Bremgarten
Einmal zu fehlen, kostete 20 Rappen – Kirchenchor feiert 150. Geburtstag

Der Bremgarter Kirchenchor feiert seinen 150. Geburtstag. Vor allem Klärli Bucher (84) erinnert sich an vieles; sie singt bereits 65 Jahre im Chor.

Andrea Weibel
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Die Co-Präsidenten Silvia Küng (links) und Erwin Wagenhofer sowie das älteste Mitglied Klärli Bucher freuen sich über den 150. Geburtstag ihres Kirchenchors.
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Jubiläum Kirchenchor Bremgarten
Schnappschuss von 1933.
Furka/Grimsel 1933.

Die Co-Präsidenten Silvia Küng (links) und Erwin Wagenhofer sowie das älteste Mitglied Klärli Bucher freuen sich über den 150. Geburtstag ihres Kirchenchors.

Andrea Weibel

Hochlöblich wurde sie damals von der Kirchenpflege genannt, die Kirchenmusik Cäcilia Bremgarten, als sie am 1. September 1868 gegründet wurde. Schaut man sich aber die Fotos an, von denen die ältesten bis ins Jahr 1927 zurückreichen, wird einem schnell klar, dass spätestens ab dann trotz aller Frömmigkeit auch ganz viel Spass dabei war. Grinsende und gar lachende Gesichter, und zwar von Frauen und Männern, sind zu sehen, gerade die Vereinsreisen scheinen Freude gemacht zu haben.

Lächeln muss auch Klärli Bucher, wenn sie an die alten Zeiten zurückdenkt. Sie war selbstverständlich nicht von Anfang an mit dabei, aber sie ist mit ihren 65 Jahren Vereinsmitgliedschaft das langjährigste Mitglied und mit ihren 84 Jahren auch die älteste Sängerin des heutigen Kirchenchors. Und sie weiss noch vieles aus all den Jahren. Besonders, wie sie sich gefreut hat, als sie vom damaligen Dirigenten persönlich gebeten wurde, bei der Weihnachtsmesse mitzusingen. Denn er war es, der sie beinahe dazu gebracht hätte, nie wieder auch nur einen Ton für den Verein zu singen.

«Die Neuen können das nicht»

«Daheim im Kanton Appenzell Innerrhoden war ich auch im Kirchenchor gewesen», beginnt sie zu erzählen. Dann zog sie zu ihrem Mann nach Bremgarten, wo dieser als Sänger in der Kirchenmusik mittat. «Sie hatten zu wenig Sängerinnen, also hat er mich mitgenommen. Da wurde eine Messe gesungen, die ich schon kannte, also war ich so frech, mitzusingen. Doch der Dirigent sagte, die Neuen sollten ihre ‹Schnore› halten, die könnten das sowieso nicht.» Danach wollte Klärli Bucher nie wieder zum Chor. «Doch mein Mann hat mich überredet, doch wieder mitzukommen, und der Dirigent selber bat mich dann, zu Weihnachten ebenfalls mitzusingen.» Sie spricht es nicht aus, doch ein wenig Stolz blitzt noch heute in ihren Augen auf, wenn sie an die Geschichte vor über einem halben Jahrhundert zurückdenkt.

Seither ist sie dem Verein, der seit 1962 nicht mehr Kirchenmusik, sondern Kirchenchor heisst, treu geblieben. Nie habe sie das bereut. «Was mich aber sehr gefreut hat, ist, als wir uns irgendwann alle mit Du ansprachen. Vorher hat man sich gesiezt. Aber erst mit dem Du sind wir zu einer kleinen Familie geworden.» Eine Familie, die sich einmal pro Woche zum Üben traf. «Wer fehlte, bezahlte 20 Rappen. Das war viel zu jener Zeit.»

