Freiamt
Die Barmherzigkeit wird regionalisiert – um die Kräfte zu bündeln

Der Kirchliche Regionale Sozialdienst der römisch-katholischen Kirche soll ausgebaut werden.

Fabio Vonarburg
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Alessandra Schaefer vom KRSD am Mutschellen berät in Berikon Hilfsbedürftige. fvo

Alessandra Schaefer vom KRSD am Mutschellen berät in Berikon Hilfsbedürftige. fvo

Fabio Vonarburg

Die Schulden drücken, die Angst vor der Zukunft macht schlaflos – wem es so ergeht, der findet in Berikon Rat. Hier hat der Kirchliche Regionale Sozialdienst (KRSD) am Mutschellen seit 2013 sein Büro. Es ist ein Projekt der römisch-katholischen Kirche, mit dem Ziel, die Kräfte der einzelnen Kirchgemeinden zu bündeln und gemeinsam gegen die Armut in der Region zu kämpfen. Derzeit gibt es fünf KRSD im Kanton Aargau, bald sollen es mehr sein. Im Freiamt ist zweierlei geplant: die Ausweitung der bisherigen KRSD am Mutschellen auf das Reusstal und der Aufbau eines KRSD in Wohlen und Umgebung.

Beratung im Emanuel-Isler-Haus

Vier Pfarreien haben sich dem Projekt eines neuen Sozialdienstes im unteren Freiamt angeschlossen: Wohlen, Hägglingen, Fischbach-Göslikon und Niederwil. Ab April 2016 soll es in Wohlen im Emanuel-Isler-Haus ein Beratungsbüro unter der Leitung der Caritas Aargau geben, ähnlich jenem in Berikon. Die Pilotphase würde bis Ende 2018 dauern und ist geplant mit der Schaffung von 100 Stellenprozenten. Bis es dazu kommt, müssen die Versammlungen der vier Kirchgemeinden dem Projekt zustimmen.

Der Kirchenrat Wohlen befürwortet die Schaffung des KRSD unteres Freiamt: «Es besteht Bedarf», sagt Martin Uhr, Vizepräsident der Kirchenpflege Wohlen und Mitglied der Projektgruppe. Wichtig sei, dass man nicht andere Sozialdienste konkurrenziere. Wieso kann nicht wie früher der Pfarrer den Hilfsbedürftigen mit Rat zur Seite stehen? «Die Seelsorger bleiben wichtig. Aber ihnen fehlen Kompetenzen, welche die Sozialarbeiter der Caritas mitbringen. Sie können Hilfsbedürftigen häufig besser weiterhelfen und haben bessere Kontakte.» Für den neuen KRSD unteres Freiamt sind rund 200 000 Franken jährlich budgetiert. Ungefähr 110 000 Franken zahlen die Kirchgemeinden, 15 000 Franken die Caritas Aargau und 80 000 Franken die Landeskirche. Falls das Budget überschritten wird, zahlt die Caritas Aargau die Differenz.

Ausbau auf das Reusstal

Die Beratungsstelle des KRSD am Mutschellen in Berikon leitet Alessandra Schaefer. Die Sozialarbeiterin berichtet, dass die meisten sich wegen Geldproblemen an sie wenden (siehe Box).

Ihr KRSD besteht derzeit aus den Pfarreien Rudolfstetten-Bergdietikon, Eggenwil-Widen, Berikon-Friedlisberg und Oberwil-Lieli. Ab Januar 2016 sollen sich die Reusstaler Kirchgemeinden Bremgarten, Hermetschwil-Staffeln, Jonen, Lunkhofen und Zufikon anschliessen. Dazu sollen zusätzlich zu den 60 Stellenprozenten von Schäfer weitere 30 Stellenprozente geschaffen und ein Büro in Bremgarten gemietet werden. Am Freitag hat in Lunkhofen die erste Kirchgemeindeversammlung dem Projekt KRSD Mutschellen-Reusstal und somit dem Kostendach zugestimmt. Die fünf beteiligten Reusstaler Kirchgemeinden würden gemeinsam einen jährlichen Beitrag von rund 80 000 Franken zahlen.

Was passiert wenn eine oder mehrere Kirchgemeindeversammlungen das Projekt ablehnen? «Dann müssen die verbleibenden Zusammensitzen und nach einer Lösung suchen», sagt Regula Kuhn von der Caritas Aargau. Der negative Entscheid von einer oder mehreren Pfarreien würden nicht das Aus bedeuten. Dies zeigt sich auch am geplanten KRSD unteres Freiamt. Eigentlich wären auch die Kirchgemeinden Dottikon und Waltenschwil Teil des Projektes gewesen, doch beide zogen sich zurück.

Dottikon, weil sie erst in der späteren Planungsphase zum Projekt dazu stiessen und sie daher noch abwarten möchten; Waltenschwil, weil die Gemeinde bereits an die Jugend-, Ehe- und Familienberatung Bezirk Muri angeschlossen ist und dementsprechend das Bedürfnis nach einer weiteren Sozialberatungsstelle kleiner ist. Trotz dem Wegfall dieser beiden Gemeinden – das Gesamtprojekt war nicht in Gefahr. So ist anzunehmen, dass schon bald nicht nur Sozialbedürftige in Berikon Rat finden, sondern auch in Bremgarten und Wohlen.

Infoabend zum geplanten KRSD Wohlen und Umgebung, Dienstag, 10. November, 20 Uhr im Chappelehofsaal in Wohlen.

Die meisten haben finanzielle Probleme

Den bisher einzigen Kirchlichen Regionalen Sozialdienst gibt es am Mutschellen. Im Büro in Berikon werden seit April 2013 Hilfsbedürftige beraten. Dieses Jahr zog der KRSD am Mutschellen eine erste Zwischenbilanz:
- Probleme: 62% der Hilfsbedürftigen suchten die Beratungsstelle wegen finanziellen Schwierigkeiten auf. Danach folgten soziale Fragen (26%) und rechtliche Fragen (8%).
- Geschlecht: 76% der Klienten in Berikon sind Frauen.
- Lebensform: Vor allem Familien brauchten Rat (41%), und Alleinstehende (23%).
- Nationalität: Mehrheitlich suchten Schweizer die Beratungsstelle auf (59%). Das sei interessant, aber nicht überraschend, schreibt der KRSD im Bericht. «Dies dürfte auf den teils deutlich teureren Wohnraum auf dem Mutschellen zurückzuführen sein.»
- Kirchgemeinde: Eine vertiefte Sozialberatung steht vor allem Personen aus dem Einzugsgebiet zu. Die Klienten waren über die Kirchgemeinden wie folgt verteilt: Rudolfstetten-Bergdietikon (49%), Berikon-Friedlisberg (23,5%), Eggenwil-Widen (5,9%), Oberwil-Lieli (39%) und andere (17,6%). Der KRSD erklärt sich den hohen Anteil von Ratsuchenden aus Rudolfstetten-Bergdietikon mit dem günstigen Wohnraum in der Gemeinde.

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