Archäologie
In Sarmenstorf kann Geschichte hautnah erlebt werden

Das kleine Dorf ist aus archäologischer Sicht eine wahre Fundgrube. Der erste Geschichtstag soll zeigen, wie frühere Freiämter assen, kämpften und begraben wurden.

Andrea Weibel
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Andrea Weibel

«Sarmenstorf sticht archäologisch betrachtet aus den 213 Aargauer Gemeinden heraus», sagt Kantonsarchäologe Georg Matter. «Von der Bedeutung her kann es zwar nicht mit Windisch oder Kaiseraugst mithalten, dafür sind Anzahl der Fundstellen und zeitliche Tiefe sehr beeindruckend.»

Geschichtstag Sarmenstorf

Samstag, 15. Oktober, 11 bis 16 Uhr. Shuttlebus ab Parkplatz Fussballplatz

Tatsächlich weist das kleine Dorf wertvolle Funde ab der Jungsteinzeit über Bronze- und Römerzeit sowie Mittelalter bis zur Neuzeit auf. «Dabei wissen viele Leute gar nicht, in welch geschichtsträchtiger Landschaft sie wohnen», fügt Daniel Humbel, Präsident der historischen Vereinigung Seetal und Umgebung, hinzu.

Um das zu ändern, haben sich die beiden Organisationen mit der Gemeinde etwas Besonderes ausgedacht. «Heute will man nicht mehr bei einem Vortrag über Geschichte belehrt werden. Man will sie sehen, spüren, schmecken. Man will ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst. Genau das wollen wir den Sarmenstorfern – und natürlich allen anderen – am 15. Oktober bieten.»

Saraman, «der Glänzende»

Auf einem Geschichtsweg sollen die über 500 erwarteten Interessierten zwischen Wendelinskapelle und Römervilla im Murimooshau Geschichte hautnah erleben können. Auf dem gut zwei Kilometer langen Weg erwarten sie acht Posten: Bei der Kapelle aus dem Frühmittelalter zeigt eine Alemannengruppe Waffen, Kleider und Alltagsgegenstände aus der Zeit der Dorfgründung.

Matter erklärt: «Siedlungen wurden damals oft nach dem Sippenoberhaupt benannt. Wir gehen davon aus, dass dieses hier Saraman hiess. Das bedeutet ‹der Glänzende›, ‹der Gerüstete›. Daraus leitete sich höchstwahrscheinlich der Name Sarmenstorf ab.» Aber natürlich wird auch die spätere Sage der Angelsachsen erzählt, die mit ihren abgetrennten Köpfen im Arm unter dem Stein Schutz suchten, der heute in die Wendelinskapelle hineinragt.

Auf einem Geschichtsweg sollen die über 500 erwarteten Interessierten zwischen Wendelinskapelle und Römervilla im Murimooshau Geschichte hautnah erleben können.

Auf einem Geschichtsweg sollen die über 500 erwarteten Interessierten zwischen Wendelinskapelle und Römervilla im Murimooshau Geschichte hautnah erleben können.

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Auf weiteren Stationen der Niesenbergstrasse entlang werden all die Höhepunkte der beeindruckenden Sarmenstorfer Geschichte erzählt, gezeigt und vor allem erlebbar gemacht. «Die ersten Funde stammen aus der Jungsteinzeit um 2800 bis 2400 v. Chr.», erklärt der Kantonsarchäologe.

Es handelt sich um Keramik, die bei Ausgrabungen in den 20er-Jahren in den 21 Grabhügeln im Zigiholz gefunden wurden. «Damals datierte man die Hügelgräber deshalb in die Jungsteinzeit. Heute glauben wir aber, dass die Hügel erst in der mittleren Bronzezeit um 1500 bis 1300 v. Chr. erbaut wurden und die jungsteinzeitlichen Funde per Zufall in die Gräber gelangten.»

Wo genau die Menschen jener Zeit gewohnt haben, ist nicht sicher. «Vermutlich nicht bei den Grabhügeln, wir würden ja auch nicht auf dem Friedhof wohnen», verdeutlicht Daniel Humbel.

Kinder besiegen Legionäre

Zeitlich folgten auf die Funde der Jungsteinzeit und der Bronzezeit jene der Römer. Im Murimooshau kann die Badanlage eines römischen Gutshofs besichtigt werden. «Römische Villen gibts überall. Aber so grosse, luxuriöse findet man in der Schweiz selten.» Allein auf dem Grundriss des Badehauses könnte heute ein Einfamilienhaus gebaut werden.

Das dazugehörige Hauptgebäude mass 58 Mal 21 Meter und bot eine atemberaubende Rundumsicht auf Jura, Mittelland und Alpen. Es wird ins 1. und 2. Jahrhundert nach Christus datiert. «Hier wird eine Truppe Legionäre auf die Besucher warten. Wie wir von den Römertagen in Vindonissa wissen, sind vor allem die Kämpfe, die Kinder gegen die Truppe führen, jeweils legendär», erzählt Matter lachend.

Unterhalb der Römervilla befindet sich der Heidenhübel, ein Erdhügel, bei dem sich die Archäologen nicht ganz sicher sind, was er einst dargestellt haben soll. «Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Holz-Erd-Burg aus dem Hochmittelalter handelt. Ob sie aus Kriegsgründen oder zu repräsentativen Zwecken erbaut wurde, wissen wir nicht», so Matter.

Unterhalb der Römervilla befindet sich der Heidenhübel, ein Erdhügel, bei dem sich die Archäologen nicht ganz sicher sind, was er einst dargestellt haben soll.

Unterhalb der Römervilla befindet sich der Heidenhübel, ein Erdhügel, bei dem sich die Archäologen nicht ganz sicher sind, was er einst dargestellt haben soll.

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Humbel fügt an: «In diesem Gebiet stellten Klöster von Muri bis Einsiedeln ihre Besitzansprüche. Das könnte ein Grund sein, weshalb kein Adelsgeschlecht sich hier entwickeln konnte und eine Steinburg baute.» Matter bestätigt, dass dieses Fehlen einer Steinburg spannend sei.

Geschichtsweg geplant

Bei all den Sehenswürdigkeiten scheint es fast fragwürdig, warum bisher noch kein Geschichtstag durchgeführt wurde. Humbel erklärt: «Unsere Aufgabe ist es, die historischen Fundstellen zu konservieren und der Öffentlichkeit zu zeigen. Doch alleine schaffen wir das nicht.

Also haben wir uns an Gemeinde und Kanton gewandt, die beide sofort begeistert waren.» So soll der Event in Sarmenstorf nur der Anfang einer Zusammenarbeit der Organisationen sein, die künftig vermehrt gemeinsam die Geschichte im Seetal erlebbar machen wollen. «Und da wir jetzt schon so viel aufgearbeitet haben, könnten wir uns vorstellen, den Weg in Sarmenstorf zu institutionalisieren», sagt Matter. «Wir denken an Infotafeln, Broschüren und Ähnliches. Aber zuerst kommt jetzt einmal der Geschichtstag.»

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