Vier bis sechs Konzerte

Damals war der Kirchenchor noch fast jeden Sonntag in der Kirche beim Gottesdienst aktiv. Heute ist das anders. «Wir üben zwar noch einmal pro Woche, aber Auftritte haben wir vielleicht vier bis sechs pro Jahr», hält Co-Präsidentin Silvia Küng fest, die ihr Amt seit Anfang Jahr innehat, aber schon seit 17 Jahren im Chor mitsingt. «Meist singen wir an grösseren Feiertagen wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten und so weiter. Nur dieses Jahr schenken wir uns selbst und unseren Freunden ein zusätzliches Konzert zum Jubiläum», freut sie sich. «Es muss also niemand Angst haben, er müsse jeden Sonntag in die Kirche, wenn er bei uns mitsingt.» Co-Präsident Erwin Wagenhofer, der sein Amt 2015 aufgenommen hat und seit 2010 im Chor ist, bestätigt: «Wir singen Messen und Kirchenlieder, weil sie uns gefallen, nicht in erster Linie aus religiösen Gründen. Es sind beispielsweise auch Reformierte in unserem katholischen Chor. Oder Leute, die im Grunde gar nicht religiös sind.»

Für Silvia Küng sind die Lieder und das gemeinsame Singen einfach gut für die Seele: «Man kann während des Singens an nichts anderes denken, man ist ganz bei sich und beim Lied. Das gibt mir persönlich ein wunderbares Gefühl. Ich gehe immer glücklich aus den Proben. Ist das eigennützig?», fragt sie lachend. Man merkt schon den dreien an, dass sie viel Spass beim Singen und in der Gruppe haben. «Für mich war es immer das Gemeinsame, das Treffen mit Freunden und natürlich das Singen, was mich zum Chor gezogen hat», sagt auch Klärli Bucher. «Ohne Singen könnte ich gar nicht sein.» Daneben seien aber auch die Vereinsreisen, das Pizzaessen und der Chlaushock immer schöne Momente, sind sie sich einig.

Männerstimmen gesucht

Heute besteht der Kirchenchor Bremgarten fast nur noch aus Frauen. «Wir brauchen dringend Männerstimmen», sagt der zweite Co-Präsident Erwin Wagenhofer. In den Anfangstagen des Vereins schien das andersherum gewesen zu sein. Im ersten Vereinsbuch, wo auch die Statuten festgehalten wurden, stehen sämtliche 20 Namen der allerersten Mitglieder aufgelistet: Links die fünf Frauen, rechts die 15 Männer. In den meisten Vereinen, die so alt sind, hatten Frauen keinen Zutritt – ausser es handelte sich um reine Frauenvereine. «Aber wenn man Kirchenlieder mehrstimmig singen will, braucht man entweder Chorknaben oder eben einfach Frauen, anders geht es nicht», sagt Silvia Küng schulterzuckend und mit einem breiten Lächeln. Im Januar darauf segnete die Kirchenpflege die Gründung des Vereins und somit die Mischung aus weiblichen und männlichen Mitgliedern ab.

Jubiläum mit Freunden

Zum 150. Geburtstag des Vereins haben sich die 25 Mitglieder ein etwas aufwendigeres Essen auf dem Stockhorn gegönnt. Und, wie bereits erwähnt, schenken sie sich und den Zuhörern ein dreiteiliges, rund einstündiges Konzert. «Weil wir aber zu wenige sind, um die Stücke richtig feierlich klingen zu lassen, haben wir den Cäcilienchor Villmergen, ein Ad-hoc-Orchester plus vier Solisten dazugeholt», so Wagenhofer. Gesungen werden Schuberts Messe in B-Dur sowie Haydns «Te Deum», eine grosse Herausforderung für den Chor, aber eine, auf die sie sich freuen. Die Solisten werden zusätzlich Haydns «Salve regina» singen. Das Ganze wird von den Dirigenten Stephan Kreutz und Christian Alpiger geleitet und in der Kirche Villmergen sowie der Stadtkirche Bremgarten aufgeführt. Klärli Bucher findet: «Wenn man am Anfang die Noten in der Hand hält, fragt man sich: ‹Schaffen wir das?› Aber wenns dann auf einmal läuft – ein wunderbares Gefühl.»

Jubiläumskonzerte Samstag, 20. Oktober (18 Uhr), kath. Kirche Villmergen; Sonntag, 21. Oktober (17 Uhr), Stadtkirche Bremgarten. Mehr Infos auch für interessierte Sängerinnen und Sänger unter www.kirchenchor-bremgarten.ch

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