Sarmenstorf
Jetzt wird umgegraben – eine Baugrube soll als Theaterbühne fungieren

Stefan Hegi und Hans Melliger veranstalten in diesem Jahr über 20 Aktionen zum Thema «Graben» – unter anderem ein Theater in einer Baugrube. Die beiden Sarmenstorfer erläutern, was unter dem neuen Begriff Grabologie zu verstehen ist.

Andrea Weibel
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Stefan Hegi (links) und Hans Melliger vor der Baustellentafel – was da wohl draufsteht?

Stefan Hegi (links) und Hans Melliger vor der Baustellentafel – was da wohl draufsteht?

Andrea Weibel

Es ist kein Witz: Mitten in Sarmenstorf neben der Mehrzweckhalle wird eine grosse Baugrube ausgehoben. Was da gebaut wird, erklärt seit gestern eine Baustellentafel am hinteren Rand des Lindenplatzes, der an die Brache grenzt. Was darauf steht, ist allerdings eine andere Frage, denn die Tafel ist in Chinesisch gehalten. Wer nun sofort ans Corona-Virus denkt, sei versichert: Damit hat es nichts zu tun. Wer aber wissen möchte, was darauf steht, sollte Google-­Translate bemühen oder einfach auf die Website des Bauvorhabens Grabenstorf gehen. Dort zeigt sich: Es wird nichts gebaut, sondern gegraben. Nichts anderes. Einfach nur gegraben.

Die Grabologie-Experten stammen aus Sarmenstorf

Bis letzte Woche gab es den Begriff Grabologie offiziell noch nicht. Das haben die beiden Initianten und Theaterenthusiasten Stefan Hegi und Hans Melliger nun geändert. «Grabologie steht in etwa so zur Archäologie wie die Astrologie zur Astronomie», versucht es Hegi zu erklären. «Die Archäologen haben eine Idee, was sie bei Grabungen finden werden, Tonscherben, Gräber und so weiter. Wir Grabo­logen hingegen graben einfach und arbeiten auch auf feinstofflicher Ebene», fügt Melliger ernst hinzu, muss dann aber doch grinsen. Wer die beiden kennt, weiss, wie ernst man sie ab und zu nehmen kann.

Doch sie haben auch ganz vieles, was man voll und ganz ernst nehmen kann, was sogar Geschichte schreiben könnte in Sarmenstorf. Melliger erzählt: «Seit längerer Zeit haben immer wieder Leute bei uns angefragt, wann wir wieder ein Theater auf die Beine stellen. Vor zwei Jahren war die Zeit dann gekommen. Aber wir wollten nicht einfach ein Stück bringen, das man dann spielen soll.» Sie verschickten Flyer in jeden Sarmenstorfer Haushalt, durch die sie Leute suchten, die Kulturelles «von Sarmenstorf für Sarmenstorf» organisieren wollten. Es kamen unzählige Ideen zusammen. «Irgendwann einigten wir uns auf das Thema Graben», so Melliger. Was entstand, war nicht nur ein Theater, sondern ein Kulturprogramm, wie es das Dorf noch nie gesehen hat.

Vom Waldbruder und vom umstrittenen Forscher

Bisher sind rund 20 sogenannte «grabologische Aktionen» im und ums Dorf geplant. Dessen Spektrum sind sämtliche Grenzen abhandengekommen. «Unter anderem wird es einen Grabwettbewerb geben, bei dem die Leute zeigen können, wer innert einer bestimmten Zeit das grösste Loch ausheben kann», beginnt Hegi. Ein Bagger-Kurs soll den Kindertraum vieler Sarmenstorfer wahrmachen. «In einem Symposium wollen wir den Waldbruder Heigele beleuchten, den es scheinbar tatsächlich gegeben hat, der mit alten Knochen gehandelt und auch mit der Wendelinskapelle zu tun gehabt haben soll», so Hegi weiter. Das klingt völlig absurd, doch auf diesen Waldbruder sei Autor Jörg Meier bei seinen Recherchen fürs Theater tatsächlich gestossen. Ebenso soll an einem Infoabend Hans Reinerth beleuchtet werden, der umstrittene Grabungsleiter der ersten Ausgrabungen der Bronzezeitgräber im Zigiholz.

Unterhosen und Lieblingstanten ausgraben

«Mit Kindergärtlern möchten wir eine Zeitkapsel vergraben und in einem Museum echte und nicht ganz echte Fundstücke aus den Ausgrabungen zeigen.» Dazu kommen Diskussionsrunden und Themenabende. Ganz spannend dürften ausserdem drei Themen sein. «Agroscope, das Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung in Zürich, hat eine Aktion ins Leben gerufen, bei der man seine Baumwollunterhosen in der Erde vergraben und nach einer gewissen Zeit wieder ausgraben soll. So wird untersucht, wie gut der Boden arbeitet. Da wollen wir natürlich auch mitmachen», sagt Hegi lachend. Auch das ist wirklich wahr, so absurd es auch klingen mag. Ausserdem soll in Sarmenstorf, einem der Dörfer, das schweizweit am meisten historische Fundstellen aus verschiedenen Zeitepochen aufweist, ein Rundgang die Geschichten zu diesen Fundstellen zeigen.

«Graben kann aber auch symbolisch verstanden werden», so Hegi. «Darum wollen wir am Tanten-Abend Leuten die Möglichkeit geben, ihre verstorbenen Lieblingstanten durch Geschichten quasi auszugraben.» Dass sie mit Metalldetektoren eine frühere Mülldeponie untersuchen wollen, ist einer von vielen weiteren möglichen Themenabenden. Die Liste ist lang, darf aber gern noch länger werden, sagen sie. Wer noch mitmachen möchte, darf sich melden. Die Aktionen sind ab jetzt bis November geplant.

Grabenstorf - Das Theater in der Baugrube

Es war nicht klar, ob das neue kulturelle Projekt, das Hans Melliger und Stefan Hegi mit anfangs 20 Leuten auf die Beine stellen wollten, wieder ein Theater werden sollte. Nicht alle waren theateraffin. Das war ein Vorteil. «Wir haben es zweigeteilt: Nun entstehen ein Freilichttheater sowie grabologische Aktionen», so Melliger.
Für das Theater «Grabenstorf» konnten sie den bekannten Wohler Theaterautoren und AZ-Kolumnisten Jörg Meier ins Boot holen. Regie führt die ebenfalls im Freiamt bestens bekannte Eva Mann. Geplant sind 15 Vorstellungen, Premiere ist am 21. August. Auf die Bühne müssen die 20 Schauspieler aber noch einige Zeit warten, diese soll tatsächlich in einer tiefen Baugrube auf der Festwiese neben der Mehrzweckhalle entstehen. Komplett mit Zuschauerraum und viel Platz zum Weitergraben. Und das auf einem Platz, der tatsächlich erst von den Kantonsarchäologen untersucht werden musste. «Leider oder glücklicherweise fanden sie nichts», so Hegi.

Mehr Infos zum Projekt Grabenstorf gibt’s hier.