Alaska/Rothrist

Der Bärenforscher aus Schlossrued: «Die Wildnis ist kein Kinderspielplatz»

Zur Bärin Luunie hat David Bittner eine besondere Beziehung. Aus unerklärlichen Gründen suche sie immer wieder seine Nähe auf. Cécile Bittner-Schmidig

Zur Bärin Luunie hat David Bittner eine besondere Beziehung. Aus unerklärlichen Gründen suche sie immer wieder seine Nähe auf. Cécile Bittner-Schmidig

Immer wieder zieht es David Bittner zu den Grizzlybären nach Alaska. In der Bibliothek Rothrist erzählt er von seinen Erlebnissen mit den imposanten Tieren.

«Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich die Bären in Alaska wieder antreffe, denen ich einst einen Namen gegeben habe», sagt David Bittner mit einem Strahlen in den Augen. Das sei ein Glücksgefühl – wie Verliebtsein. Seit 13 Jahren kehrt der 39-Jährige aus Schlossrued immer wieder in die unberührte Wildnis Alaskas zurück. Beobachtet dort Braunbären aus unmittelbarer Nähe, fotografiert, filmt und dokumentiert sie. Zu einzelnen Bären habe er ein derart grosses Vertrauen aufgebaut, dass diese in seiner Anwesenheit völlig unbeeinflusst ihrem normalen Verhalten nachgehen würden.

Dennoch ist sich der Bärenforscher der Gefahr bewusst, in die er sich begibt. «Die Angst spielt immer mit, wenn ein Bär auftaucht, den ich nicht kenne. Ganz anders, wenn es ein mir bekannter Bär ist – dann bin ich relativ entspannt», sagt David Bitter. Bären seien sehr vorsichtige Tiere, «sie haben viel mehr Angst vor uns, als wir annehmen». Im Gepäck mit dabei hat David Bittner stets einen sogenannten Bärenspray. «Auf eine Distanz von fünf Metern kann ich den Bären im Notfall damit kurzfristig beeinträchtigen.» Erst einmal sei er in eine brenzlige Situation geraten, als ihn ein männlicher Jungbär angegriffen hatte. «In solchen Momenten muss ich – auch wenn ich total unterlegen bin – selbstbewusst auftreten und mit tiefer ernster Stimme sprechen.»

Kein Kinderspielplatz

Begonnen hat David Bittners Faszination für die Bären auf seiner ersten Reise nach Alaska. Eigentlich war er als Biologiestudent unterwegs, um das Naturschauspiel der Lachswanderung zu beobachten. Den Bären wollte er wenig Beachtung schenken. Doch es kam anders. «Durch eine Unachtsamkeit meinerseits kam es zu einer Überraschungsbegegnung mit einer Bärenmutter. Diese wähnte ihre Jungen in Gefahr und stürmte in vollem Tempo auf mich zu», hält David Bittner auch in seinem Buch «Unter Bären in Alaska» fest. Es war eine prägende Situation, die sein Leben veränderte.

Passiert sei damals glücklicherweise nichts, «die Bärin brüllte mich nur aus nächster Nähe an, liess dann aber von mir ab und zog sich mit ihren Jungen ins dichte Unterholz zurück». Nach diesem Erlebnis begab sich Bittner in sein Zelt, welches mit Elektrozaun geschützt ist, blieb für mehrere Tage am selben Standort und beobachtete die zahlreichen Bären. «Zum ersten Mal bildete sich eine Art Vertrauensverhältnis», erinnert er sich. Seit diesem Zeitpunkt hat es ihm den Ärmel hineingezogen: «Ein Leben ohne Bären kann ich mir genauso wenig vorstellen wie ein Leben ohne meine Familie», sagt der zweifache Vater. Er freue sich jetzt schon auf den Moment, wenn er seinen Töchtern, die drei und fünf Jahre alt sind, die Welt der Bären zeigen könne. «Es geht noch ein paar Jahre, bis es so weit ist, die Wildnis ist kein Kinderspielplatz», hält Bittner fest. Seine Leidenschaft für die Bären teilt er auch mit seiner Frau Cécile. «Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand bereit ist, für längere Zeit auf Dusche, Föhn, ja ganz auf die Zivilisation zu verzichten». Das schätze er sehr.

Einblick in die Welt der Bären

Forschungsauftrag hat der im Berner Oberland aufgewachsene Biologe und Naturfotograf keinen. «Für mich ist es ein Hobby.» Von seinen Filmen und Büchern, die er den Bären und seinen Erlebnissen mit ihnen widmet, könne er nicht leben. «Ich möchte den Leuten aber einen Einblick in eine Welt gewähren, die sie so nicht kennen.» Anlässlich eines Vortrags in der Bibliothek Rothrist wird David Bittner am Donnerstag, 7. April, von seinen persönlichen Erfahrungen berichten, eindrückliche Ausschnitte aus seinem Bild- und Videomaterial zeigen. «Es ist ein Thema, das bei vielen Menschen Emotionen weckt – der Bär ist nicht grundlos das beliebteste Kuscheltier», ist David Bittner überzeugt. 

Er wolle den Leuten auch aufzeigen, wie sein Alltag in der Wildnis aussehe. Viele würden sich das Geschehen spannender vorstellen, als es tatsächlich sei. «Es ist extrem friedlich, ich sitze irgendwo und beobachte die Bären stundenlang», sagt David Bittner. Nebstdem fange er ab zu noch einen Fisch, um sich zu ernähren. Und so ist es auch kein Zufall, dass Bittner in seinem «normalen Leben» beim Kanton Aargau als Fachspezialist für Fischerei tätig ist. «Ich setze mich unter anderem für die Wiederansiedlung des in der Schweiz ausgestorbenen Lachses ein», erklärt er.

Abenteuer bis ins hohe Alter

Obwohl David Bittner seinen Beruf in der Schweiz mag, zieht es ihn immer wieder in die über 8000 Kilometer entfernte Wildnis von Alaska zurück – nächstes Mal im Herbst dieses Jahres. «Die Vorfreude ist riesengross, ich kann es kaum erwarten», sagt der 39-Jährige, der diesmal noch ohne seine Familie in die Welt der Bären eintauchen wird.

Und eines ist für David Bittner klar: «Das mit mir und den Bären ist keine kleine Verbindung. Ich möchte diese Glücksgefühle immer wieder erleben und auch noch als alter Mann zu den Bären nach Alaska gehen.»

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