Prozess in Muri
Der Einbrecher, sein Griff zur Walther PPK und die verhängnisvollen Schüsse

In Muri stand gestern ein Einbrecher vor Gericht, der im Juni 2014 von der Polizei in flagranti in Sins erwischt worden war. Dabei griff der Drogensüchtige zu einer Waffe, richtete sie auf einen Polizisten – und wurde selbst angeschossen.

Mario Fuchs
Drucken
Teilen
Der Einbrecher wurde im Industriegebiet in Sins in flagranti erwischt und richtete eine Pistole auf einen Polizisten. (Archiv)

Der Einbrecher wurde im Industriegebiet in Sins in flagranti erwischt und richtete eine Pistole auf einen Polizisten. (Archiv)

Tele M1

Giovanni (Name geändert) ist abhängig. Seit Jahren nimmt er vor allem Heroin und Kokain. Um seine Sucht zu finanzieren, begeht er immer wieder Straftaten: Hausfriedensbruch, Diebstahl, Betrug.

«Seit 1997 gehört er zur Dauerkundschaft der Strafverfolgungsbehörden», stellt der Staatsanwalt gestern in Muri trocken fest. Mehrfach wird Giovanni, 41, italienischer Staatsbürger, verurteilt – mehrfach nützt das nicht allzu viel.

Heute versucht er, ohne Drogen auszukommen. Noch gelingt es ihm nicht, doch statt illegal zu konsumieren, erhält er inzwischen in einem Heroinprogramm Methadon.

«Es geht mir nicht so gut», sagt er, als er gestern einmal mehr vor den Schranken steht. Der Grund: Vor einem Jahr bricht er in Sins in ein Depot der TNT-Swiss Post ein, will Geräte der Unterhaltungselektronik klauen.

Die Ware steht schon zum Abtransport bereit, als der Täter von einer Polizeipatrouille überrascht wird. Giovanni steht unter Drogen, hat kaum geschlafen.

Als die Beamten ihn festnehmen wollen, schlägt er um sich. Und entscheidet sich unter Stress zu einem Fehlgriff: Er langt, so die Anklage, in seine Umhängetasche, zieht eine Pistole hervor, Walther PPK-L, Kaliber 7.65 Millimeter, einige Tage zuvor zufällig gefunden, als er im Wald einen Tresor öffnete, den er aus einer Zuger Anwaltskanzlei gestohlen hatte.

Giovanni beteuert, er habe Angst vor Waffen, habe die Pistole «aus Versehen» dabei gehabt und sie der Polizei lediglich zu seinem eigenen Schutz abgeben, aber keinesfalls damit schiessen wollen.

Was Giovanni im Lagerhaus in Sins weiss, die zwei Polizisten aber nicht ahnen können: Die Waffe ist ungeladen und gesichert, das eingesetzte Magazin leer.

Der eine Polizist sieht die auf sich gerichtete Pistole – und reagiert, wie er es gelernt hat: «Indem er seinerseits mit einem gezielten Schusswaffeneinsatz den Beschuldigten kampf- und widerstandsunfähig machte», wie es in der Anklageschrift heisst.

Dabei trifft er Giovanni an der Hand und am Arm. Mehrmals wird der Beschuldigte später operiert, einen getroffenen Finger kann er kaum mehr bewegen. Er erhält nach wie vor Schmerz- und Beruhigungsmittel.

Der verhängnisvolle Einbruchsversuch im Juni 2014 wird von einer Überwachungskamera festgehalten. Die Staatsanwaltschaft kommt im Februar zum Schluss, der Polizist habe richtig gehandelt, sie stellt ein Strafverfahren gegen ihn wegen Gefährdung des Lebens und Körperverletzung ein.

Giovanni sieht das gestern in Muri freilich anders – allerdings gelingt es ihm nicht, dies den Richtern schlüssig zu erklären. Er sagt lediglich, das sei nicht er, der auf dem Video zu sehen sei.

Den Einbruchsversuch und die Konfrontation mit der Polizei bestreitet er nicht, doch habe sich alles in einem komplett anderen Gebäude auf Zuger Kantonsgebiet abgespielt. Sogar Giovannis Verteidiger gesteht während seines Plädoyers ein, ihm sei «auch nicht ganz klar», warum sein Mandant jetzt sage, er sei es nicht gewesen.

«Es geht im wahrscheinlich um den Schusswaffeneinsatz, mit dem er nicht umgehen kann», sagt der Verteidiger. Zur Entlastung bringt er vor: Giovannis Behauptung, er habe die Waffe nie einsetzen wollen, könne man nicht widerlegen. Zudem sei er wegen des Drogenkonsums und seines Gesundheitszustands nur beschränkt schuldfähig.

Das Gericht anerkennt dies – folgt aber weitestgehend dem Staatsanwalt. Es verurteilt Giovanni wegen des Einbruchs, des Waffeneinsatzes sowie einem Dutzend weiterer Delikte, die er allesamt zugab, zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren. Sie wird zugunsten einer stationären Suchttherapie ausgesetzt.

Aktuelle Nachrichten