Schule

«Das ist nicht länger haltbar»: Um dem Lehrermangel im Aargau beizukommen, sollen Löhne steigen

Der Bildungsdirektor zu Beginn des Schuljahrs bei einer Mittelschulklasse in Zofingen. Er will mit dem neuen Lohnsystem die Schule stärken.

Der Bildungsdirektor zu Beginn des Schuljahrs bei einer Mittelschulklasse in Zofingen. Er will mit dem neuen Lohnsystem die Schule stärken.

Im Aargau verdienen Lehrer im Vergleich zu anderen Kantonen deutlich schlechter. Kein Wunder, dass sie lieber woanders arbeiten. Jetzt sollen die Löhne steigen und die Lehrer so in den Kanton Aargau gelockt werden.

Das Lehrerdasein im Aargau ist derzeit nicht besonders attraktiv  – zumindest was den Lohn betrifft. Im Vergleich mit dem Durchschnitt der umliegenden Kantone verdienen Aargauer Lehrerinnen und Lehrer eher schlecht. Lehrpersonen nehmen darum häufig lieber eine Stelle jenseits der Kantonsgrenze an, der Lehrermangel im Aargau bleibt bestehen.

Als Referenz dient der Durchschnitt der Löhne in den Kantonen Bern, Zürich, Zug, Luzern, Basel-Land, Basel-Stadt und Solothurn. Eine Lehrerin an einer Primarschule im Aargau verdient derzeit im ersten Jahr 2835 Franken weniger als der Durchschnitt ihrer Kolleginnen in diesen Kantonen. Im elften Berufsjahr gar 12594 Franken, was 11,5 Prozent oder über 1000 Franken im Monat entspricht. Bei Lehrerinnen und Lehrern an Mittelschulen sind die Unterschiede noch grösser: Im elften Berufsjahr verdienen die Aargauer 17 Prozent oder 21247 Franken weniger pro Jahr als die Mittelschullehrerinnen der Vergleichskantone.

So geht es nicht weiter

«Das ist nicht länger in diesem Masse haltbar», sagte Bildungsdirektor Alex Hürzeler am Freitag vor den Medien. Um das Problem zu beheben, soll das Lohnwesen für Lehrpersonen und Schulleitungen der Volksschule revidiert werden, das heutige System wird ersetzt. Neben der mangelnden Konkurrenzfähigkeit ist das auch deswegen nötig, weil beim jetzigen System nicht ausgeschlossen werden kann, dass es Frauen- berufe diskriminiert.

Im Februar hat der Regierungsrat das Projekt «Arcus» vorgestellt, bis 30. April war der Vorschlag in der Vernehmlassung, gestern präsentierten der Bildungsdirektor und Projektleiterin Christine Fricker die angepasste Vorlage.

Die Erfahrung soll zählen, nicht nur das Alter

Heute werden die Löhne und Lohnstufen im Aargau anhand eines komplexen Vektorenmodells berechnet. Für die individuellen Löhne ist das Lebensalter entscheidend, nicht die Berufserfahrung. Mit «Arcus» soll diese sowie die berufsrelevante Lebenserfahrung mit einfliessen. Das ist in anderen Kantonen längst üblich.

In den ersten Jahren der Berufskarriere steigen die Löhne nach neuem Modell stärker an als heute, gegen Ende flacht dieser Anstieg ab, der Maximallohn wird früher erreicht als bisher. Für Kindergarten- und Primarschullehrpersonen werden die Löhne während der gesamten Karriere erhöht. Auf der Sekundarstufe 2, der Mittelschule und an den Berufsfachschulen sind sie nach dem neuen Modell zu Beginn und in späteren Berufsjahren tiefer als heute.

Löhne für Berufsfachlehrerinnen und Mittelschullehrer sind mit «Arcus» in der Mitte der Karriere höher als heute, aber noch immer nicht konkurrenzfähig. Das System für diese Sparten deshalb ganz neu aufstellen – das wollte der Regierungsrat nicht. Deshalb schlägt er vor, diese Löhne mit einer Marktzulage von drei Prozent zu ergänzen. Eine solche Zulage ist bereits in den Lohndekreten vorgesehen. Diese Möglichkeit werde aber, so Alex Hürzeler, nur sehr selten angewendet.

