Corona im Alltag

Spargeln ernten statt fliegen: «Ich vermisse sogar das Kofferpacken»

Flight Attendant Rahel Stäuble aus Baden ist während des Lockdowns offen für Neues: Sie arbeitet in Bözen bei der Grünspargelernte mit.

Während auf dem grossen Feld in Bözen noch Grünspargeln geschnitten werden, sind Rahel Stäuble und Betriebsleiterin Christine Amsler in einer Halle auf dem Söhrenhof damit beschäftigt, gewaschene Spargeln zu wägen, zu bündeln und zu etikettieren. Die 29-jährige Badenerin Stäuble hat Kurzarbeit und ist vom Lockdown gleich dreifach betroffen: als Flight Attendant sowie als Mitarbeiterin im Catering-Unternehmen ihrer Brüder und im Biergarten in Fislisbach. «Als der Flugbetrieb eingestellt wurde, war für mich klar, dass ich die Zeit für eine neue Erfahrung nutzen will», sagt Stäuble. «Ich arbeite gern und viel.» Nachdem sie gelesen hatte, dass die Bauern Erntehelfer suchen, meldete sie sich bei der Familie Amsler im Fricktal.

Christine Amsler erklärte der Anfängerin am ersten Tag auf einem Feld am Hang, auf was es bei der Grünspargelernte ankommt: Der Spargel muss 25 Zentimeter aus dem Boden ragen und der Nachbarspargel darf beim Schneiden nicht verletzt werden. Die Flight Attendant machte sich ans Werk.

Pro Tag stehen bei der Familie Amsler für die Spargelernte auf insgesamt 1,5 Hektaren Anbaufläche acht bis zehn Helfer im Einsatz. Je nach Witterung füllt das Team 40 bis 120 Kisten mit den Jurapark-Spargeln, die bei Coop sowie über Hofläden und an Restaurants verkauft werden. Stäuble gefällt der Kontrast zu ihren sonstigen Tätigkeiten. «Da ich auch sowieso immer in Bewegung bin, leidet mein Körper nicht unter dieser Arbeit. Im Gegenteil: Ich finde es lässig», sagt sie und lacht.

Der Lockdown ist auch eine Chance

Nach etwa drei Stunden ist der Ernteeinsatz jeweils vorbei und die Flugbegleiterin hat noch viel Zeit für anderes. So hat sie sich kürzlich auch zum ersten Mal selber die Haare geschnitten. Ihr ist es wichtig, Struktur im Alltag zu haben. Denn ohne Arbeit tendiere der Mensch dazu, faul zu werden, sagt sie.

Seit acht Jahren arbeitet Rahel Stäuble in ihrem Traumberuf als Flight Attendant. Ursprünglich machte sie eine Lehre als Restaurationsfachfrau in der «Krone» in Lenzburg. Am liebsten fliegt sie Langstrecken. Sie mag den Austausch mit den vielen internationalen Gästen und mit der stets wechselnden Crew. «Es ist nie langweilig. Jeder Flug erzählt eine andere Geschichte», sagt sie. Und: «Jetzt vermisse ich sogar das Kofferpacken, obwohl ich das vorher nie gerne gemacht habe.» Stäuble ist der Ansicht, dass der Lockdown auch für viele Leute eine Chance ist, um herauszufinden, ob der momentane Job noch der richtige ist. Sie selber ist optimistisch, dass es für sie schrittweise schon bald wieder in die Luft geht, und freut sich darauf.

Der letzte reguläre Dienstflug führte Stäuble Mitte März auf die Seychellen. Dort wollte sie eigentlich kurz darauf ihre Ferien mit Surfen verbringen. Während ihres 16-stündigen Aufenthalts ging sie noch an den Strand und ahnte schon, dass die baldige Rückkehr auf Grund der Coronakrise kaum möglich sein wird. «Ferien kommen immer wieder», sagt sie gut gelaunt und bündelt die frisch geernteten Grünspargeln mit zwei Gummis zusammen. 

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