Muri
Eine 400-jährige Geschichte geht zu Ende: Die Klosterapotheke schliesst im September die Türen für immer

Vom Tintenpulver und dem Konfekt bis zu den heutigen Medikamenten war es ein weiter weg. Auf mehr als 400 Jahre wechselvolle Geschichte blickt die Klosterapotheke zurück, die mit ihrer modernen Ausstattung prägend war.

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Hans-Peter Strebel, der ehemalige Besitzer, und Katrin Strebel, langjährige Besitzerin, vor der Klosterapotheke.

Hans-Peter Strebel, der ehemalige Besitzer, und Katrin Strebel, langjährige Besitzerin, vor der Klosterapotheke.

zvg

(az) Mit ziemlicher Sicherheit besass das bald 1000-jährige Kloster Muri schon viel früher so etwas wie eine Apotheke. Vermutlich war diese aber in erster Linie für die Klosterbrüder selber bestimmt, die dort behandelt wurden und gleichzeitig als Versuchskaninchen dienten.

Abt Johann Jodoc Singisen war es schliesslich, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die erste öffentliche Apotheke gründete. Von da an herrschte im Kloster Muri wohl ein ordentliches Kommen und Gehen. Jedenfalls liess Abt Placidus Zurlauben 1705 eine neue Apotheke bauen, was gemeinhin seinem grossen Herzen für die kleinen Leute zugeschrieben wird. Bestimmt zeugt es aber auch von einem gewissen Geschäftssinn.

Pater Andreas Lusser peppt die Apotheke mit «Specereyen» auf

Der erste Leiter der neuen Apotheke wurde der Urner Pater Andreas Lusser, der den Laden mit einem Spezereiengeschäft aufpeppte – eine durchaus moderne Idee. Hier war von Rosinen über Tee und Kaffee, Branntwein und Konfekt bis Tintenpulver ziemlich alles zu haben. Um 1800 ergab das Inventar der beiden Geschäfte gegen 500 Produkte – neben «Medicinen» vor allem eine Menge «Specereyen».

Die ehemalige Klosterapotheke auf einer undatierten, historischen Aufnahme.

Die ehemalige Klosterapotheke auf einer undatierten, historischen Aufnahme.

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Als das Kloster Muri 1841 vom Grossen Rat aufgehoben wurde, bedeutete dies zwar den Abschied der Mönche vom Freiamt, nicht aber das Ende der Apotheke. Diese wurde einfach vom Staat weitergeführt und später an den Chemiker, Mathematiker und Botaniker Gottfried Ruepp verkauft. Seine Söhne führten sie dann bis 1910 weiter.

Emil Kopp – ein Fall für die Gesundheitsdirektion

Danach bricht eine eher unrühmliche Zeit an für die traditionsreiche Klosterapotheke. Es ist der legendäre Emil Kopp, der dafür sorgt, dass die Gesundheitsdirektion immer wieder Anlass zur Klage hat.

Kopp, der sich vor allem als Geniesser einen Namen macht, arbeitet zudem gefährlich nah am «Alpenzeiger», zu dessen besten Gästen er bald gehört. Für die Kunden hat er wenig Zeit – und so bleiben sie zunehmend aus.

Immerhin geht er aufgrund seiner schrulligen Art – neben dem Näppitäsch, dem Gängelimuser oder dem Briefträger Küchler – in die Liste der Dorforiginale ein, die auf dem Wandbild an der alten Post in Muri verewigt sind. 1938 verkauft er das Geschäft an den jungen Josef Strebel von Beinwil.

Die erste digitalisierte Apotheke der Schweiz

Strebel ist ein engagierter Apotheker und gewinnt die Kunden allmählich zurück. Als er das Geschäft 1977 an seinen Sohn Hans-Peter weitergibt, hat es einen ausgezeichneten Ruf – und platzt gewissermassen aus allen Nähten.

HP Strebel – wie der junge Apotheker im Allgemeinen genannt wird – beschliesst, gleich neben der alten Klosterapotheke an der Kirchbühlstrasse eine neue zu bauen. Und zwar nicht irgendeine: Es soll die modernste Apotheke der Schweiz werden.

Hans-Peter Strebel baute die erste digitalisierte Apotheke der Schweiz.

