Fachkräftemangel
«Sehr belastend»: Eine Aargauer Pflegefachfrau erzählt von ihrem prekären Berufsalltag

Überforderung, Zeitdruck und Personalmangel: Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie stehen die Gesundheitsbranche und ihre Probleme wieder im Mittelpunkt. Eine Pflegefachfrau aus dem Aargau erzählt, wie sie ihren Berufsalltag erlebt.

Rodrigo Cerletti, Argovia Today
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Mirjam Frey, diplomierte Pflegefachfrau in einem Aargauer Spital, stösst in ihrem Arbeitsalltag an ihre Grenzen.

Mirjam Frey, diplomierte Pflegefachfrau in einem Aargauer Spital, stösst in ihrem Arbeitsalltag an ihre Grenzen.

ZVG / Argovia Today

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist schon seit Jahren bekannt. In Zukunft wird sich das Problem allerdings nochmals verschärfen. «Bis im Jahr 2030 werden 65'000 zusätzliche Pflegekräfte gebraucht», erklärt Claudia Hofmann, Co-Präsidentin des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und -männer Aargau-Solothurn, gegenüber ArgoviaToday. Schon jetzt seien mehr als 10'000 Stellen unbesetzt.

Ein Gespräch mit Betroffenen zeigt, weshalb die Pflegerinnen und Pfleger an ihre Grenzen stossen. Mirjam Frey, diplomierte Pflegefachfrau, beschreibt ihren Arbeitsalltag in einem Aargauer Spital als chaotisch. Aufgrund von zahlreichen Krankheitsausfällen und dem Personalmangel muss bei Arbeitsbeginn jeweils der gesamte Dienstplan geändert werden. Schon bevor die Pflegenden mit ihrer eigentlichen Arbeit beginnen können, ist die Situation angespannt.

«Zudem kann es sein, dass ein Patient eigentlich eine Eins-zu-eins-Betreuung bräuchte, aber gleichzeitig sollte ich mich noch um vier andere Patienten kümmern. Ausserdem ist es auch schon vorgekommen, dass ich während der Pflege eines Patienten davonlaufen musste, weil ein anderer Patient ebenfalls meine Hilfe brauchte. Das kann sehr inkompetent wirken, wenn man den Patienten dauernd versetzen muss. All das ist sehr belastend für mich», so die 23-Jährige.

Pflegende müssen Prioritäten setzen

Frey betont zudem, dass sie täglich komplett ausgelastet sind. «Wenn es dann noch Notfallpatienten gibt, geht es zeitlich nicht mehr auf. Es hat schon dazu geführt, dass ein Patient bei uns auf der Station lag, aber sich niemand um ihn kümmern konnte.» Pflegefachkräfte müssen Prioritäten setzen, weil es sonst zeitlich nicht mehr für alles reicht, bestätigt auch Claudia Hofmann.

Die Pausen kommen in der Regel ebenfalls zu kurz. Mirjam Frey arbeitet laut eigenen Aussagen fast jeden Tag eine Stunde länger. «Mich belastet jedoch nicht das spätere Arbeitsende, sondern dass ich von früh Morgens bis Schichtende herumrennen muss. Nach zwei Tagen habe ich keine Kraft mehr. Viele von uns kommen auch krank arbeiten, weil sie genau wissen, dass man sich das Fehlen nicht erlauben kann.»

Dementsprechend angespannt ist die Stimmung im Team. Auch Hofmann beschreibt, dass die Pflegerinnen und Pfleger aus ihren Wochenenden oder aus den Ferien zurückkehren müssen, weil sie am Arbeitsplatz gebraucht werden.

«Das Limit ist erreicht. Wenn man dauernd einspringen muss, hält man das nicht lange durch.»

Nach Arbeitsschluss gehen die Pflegerinnen und Pfleger vielfach mit einem unbefriedigenden Gefühl nach Hause. «Ich denke mir oft, dass ich noch mehr hätte machen können, aber einfach nicht die Zeit dafür hatte. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis uns deswegen schwerwiegende Fehler unterlaufen», so Frey.

Viele reichen nach ein bis zwei Jahren die Kündigung ein

Claudia Hofmann erläutert, dass über 40 Prozent der Pflegenden vor der Pensionierung wieder aus dem Beruf aussteigen. Ein Grossteil davon verlässt die Station, bevor sie 35 Jahre alt sind. Auch Frey gibt offen zu: «Ich weiss nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich möchte zwar meinen Beruf nicht wechseln, aber die gesamte Situation gibt mir schon zu denken. Wenn es so weitergeht, ist es bei jedem einzelnen nur noch eine Frage der Zeit, bis man die Kündigung einreicht. Es zeigt sich schon jetzt, dass viele junge Leute nach ein bis zwei Jahren wieder gehen.»

Sowohl Frey als auch Hofmann wünschen sich deshalb, dass sich die Situation in den Pflegeberufen verbessern wird. Es solle vermehrt in die Ausbildung von neuen Pflegekräften investiert werden, die Entlöhnung müsse sich verbessern und es brauche dringend ausreichend Ruhezeit. Aus diesem Grund befürworten die beiden Frauen die «Pflegeinitiative», über die am 28. November 2021 abgestimmt wird.

«Pflegeinitiative»

Über die «Pflegeinitiative» wird am 28. November 2021 abgestimmt. Sie verlangt, dass Bund und Kantone die Pflege als wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung anerkennen und fördern. Der Zugang zu einer Pflege von hoher Qualität soll für alle Menschen garantiert sein. Bund und Kantone sollen sicherstellen, dass genügend diplomierte Pflegefachpersonen zur Verfügung stehen. Zudem sollen die in der Pflege tätigen Personen entsprechend ihrer Ausbildung und ihren Kompetenzen arbeiten können. Das Parlament hat einen indirekten Gegenvorschlag verabschiedet, der die wichtigsten Forderungen der Initiative aufnimmt und eine raschere Umsetzung ermöglicht.

Denn trotz prekären Bedingungen hält die 23-jährige Frey fest: «Ich mache meinen Beruf von Herzen gern. Die Patientinnen und Patienten geben mir so viel zurück. Deshalb bräuchte es auch unglaublich viel, dass ich meinen Beruf verlassen würde. Ich würde den Job nur aufgeben, weil ich nicht mehr die Kraft dazu hätte und komplett ausgelaugt wäre.»

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