Neues Lohnsystem: 70 Millionen Franken mehr für Aargauer Lehrpersonen

Neues Lohnsystem: 70 Millionen Franken mehr für Aargauer Lehrpersonen

Die Lehrerinnen und Lehrer aus dem Aargau haben im Vergleich zu den Nachbarskantonen einen tieferen Lohn. Die Aargauer Regierung will das ändern und schlägt deshalb ein neues Lohnsystem vor.

Kosten von fast 70 Millionen Franken

Der Bildungsdirektor ist insgesamt zufrieden mit «Arcus». Der Aargau komme damit weg von seiner Sonderlösung hin zu einem «gut modellierten Lohnsystem nach anerkannten Standards», sagte er. Es gebe mehr Differenzierung anstelle eines Giesskannenprinzips.

Und schliesslich wird im Aargau in Zukunft auch zwischen den Funktionen unterschieden. Hat eine Lehrerin beispielsweise die Klassenverantwortung, so ist das im Gegensatz zu heute lohnrelevant, sie verdient künftig also mehr.

Natürlich hat die Umstellung ihren Preis. «Die Kosten waren in der Anhörung ein wichtiges Thema und sie werden es auch in der Debatte im Grossen Rat sein», warnte der Bildungsdirektor. Seine eigene Partei, die SVP, ist nicht einverstanden, dieses Geld auszugeben (siehe Text unten). Jährlich entstehen mit dem neuen Lohnsystem Mehrkosten von total 68,7 Millionen Franken. Inklusive der Arbeitgeberbeiträge beläuft sich der Nettoaufwand für den Kanton auf 50,6 Millionen Franken, für die Gemeinden auf 17,1 Millionen. Der steilere Anstieg der Lohnkurve zu Beginn, die höheren Anfangslöhne und die Ausrichtung am Markt führen zu diesen Mehrkosten.

Lehrerverband und Schulleiter für Anpassung

Aber diese Kosten würden teilweise nach wenigen Jahren wieder ausgeglichen, sagt Kathrin Scholl, Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands. «Das jetzige System ist für teurere, ältere Lehrpersonen und Quereinsteiger attraktiver als für Jüngere», sagt sie. Das würde sich mit «Arcus» ändern und wiederum zu Einsparungen führen, das hätten Berechnungen ergeben.

Sowieso tue ein neues, konkurrenzfähiges Lohnsystem not, so Scholl: «Wir hatten noch nie so viele Kantonsübertritte von Lehrpersonen, wie in diesem Jahr.» Der Mangel an geeigneten Lehrkräften sei vorhanden und müsse behoben werden. Der Verband hätte sich vom Kanton zwar etwas mehr Transparenz gewünscht, sagt die Präsidentin. Insgesamt seien die Lehrerinnen und Lehrer mit der Vorlage aber einverstanden.

So sieht es auch der Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter Aargau. Der Kanton leide seit Jahren am Mangel an ausgebildeten Lehrkräften und könne so die Qualität seiner Schulen je länger je mehr nicht mehr halten, schreibt der Schulleiter- Verband in seinem Positionspapier zur Lohnrevision. Die aktuelle Alterseinstufung sei zwar für Quer- und Wiedereinsteigende attraktiv, «es benachteiligt aber die Jungen und führt zu hohen Kosten, weil Ältere kommen und Jüngere gehen». Durch die Laufbahnoptionen, die bessere Lohnentwicklung in den ersten Berufsjahren und die individuelle Lohnfestlegung werde der Lehrberuf mit dem neuen Modell attraktiver, ist der Verband überzeugt.

Voraussichtlich im Dezember wird der Grosse Rat über die «Arcus»-Vorlage entscheiden. Bei seiner Zustimmung des Parlaments soll das neue Lehrerlohnsystem auf den 1. Januar 2022 eingeführt werden.

An den Aargauer Schulen soll ein neues Lohnsystem eingeführt werden, die Löhne sollen an jene in den umliegenden Kantonen angepasst werden. So will der Regierungsrat dem Lehrermangel entgegenwirken und verhindern, dass Lehrkräfte abwandern.

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