Bünzen
Nach 16 Jahren kehrt sie dem Gemeinderat den Rücken: «Ich bin laut, das ist mein Naturell»

Sie wurde direkt als Vize gewählt und nur zehn Monate später zur Frau Gemeindeammann von Bünzen. Nachdem Marlise Müller bereist 2017 ihren Rücktritt angekündigt hat, legt sie ihr Amt nun definitiv nieder. Sie blickt auf vier turbulente aber schöne Legislativen zurück.

Melanie Burgener
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Marlise Müller hat sich 16 Jahre lang mit Freude für die Gemeinde Bünzen eingesetzt.

Marlise Müller hat sich 16 Jahre lang mit Freude für die Gemeinde Bünzen eingesetzt.

Melanie Burgener

Kurz vor 10 Uhr betritt Marlise Müller das Gemeindehaus in Bünzen. Etwas ausser Atem empfängt die noch amtierende Frau Gemeindeammann die AZ-Journalistin. «Ich habe heute Morgen viele Anrufe von Einwohnerinnen und Einwohnern erhalten, die mir mitgeteilt haben, wo die Strassen noch nicht gesalzen wurden», sagt sie entschuldigend und setzt sich an den Holztisch.

Es sind die letzten Anrufe dieser Art, die Marlise Müller erreichen. Ihre letzten Tage als Mitglied in der Bünzer Politik sind angebrochen, in knapp drei Wochen kehrt sie dem Gemeindehaus und der Verwaltung den Rücken. Seit 2006 war sie 16 Jahre lang im Gemeinderat, alle davon Ammann.

Und obwohl es ihr komisch vorkommen werde, wenn sie plötzlich keine Emails mehr erreichen und das Telefon still bleibt, freut sich die 66-Jährige auf diesen Moment. «Es wird ein neuer Lebensabschnitt», sagt sie strahlend. Ein Lebensabschnitt, den Müller eigentlich bereits vor vier Jahren hatte beginnen wollen - bevor sie ihren Rücktritt vom Rücktritt bekannt gab.

Sie stieg als Vize ein und wurde zehn Monate später zum Ammann gewählt

Der Start ihrer politischen Karriere kann als ungewöhnlich bezeichnet werden. Müller wurde direkt als Vizeammann in den Gemeinderat gewählt, nur zehn Monate später übernahm sie die Führung. Und diese behielt sie 12 Jahre, bis sie 2017 ihren Rücktritt bekannt gab. «Doch dann hat unser langjähriger Gemeindeschreiber die Verwaltung verlassen», erinnert sich Müller. «Wäre ich auch gegangen, hätte Bünzen viel Wissen auf einmal verloren», ergänzt sie.

Aus diesem Grund hätten ihre Ratskollegen sie überredet, sich noch einmal zur Wahl zu stellen. «Eigentlich wollte ich nur vorübergehend bleiben, bis jemand neues gefunden wurde», sagt sie. Doch die Suche nach geeigneten Kandidierenden gestaltete sich in der rund 1200-Seelen-Gemeinde seit je her schwierig. Das spürte Müller bereits bei ihrem Eintritt in den Gemeinderat: «Damals waren wir zu dritt. Und seither war ich immer auf der Suche nach Leuten.»

An einer digitalen Infoveranstaltung informierte Marlise Müller und die Gemeinde Boswil über die Pläne zur Fusion Boswil-Bünzen.

An einer digitalen Infoveranstaltung informierte Marlise Müller und die Gemeinde Boswil über die Pläne zur Fusion Boswil-Bünzen.

Screenshot (08.04.2021)

Und dieses Thema werde auch den neuen Gemeinderat beschäftigen - zusammen mit der geplanten Fusion Boswil-Bünzen. Ein Thema, dass im vergangenen Jahr in der Bevölkerung für heftige Diskussionen gesorgt und auch Marlise Müller nicht kaltgelassen hat. «Das war eine Herz- und Kopfsache. Bei mir hat der Kopf und damit die Vernunft überwiegt. Denn unter den aktuellen Umständen können wir gewisse Dienstleistungen nicht mehr anbieten», sagt sie.

