Hägglingen
Schwester warnt Bevölkerung mit Brief vor pädophilem Bruder – das sagen Polizei und Gemeindeammann dazu

Eine Frau machte die Hägglinger Bevölkerung per Brief auf ihren neu zugezogenen und offenbar pädophilen Bruder aufmerksam. Nun erklären Kantonspolizei und Gemeindeammann Urs Bosisio, was sie von diesem ungewöhnlichen und heiklen Vorgehen halten.

Marc Ribolla und Pascal Bruhin
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Helen W. möchte nicht, dass ihr Bruder Kindern Leid zufügt.

Helen W. möchte nicht, dass ihr Bruder Kindern Leid zufügt.

Screenshot Tele M1

Im beschaulichen Hägglingen mit seinen rund 2500 Einwohnern herrscht seit einigen Tagen ein ungutes Gefühl in der Bevölkerung. Auslöser der Unruhe ist eine Aktion einer Frau, die selber nicht aus der Region stammt.

Sie warnt in einem Brief die Nachbarn ihres Bruders vor dessen Pädophilie, wie Tele M1 berichtet. Ausführlich legt Helen W., wie sie der TV-Sender im Beitrag nennt, dar, weshalb sie diese schweren Vorwürfe erhebt. Sie sei als Kind von ihrem Bruder sexuell missbraucht worden und sei nicht das einzige Opfer gewesen. Der Mann ist erst vor wenigen Monaten aus einer anderen Schweizer Gemeinde nach Hägglingen gezogen.

Die Verfasserin des Briefes war die Schwester des betroffenen Mannes.

TeleM1

«Es geht mir in erster Linie darum, das zu unterbrechen. Dass es endlich einmal aufhört, dass mein Bruder nicht noch mehr Leid zufügen kann», begründet Helen W. ihr ungewöhnliches Verhalten. Ihr Bruder streitet die Taten derweil nicht ab.

«Es grenzt schon ein wenig an Selbstjustiz»

Strafrechtlich liegt gegen ihn aber nichts vor. Das Strafverfahren wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern ist wegen Verjährung im betreffenden früheren Wohnkanton des Mannes eingestellt worden.

Doch wie sieht es nun im Aargau aus? Gegenüber Tele M1 erklärt Aline Rey, Mediensprecherin der Kantonspolizei: «Wir haben von diesem Fall Kenntnis genommen. Es sind schwere Vorwürfe, die hier im Raum stehen. Wir gehen dem logischerweise nach. Schlussendlich gilt die Unschuldsvermutung. Es grenzt natürlich schon ein wenig an Selbstjustiz. Das lehnen wir kategorisch ab.»

Auch die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau sei informiert und berate, wie man im konkreten Fall Hägglingen vorgehen möchte.

Sorgen um den Ruf der Gemeinde

«Es ist natürlich eine sehr, sehr unschöne Sache», sagt der Hägglinger Gemeindeammann Urs Bosisio auf Anfrage der «Aargauer Zeitung» am Freitagmittag und hält fest: «Aber wir als Gemeinde können nichts machen.»

Der Fall beschäftigt das ganze Dorf.

Keystone

Nachdem am Mittwoch die ganze Angelegenheit publik wurde, habe der Gemeinderat sofort mit der Regional- und der Kantonspolizei Rücksprache gehalten. Aber:

«Juristisch ist alles richtig. Es herrscht freie Wohnortwahl, wir dürfen gar nichts gegen ihn unternehmen.»

Bosisio macht sich nicht nur Sorgen um den Ruf seiner Gemeinde, sondern vor allem um die Kinder im Dorf. Er betont, dass der Gemeinderat die Sache um den offenbar pädophilen Neuzuzüger sehr ernst nehme.

Der Gemeindeammann, der gleichzeitig auch Präsident des Primarschulverbands am Maiengrün ist, will nun die Hägglinger Schülerinnen und Schüler und deren Eltern noch mehr aktiv auf die Thematik und den Umgang mit solchen möglichen Gefahren sensibilisieren.

In einem Statement gegenüber Tele M1 erklärt der Beschuldigte zum Schluss: «Ich bitte meine Schwester und die Allgemeinheit: Gebt mir, gebt uns die Chance, um zu leben. Ich möchte dazu stehen und wer Fragen hat, kann mich selbst direkt fragen und auf mich zukommen. Und nicht hinten rumsprechen.» Ob dies das Unbehagen in der Hägglinger Bevölkerung damit beruhigen lässt, wird sich zeigen.

In Hägglingen herrscht zurzeit eine Unruhe.

In Hägglingen herrscht zurzeit eine Unruhe.

Nathalie Wolgensinger

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