Landgut in Wiggwil
Es könnte ein Vogelparadies sein und doch wurden nur 20 Vogelarten gezählt – ein Ornithologe erklärt, wieso

Auf ihrem Landgut Weitsicht in Wiggwil haben Eva Kollmann und Thomas Kull ein Paradies der Biodiversität geschaffen. Ornithologe Peter Zeller hatte grosse Hoffnung, hier auf seltene Vogelarten zu stossen. Die Auswertung seiner Zählungen ist hingegen ernüchternd.

Andrea Weibel
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Landbesitzerin Eva Kollmann (mit ihrer Enkelin im Arm) und Ornithologe Peter Zeller beobachten einen Turmfalken über dem Landgut Weitsicht im Beinwiler Weiler Wiggwil.

Landbesitzerin Eva Kollmann (mit ihrer Enkelin im Arm) und Ornithologe Peter Zeller beobachten einen Turmfalken über dem Landgut Weitsicht im Beinwiler Weiler Wiggwil.

Andrea Weibel

Eva Kollmann ist schon ein wenig traurig. Seit zehn Jahren ist sie mit ihrem Partner Thomas Kull dabei, ihr Landgut Weitsicht im Beinwiler Weiler Wiggwil biodivers aufzuwerten. Und zwar im grossen Stil. Sie kann gar nicht alles aufzählen, was sie über die Jahre für Insekten, Vögel, Reptilien und Säugetiere erstellt haben. Jeder Bauernhof sollte heute laut Bund 3,5 Prozent Biodiversitätsfläche aufweisen. Das Landgut Weitsicht hat über 65 Prozent.

Kein Wunder also, dass sich Kollmann grosse Hoffnungen gemacht hat, dass auf ihrem Grund auch seltenere Vogelarten nisten. Denn dafür müssen einerseits Nistmöglichkeiten vorhanden sein, andererseits aber auch ein entsprechendes Nahrungsangebot. «Das heisst, dass man eben auch einen Lebensraum für Insekten schaffen muss, die von den Vögeln gefressen werden können. Und das gibt es hier in grosser Menge», sagt Kollmann.

Darum war sie voller Vorfreude, als Ornithologe Peter Zeller aus Beinwil sich vor einem Jahr dazu bereit erklärte, auf dem Land eine Vogelzählung und -kartierung vorzunehmen. «Es war ein riesiges Glück, dass wir mit ihm einen absoluten Spezialisten in der Vogelkunde gefunden haben», erzählte sie damals glücklich. Auch er erhoffte sich die Sichtung von selteneren Vögeln. Doch sein Fazit ist bisher ernüchternd.

«Die Arbeit hat nicht nichts gebracht»

Jeweils im Frühling, während der Brutzeit, geht der gelernte Elektriker und Familienvater Zeller im Abstand von zwei Wochen dreimal frühmorgens aufs Feld. «Ich war voller Hoffnung, denn aus meiner Sicht sind die Gegebenheiten hier sehr gut und einladend für die unterschiedlichsten Vogelarten. Gesehen habe ich dann allerdings nur 20 Arten», erzählt er.

Peter Zeller ist schon seit einem Jahr dabei, die Vögel auf dem Landgut Weitsicht zu zählen und zu kartieren.

Peter Zeller ist schon seit einem Jahr dabei, die Vögel auf dem Landgut Weitsicht zu zählen und zu kartieren.

Alex Spichale
(23. April 2021)

Das sei überhaupt nicht schlecht, betont er, weil Eva Kollmann, ihre Enkelin auf dem Arm, traurig dreinschaut. «Das ist ein sehr guter Anfang. Von den normalen Arten, die man erwarten kann, sind viele da. Darunter Meisen, Schwalben, Stare, Milane und Turmfalken.» Schaue man andere Felder ganz in der Nähe an, auf denen Monokulturen wachsen, sehe man deutlich weniger Vögel, «darum darf man diese 20 Arten nicht gering schätzen». Ihm ist wichtig:

«Die Arbeiten, die Sie zu Gunsten der Biodiversität geleistet haben, hat nicht nichts gebracht.»

Nur die Spezialisten der Vogelarten seien noch nicht da. Dafür hat Zeller aber einleuchtende Erklärungen. «Normalerweise ist es so, dass Jungvögel sich neue Gebiete suchen, wenn jene ihrer Eltern bereits überfüllt sind. Doch im Moment fallen die Bestände eher zusammen, da ist es nicht verwunderlich, dass es die Jungen nicht nötig haben, sich neue Gebiete zu erschliessen.»

Ein Armutszeugnis für die Landwirtschaft

Oder in drastischeren Worten: «Es ist ein Armutszeugnis für die Landwirtschaft», sagt Zeller. «Man kann den Vögeln noch so tolle Lebensräume bieten, aber wenn darum herum viel zu wenig auf die Biodiversität geachtet wird, kommen die Vögel gar nicht in die Nähe, auch wenn sie hier eine Oase finden würden.»

Glückliche Weideschweine «arbeiten» zwischen den Wildbeerensträuchern des Landguts Weitsicht.

Glückliche Weideschweine «arbeiten» zwischen den Wildbeerensträuchern des Landguts Weitsicht.

Andrea Weibel

Das hat auch Kollmann in Erfahrung gebracht. «Ich habe mich mit Experten ausgetauscht. Sie meinten, die nächsten Orte, wo die Vögel ähnlich gute Lebensqualität vorfinden würden, wäre in der Reussebene oder dann wieder im Luzernischen. Es bräuchte eine Art Trittsteine, also Gebiete dazwischen, die die Vögel zu uns locken könnten», sagt sie.

Der Ornithologe gibt nicht auf – die Hofbesitzenden auch nicht

Peter Zeller will jedoch noch nicht aufgeben. Er möchte in den nächsten Jahren weiterhin Vogelzählungen auf dem Hof durchführen. Die Karte, die er so anlegt, gibt er an die Vogelwarte Sempach weiter. Am Ende fliessen seine Zahlen in den Europäischen Brutvogelatlas ein.

Und auch die Hofbesitzenden geben nicht auf. «Wir haben schon viele weitere Ideen, um das Land noch besser nutzen und gleichzeitig der Natur zur Verfügung stellen zu können», sagt Kollmann. Im Moment weidet eine Gruppe Zebus, auch als indische Buckelrinder bekannt, auf ihren Weiden zwischen den alten Hochstammobstbäumen nahe der Wildbeerensträucher. «Sie sind viel besser an den Klimawandel angepasst als unsere Rinder.»

Die Zebus bereichern derzeit die Weiden des Landguts Weitsicht von Eva Kollmann und Thomas Kull im Beinwiler Weiler Wiggwil.

Die Zebus bereichern derzeit die Weiden des Landguts Weitsicht von Eva Kollmann und Thomas Kull im Beinwiler Weiler Wiggwil.

Andrea Weibel

Zudem plant Kollmann Flächen für Amphibien und Reptilien. «Der Kanton ist ebenfalls an Bord», freut sie sich. Und wer weiss, vielleicht schaffen es die selteneren Vögel ja in den nächsten Jahren zu ihr hinauf auf den Lindenberg. Dann winkt ihnen ein umso grösseres Insektenbuffet.