Die 750-Jahr-Feier und Projekte mit schlaflosen Nächten

Wenn Müller heute an ihre Amtszeit zurückdenkt, kommen ihr nicht nur der Personalmangel, sondern vor allem viele schöne Erinnerungen in den Sinn. «Es war eine super Zeit und ich möchte keine Minute missen», sagt sie strahlend. Besonders die 750-Jahr-Feier 2009 ist ihr geblieben. «Wir haben drei Tage lang gefestet, das ganze Dorf war auf den Beinen und viele Vereine haben bei der Organisation mitgeholfen», erzählt sie.

In Gedanken an die unzähligen Projekte, die unter ihrer Führung realisiert wurden, kommt ihr sofort der Wohnblock an der Dorfstrasse 1 in den Sinn. Dass dem Gemeinderat der Bau dieses Gebäudes gelungen ist, macht sie bis heute stolz. «Das war eine schwierige Zeit. Zuerst mussten wir den Projektleiter entlassen und dann ging die Bauunternehmung Konkurs. Damals haben wir vom Gemeinderat alle nicht gut geschlafen.»

Gemeinsam mit ihren langjährigen Ratskollegen Patrick Rüttimann (links) und Peter Huber wurde Marlise Müller an ihrer letzten Gemeindeversammlung verabschiedet.

Gemeinsam mit ihren langjährigen Ratskollegen Patrick Rüttimann (links) und Peter Huber wurde Marlise Müller an ihrer letzten Gemeindeversammlung verabschiedet.

Melanie Burgener (24.11.2021)

Während all den Jahren hat Müller viele solch turbulente Geschichten erlebt, hitzige Diskussionen geführt und auch viel gelernt. Dass sie sich damals mit 50 Jahren dazu entschied, ein solches Amt zu übernehmen, spricht für sich. Marlise Müller ist eine Macherin, die gerne ausprobiert, lernt und Erfahrungen sammelt. Und das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. «Ich werde ab jetzt nicht nachmittags um 15 Uhr zu Hause Kaffee trinken», sagt sie und lacht.

Müller lacht oft und herzlich. Sie sei laut, und das gehöre zu ihr. So sei sie auch in der Politik gewesen. «Ich war keine leise Frau Gemeindeammann, das ist mein Naturell», sagt sie. Ihre Meinung habe sie in den verschiedenen Vorständen und Kommissionen immer kundgetan.

Zusammen mit der Eigenschaft, sehr selbstkritisch zu sein - bis heute war sie vor jeder Gemeindeversammlung nervös - habe das nicht selten zu schlaflosen Nächten geführt. «Oft habe ich nach Sitzungen oder Versammlungen im Bett darüber nachgedacht, was ich besser anders oder gar nicht gesagt hätte. Aber am nächsten Morgen war meistens alles wieder gut, ändern konnte ich es ja sowieso nicht mehr.» Nur die Zeitungsberichte dazu hätte sie aus Selbstschutz manchmal erst eine Woche später gelesen.

Auch sie fragte sich manchmal: «Wieso mach ich das hier eigentlich.»

Selbstschutz und vor allem den Umgang mit Kritik musste Müller aber erst lernen. «Am Anfang war ich sehr anfällig auf persönliche und negative Kommentare. Aber irgendwann prallt das Meiste an einem ab», sagt sie. Ganz kalt gelassen habe es sie aber dennoch nie. «Besonders, wenn bei Diskussionen die Anstandsgrenze unterschritten wurde, habe ich mich gefragt: wieso mach ich das hier eigentlich?»

Mit solchen Problemen muss sich die Mutter zweier erwachsenen Söhne nun nicht mehr rumschlagen. In ihrer Freizeit möchte sie vor allem Dinge tun, die in den vergangenen Jahren keinen Platz in ihrem Leben hatten, wie beispielsweise ihr soziales Engagement. «Ich habe eine Weiterbildung in der Pflege gemacht und in der Pflegimuri gearbeitet, auch eine Zeit lang im Palliativ-Bereich, privat und in der Klinik Hirslanden. Das möchte ich wieder öfters machen», sagt die gelernte Kauffrau.

Und sobald es die Pandemiesituation wieder zulässt, möchte sie sich einen langersehnten Traum erfüllen: Alleine durch Europa reisen. «Vor allem die Stadt Rom fasziniert mich. Vielleicht möchte ich dort auch einen Sprachaufenthalt machen», sagt sie. Müller kann sich gut vorstellen, noch andere Weiterbildungen zu machen. «Es gibt noch so viel Neues, was man lernen könnte.»

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