Hans-Peter Strebel baute die erste digitalisierte Apotheke der Schweiz.

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Und das ist sie auch, als sie am 5. Juni 1979 eröffnet wird. Der Bau des damals jungen Architekten Markus Lüscher, der sich an Vorbildern wie Louis Kahn und Le Corbusier orientiert, setzt optisch Massstäbe, auch wenn er im eher konservativen Muri damit nicht nur auf Gegenliebe stösst. Vor allem aber hat er ein exklusives Innenleben: Es ist die erste voll digitalisierte Schweizer Apotheke.

Das Bauwerk passt perfekt zum Visionär Strebel

Das Bauwerk passt perfekt zum jungen HP Strebel, der im Herzen viel mehr ist als ein Apotheker: Er ist Unternehmer und Visionär. Im Neubau an der Kirchbühlstrasse 2 finden neben der Apotheke ein Kosmetikinstitut, ein Labor, ein Büro und eine Kinderarztpraxis Platz. Die von ihm entwickelte digitalisierte Medikamentenbewirtschaftung sorgt für Furore und kommt künftig nicht nur in anderen Apotheken zum Einsatz, sondern auch in Spitälern, zuerst natürlich in jenem von Muri. Strebel gründet die Firma Homedo, die das System vertreibt.

Es ist reiner Zufall, dass er schon bald eine weitere Karriere in Angriff nimmt: jene als Forscher. In einem rätselhaften Pulver eines Naturheilers, das gegen Schuppenflechte helfen soll, aber heftige Nebenwirkungen auslöst, findet Strebel tatsächlich jenes Molekül, das gegen Psoriasis wirkt: Dimethylfumarat.

Es ist eine kleine Sensation. Nur so richtig ernst genommen wird der Murianer Apotheker von der Pharmabranche nicht. So gründet er 1983 mit drei Kollegen die Firma Fumapharm und treibt die Forschung auf eigene Faust weiter. Elf Jahre später kommt Fumaderm als erstes wirksames Heilmittel gegen Psoriasis in Deutschland auf den Markt.

Das Ende nach 400 Jahren

Doch damit endet die Erfolgsgeschichte noch nicht: Studien zeigen, dass das Molekül auch gegen Multiple Sklerose hilft. Hier weiterzuforschen, ist aber definitiv eine Nummer zu gross für die kleine Fumapharm.

Der Neubau der Klosterapotheke setzte optische Massstäbe.

Der Neubau der Klosterapotheke setzte optische Massstäbe.

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2006 verkaufen die vier Eigentümer ihre Firma an den amerikanischen Pharma-Giganten Biogen. Was HP Strebel als Anlass dazu nimmt, neue Wege einzuschlagen. Er verkauft auch seine beiden Apotheken in Muri und wird – vorübergehend – zum Privatier.

Die Klosterapotheke wird von der Apothekenkette Amavita übernommen, die es unter anderem schätzt, dass Strebels Geschäft über ein eigenes Labor verfügt.

15 Jahre später endet nun aber die Geschichte der Murianer Klosterapotheke. Amavita trennt sich auf Ende September 2021 von seiner zweiten Apotheke in Muri und integriert deren Geschäftstätigkeiten in die Zentralapotheke. Für die Mitarbeitenden ist eine Weiterbeschäftigung in einer der regionalen Amavita-Apotheken garantiert. Doch damit geht eine über 400-jährige, mitunter turbulente Geschichte zu Ende.

Dies erfüllt vor allem die langjährige Besitzerin Katrin Strebel, die wesentlich mitbeteiligt war am Aufbau der einst modernsten Apotheke des Landes, mit einiger Wehmut. Sie sagt:

«Natürlich tut es mir sehr leid, dass hier eine lange Geschichte zu Ende geht. Aber wir werden alles daran setzen, die Räumlichkeiten anders zu beleben.»

Für HP Strebel hingegen ist die Klosterapotheke längst Geschichte. Sein Fokus liegt heute vielmehr auf dem Spitzensportzentrum OYM in Cham, in das er aus der eigenen Tasche über 100 Millionen Franken investiert hat und für das es – wie einst bei der neuen Klosterapotheke – noch nichts Vergleichbares gibt.

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