Niederwil/Nesselnbach
Enja (†8) starb auf Schulweg: Unfallfahrer (22) muss sich heute vor Gericht verantworten

Vor einem Jahr starb in Niederwil eine 8-Jährige auf dem Schulweg. Heute steht der Unfallfahrer vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten hat Anklage unter anderem wegen eventualvorsätzlicher Tötung erhoben.

Mario Fuchs
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Brutaler Unfall zwischen Niederwil und Nesselnbach.
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Hier ereignete sich der tödliche Unfall.

Brutaler Unfall zwischen Niederwil und Nesselnbach.

Am Montag, 12. September 2016, kommt es ausserhalb Niederwils zur Tragödie. Kinder, die in Niederwil zur Schule gehen und im nur ein Kilometer entfernten Nesselnbach wohnen, sind um 12 Uhr gerade auf dem Nachhauseweg in die Mittagspause. Der Nesselnbacherstrasse entlang führt ein Rad- und Fussweg – er ist ihr Schulweg.

Gleichzeitig fährt der einheimische Dominik (Name geändert), 22-jährig, mit seinem Seat Ibiza ebenfalls von Niederwil her in Richtung Nesselnbach. Die Strasse ist breit und trocken und Dominik drückt aufs Gas. Statt mit den ausserorts erlaubten 80 Kilometern pro Stunde dürfte er – das zeigt später der Untersuchungsbericht – mit über 100 km/h unterwegs gewesen sein. In einer langgezogenen Rechtskurve verliert er die Beherrschung über sein Fahrzeug. Der Seat schleudert zuerst nach links auf die Gegenfahrbahn, auf die Grasnarbe am linken Strassenrand. Dominik versucht, das Auto wieder zu kontrollieren, bremst, gibt Gegensteuer, schleudert wieder über die gesamte Fahrbahn zurück – und mit noch immer hoher Geschwindigkeit auf den Rad- und Fussweg.

Eine 8-jährige Schülerin, die auf dem Velo just in diesem Moment die Stelle passiert, wird seitlich-frontal erfasst und weggeschleudert. Das Mädchen erleidet dabei solch schwere Verletzungen am ganzen Körper, dass es am Montagabend im Spital verstirbt. Ein 9-jähriger Bub hat einen grossen Schutzengel: Er sieht «eher durch Zufall», dass sich eine Kollision abzeichnet, und rettet sich mit einem Sprung zur Seite vor dem schleudernden Auto.

Tod in Kauf genommen?

Hat Dominik mit seiner Fahrweise den Tod von Schulkindern in Kauf genommen? Diese Frage muss heute das Bezirksgericht Bremgarten in einem ganztägigen Prozess klären.
Die strafbaren Handlungen, welche die Staatsanwaltschaft Dominik zur Last legt: Eventualvorsätzliche Tötung (beim Mädchen), versuchte eventualvorsätzliche Tötung (beim Buben) sowie Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz (Nichtanpassen der Geschwindigkeit an die Strassen- und Sichtverhältnisse sowie Missachtung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ausserorts).

Gemeinde hat bereits reagiert

Der ortskundige Beschuldigte habe aus eigener Erfahrung gewusst, dass sich zur Unfallzeit auf der Niederwilerstrasse stets Schulkinder auf dem Nachhauseweg nach Nesselnbach befänden, schreibt die Staatsanwaltschaft. Indem er trotz dieses Wissens die Geschwindigkeit massiv überschritten habe, habe er bewusst in Kauf genommen, die Beherrschung über sein Fahrzeug zu verlieren und unkontrolliert von der Strasse abzudriften.

Wie die Ermittler errechnet haben, hätte der Unfallfahrer die langgezogene Rechtskurve mit nicht mehr als 67 Kilometern pro Stunde befahren dürfen, um nicht auf die Gegenfahrbahn zu geraten. Darauf hat die Gemeinde Niederwil inzwischen reagiert: Bereits im Juni wurde aus der 80er- eine 60er-Zone.

Der Staatsanwalt wird seine Anträge heute an der Verhandlung in Bremgarten bekannt geben.