Historisches aus dem Gnadenthal
Pestalozzi: Die Geschichte des ehemals Reformierten, der das katholische Pflegeheim Gnadenthal gründete

Die Umwandlung des Klosters Gnadenthal – heute ein Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung – in ein Pflegeheim bedeutete 1894 eine gewichtige Zäsur. Zu den Gründervätern gehörten zwei Theologen aus dem Freiamt und ein Arzt aus Zürich. Doch von ihm bleibt selbst im neuen Museum nur der Name.

Heinrich Briner
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Spuren von Emil Pestalozzi, einem Zürcher Arzt, im Gnadenthal: Den Besuchenden zeigt sich einzig diese Tafel im Kreuzgang.

Spuren von Emil Pestalozzi, einem Zürcher Arzt, im Gnadenthal: Den Besuchenden zeigt sich einzig diese Tafel im Kreuzgang.

Zvg

Bisher hat sich niemand darüber gewundert, warum ausgerechnet ein Arzt aus dem reformierten Zürich mitgeholfen hat, das Erbe eines katholischen Klosters zu retten. Erstaunlicherweise schweigt sich auch das neu eröffnete Museum Gnadenthal über Dr. Pestalozzi aus. Mehr als den Namen erfährt man nicht.

Emil Pestalozzi stammte aus einer angesehenen, wohlhabenden und selbstverständlich reformierten Zürcher Seidenfabrikantenfamilie. Das aus Italien eingewanderte Geschlecht der Pestalozzi – auch der bekannte Pädagoge Johann Heinrich (1746-1827) gehört in den Stammbaum – war bereits früh in die Zürcher Handelsaristokratie aufgestiegen. Emil Pestalozzi studierte in Zürich Medizin und doktorierte 1877 in Würzburg. Die berufliche Weiterbildung führte ihn nach Wien, London und Paris.

1882 trat der junge Arzt zum katholischen Glauben über. Intensive Gespräche während seines Aufenthalts in Paris sollen den Anstoss dazu gegeben haben. Möglicherweise hat seine spätere Ehefrau dabei eine wichtige Rolle gespielt. Adèle Pfyffer von Altishofen hatte sich in Paris zur Französischlehrerin ausbilden lassen. 1883, also ein Jahr nach der Konversion, heirateten die beiden.

So sah Emil Pestalozzi aus.

So sah Emil Pestalozzi aus.

Zzgg/Museum Burg Zug. Inventarnummer 9515

Der Übertritt eines Mitglieds einer bekannten Familie zum Katholizismus war in Zürich in der damaligen Zeit ein vollendeter Skandal. Emil Pestalozzi wurde so sehr angefeindet, dass er Praxis und Wohnsitz in die Innerschweiz verlegte.

Pestalozzi und der Ingenbohler Orden – sein Netzwerk war gross

Der junge Arzt wurde im Kloster Ingenbohl Leiter des hauseigenen Krankenpflegekurses. Und er unterstützte den Ingenbohler Orden beim Aufbau eines Spitals in Zürich. Pestalozzi kehrte als Chefarzt des «Theodosianums», des damals modernsten Spitals, nach Zurich zurück.

Das öffnete für das Gnadenthal den Weg für reiche Investoren aus dem Kanton Zürich. Die Aktiengesellschaft der Pflegeanstalt Gnadenthal spekulierte nämlich mit einem Gewinn. Man warb sage und schreibe mit einer Dividende von 4 Prozent. Die Rechnung ging allerdings nicht auf.

Wahrscheinlich erhoffte man sich von Pestalozzis Kontakten auch den Zustrom reicher Pensionäre aus Zürich. Denn die Pflegeanstalt war nicht nur für arme, arbeitsunfähige und gebrechliche Erwachsene konzipiert. Gesucht waren vielmehr auch Leute mit entsprechendem finanziellem Polster.

Eine kleine Erinnerung an Dr. Pestalozzi-Pfyffer.

Eine kleine Erinnerung an Dr. Pestalozzi-Pfyffer.

zvg/Universität Uppsala. Alvin-Portal.org.

Diese hätten sich durch die Übertragung ihres Vermögens als «Pfründer» das Anrecht erworben, lebenslang Unterhalt und Pflege zu bekommen. Warum der Erfolg ausblieb, müsste noch erforscht werden.

Der ehemalige Reformierte engagierte sich für die katholische Kirche

Emil Pestalozzi setzte sich für den Bau der Liebfrauenkirche in Zürich ein, den römisch-katholischen Gegenentwurf zum reformierten Grossmünster. Er engagierte sich aber auch in der katholischen Studentenverbindung «Turicia». Noch heute wird im Stammlokal in Zürich sein Bierzipfel, ein Zeichen der Verbindung, ausgestellt. Die Gravierung stammt vom 5.5.1893, also kurz vor der Gründung der Pflegeanstalt Gnadenthal.

Pestalozzis Bierzipfel von 1893.

Pestalozzis Bierzipfel von 1893.

zvg/Turicia

1910 beendete Emil Pestalozzi seine Tätigkeit als Arzt und verlegte seinen Wohnsitz nach Zug. Er widmete sich fortan vor allem dem katholischen «Marketing». So präsidierte Pestalozzi unter anderem den Schweizerischen Katholischen Presseverein, den Schweizerischen Caritasverband sowie den konservativen Piusverein, gab aber auch dem Schweizerischen Katholikenverein und der Inländischen Mission entscheidende Impulse.

Emil Pestalozzis Arbeit war also von nationaler Bedeutung. Umso erstaunlicher ist es, dass man im Gnadenthal von diesem Gründervater 125 Jahre nur den Namen gekannt hat. Ein Detail zum Schmunzeln: Was hat Pestalozzi mit Pärken zu tun? Ganz einfach: Das Theodosianum in Zürich, zu dessen Gründervätern er ebenfalls gehörte, ist heute ein städtisches Alterszentrum und trägt seit 1973 den Namen «Klus Park». Die Pflegeanstalt Gnadenthal wurde 1998 in «Reusspark» umbenannt.