Hof bereit. Mir wird ohne viele Worte ein Stock in die Hand gedrückt, dann helfe ich Bauer Hans Wüthrich, die Tiere in den Laderaum zu scheuchen. «Als wir vor über 20 Jahren mit der Alpwirtschaft begonnen haben, waren sie kaum in den Laster zu bringen. Heute kennen die älteren das Prozedere schon, und die Kleinen laufen hinterher», sagt er.

Nach wenigen Minuten sind die zehn Kühe und sieben Kälber verladen. Und nach einem Kaffee in der Küche, wo wir nun auch auf die jungen Helfer treffen, geht die Fahrt mit Transporter und zwei Autos los Richtung Berner Oberland.

Touristen am Wegrand

Gegen 9 Uhr erreicht der Transporter den Parkplatz beim Schulhaus in Lauterbrunnen. Dort werden die Kühe ausgeladen, die grossen erhalten eine Glocke, die kleinen behalten ihre Schellen an, die sie schon auf der Weide in Uezwil getragen haben. Dann kann der Alpaufzug losgehen. Unter freudigem Winken von Touristen, welche die spektakuläre Szene sofort mit ihren Fotoapparaten festhalten und sich freuen, wenn wir sie mit einem herzlichen «Grüezi» begrüssen, das sie nickend und strahlend zu imitieren versuchen, geht es durch die idyllischen Dörfer Lauterbrunnen und Wengen. Die Kühe auf den Weiden kommen neugierig näher und begleiten unseren Tross, soweit es der elektrische Zaun erlaubt.

Anwohner sind an Kühe gewöhnt

Die Bewohner der beiden Alpdörfer sind solche Kuh-Umzüge gewohnt. Die meisten Querstrassen können mit bereitstehenden Bändern oder Drähten versperrt werden, um die Kühe auf der Strasse zu halten. Und wo keine Drähte angebracht sind, kommen die Hausbesitzer gleich selbst auf die Strasse gelaufen, um beim Viehtreiben vor ihrem Haus zu helfen. Selbst die Müllabfuhr-Leute winken und bedeuten uns mit Handzeichen, wegen ihnen bloss nicht zu hetzen.

 Martina und Cornelia Wüthrich haben Spass.
6 Bilder
 Vor dem Alpaufzug bekommt jede Kuh ihre Schelle.
 Dario Brunner hilft gern mit beim Alpaufzug.

Martina und Cornelia Wüthrich haben Spass.

Aargauer Zeitung

Man merkt, dass man hier willkommen ist. Nach einem kurzen Znünihalt unterhalb der Bahnstation Wengernalp nehmen Hans, Martina und Cornelia Wüthrich sowie die Hilfs-Kuhtreiber Urs Häusermann, Dario Brunner und ich mit den Kühen das letzte Wegstück in Angriff. Zur Unterhaltung geben die beiden Schwestern ein Jodel-Ständchen. Über dem Wald und den Weiden liegt dichter Nebel, der dem Alpaufzug etwas Magisches verleiht. Dass die Gegend von Sagengestalten wimmelt, kann in diesem Moment niemand abstreiten.

Als wir den Waldweg verlassen und auf einen schmalen Wanderweg einbiegen, der uns zur Brechalp hinunterführt, sind die Kühe kaum mehr zu bremsen. «Sie kennen die Gegend gut», weiss Hans Wüthrich. «Je näher wir ihrer geliebten Sommerweide kommen, desto schneller gehts voran.» Jede will die erste sein, die vom saftigen Gras auf der Weide fressen kann. Und auch wir freuen uns nach drei Stunden Marsch auf die Älplermagronen, die schon bald in der Küche dampfen – und auf die unverschwitzten Kleider, die Hubert Wüthrich und Tamara Marti mit dem Taxi auf die Alp gebracht haben.

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