Auenstein
Plötzlich stand dieser Aargauer im Lager für 130'000 Flüchtlinge

Robin Heizmann ist war Informatikchef bei einer Grossbank, vor vier Jahren professionalisierte er seine Arbeit als Fotograf. Häufig ist er im Ausland unterwegs. Er war in Jordanien und erhielt unerwartete Einblicke in den Alltag von Syrern.

Claudia Meier
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Eindrücke aus einem Flüchtlingslager in Jordanien
12 Bilder
Das Flüchtlingslager Al Zaatari hat sich innert vier Jahren zur viertgrössten Stadt in Jordanien entwickelt. Statt auf Zelte wird zunehmend auf Behausungen mit einem Fundament gesetzt. Sir Robin Photography
Lastwagen bringen Wasser ins Camp
Die Zelt sind vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR)
Hier werden Fundamente für weitere Behausungen gebaut
Die Flüchtlinge sind im Lager zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs
Das Lager besteht aus mehereren Quartieren
Die grösseren Strasseb sind asphaltiert
Al Zaatari -Vom Lager zur viertgrössten Stadt in Jordanien
Das Angebot in den Läden ist überraschend gross
Auch die Velo-Raparaturwerkstätte darf im Camp nicht fehlen
Auf der Hauptgasse Champs-Élysées herrschte trotz viel Betrieb eine entspannte Atmosphäre

Eindrücke aus einem Flüchtlingslager in Jordanien

Sir Robin Photography

Wie funktioniert das Leben in einem Lager, das für 130'000 Flüchtlinge konzipiert ist? Auf diese Frage fand der in Auenstein aufgewachsene Robin Heizmann eine Antwort, als er sich im letzten August in Jordanien von einem einheimischen Bekannten nahe der Grenze zu Syrien eine Wasseraufbereitungsanlage zeigen liess.

Al Zaatari ist eines von mehreren Lagern im Norden und mittlerweile die viertgrösste Stadt in Jordanien. Die Fläche ist vergleichbar mit der Innenstadt von Zürich. Per Lastwagen oder Bus werden täglich etwa 100 syrische Flüchtlinge an der sechs Kilometer entfernten Grenze abgeholt.

Robin Heizmann: Früher bei Grossbank, heute Fotograf

Der 48-jährige Wirtschaftsinformatiker war früher unter anderem als Informatikchef in der Auslands-Geschäftsleitung einer Grossbank tätig. Vor vier Jahren professionalisierte Robin Heizmann seine Arbeit als Fotograf. Er ist häufig im Ausland unterwegs und hat sich auf Kulturdokumentationen sowie Porträts spezialisiert. Am Opernhaus in Zürich ist er Backstage-Fotograf. Der Beiname «Sir Robin», den ihn seit dem Besuch der Kantonsschule in Aarau begleitet, hat seinem Unternehmen «Sir Robin Photography» den Namen gegeben. Anfang Dezember konnte der ehemalige Schüler der Bezirksschule Schinznach-Dorf im Rahmen eines Kunstprojekts im Schenkenbergertal 120 Jugendlichen von seinen Eindrücken im Lager für syrische Flüchtlinge erzählen. Er kann sich weitere Präsentationen vorstellen. (CM)

Als sich Heizmann verabschieden wollte, wurde er einem Deutsch sprechenden Sergeant vorgestellt, der ihn spontan auf einen Lagerrundgang mitnahm und die Erlaubnis zum Fotografieren gab. «Dass ich in der Schweizer Armee Major bin, hat mir vermutlich in dieser Situation geholfen», sagt der Aargauer.

Rund 90 000 Bewohner hatte Al Zaatari im Sommer. Auf der Hauptgasse Champs-Élysées herrschte trotz viel Betrieb eine entspannte Atmosphäre. Hier reiht sich ein Laden an den anderen.

Verantwortlich für den Betrieb ist das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Die Kosten belaufen sich auf eine halbe Million Dollar pro Tag. Neben der jordanischen Polizei und Armee, die das Lager überwachen, sind auch 40 Nichtregierungsorganisationen vor Ort tätig.

Es gibt fünf Schulen, zwei grosse Markthallen, zwei Feldspitäler, einige Spielplätze, Verteilzentren und eine Moschee. Bewacht werden vor allem die Kläranlage, die Abfallentsorgung und das medizinische Zentrum. Das Lager ist nicht abgeriegelt. Die nächste Stadt ist in Sichtweite.

Zehn Geburten pro Tag

Die Bewohner im Flüchtlingslager sind jung: 60 Prozent unter 18 Jahre. Pro Tag werden zehn Kinder geboren. Es gibt weder Tiere noch Bäume. Der Boden ist gekiest. Die grösseren Strassen sind asphaltiert und nachts beleuchtet. Zugänge zum Strom- und zum syrischen Mobilfunknetz sind gewährleistet. Schattenplätze sind rar. Am Anfang standen nur Zelte zur Verfügung, dann folgten Container und immer häufiger werden Fundamente für längerfristige Behausungen, die weder geheizt noch klimatisiert sind, gebaut.

Das Wasser wird mit Tanklastwagen angeliefert. Die Zahlen sind gigantisch: Pro Tag werden 3,5 Millionen Liter Wasser und 18 Tonnen Brot benötigt. Bezahlt wird mit einem Coupon-System. Jedes Quartier hat eine eigene WC-Anlage und Wasserversorgung. Im Registrierungszentrum werden die Bewohner erfasst. Alle haben eine genaue Postadresse. Der Fotograf stellte fest, dass die öffentlichen Gebiete sauber und die Leute gut angezogen waren.

Mehrheit der Flüchtlinge arbeitet

Etwa 60 Prozent der arbeitsfähigen Flüchtlinge gehen einer Tätigkeit als Lehrer, medizinisches Personal, Verkäufer, Mechaniker, Maler, Bauarbeiter etc. nach. «Man darf nicht vergessen, dass die meisten Leute vom Bürgerkrieg traumatisiert sind», sagt Heizmann. «Das ist auch der Grund, warum man kaum Leute in Uniformen sieht.»

Der Aargauer betont: «Was hier betrieben wird, ist Städtebau.» Einige Flüchtlinge versuchen, zu Verwandten weiterzureisen. Vereinzelt kommen sie zurück, weil die Schule im Lager offenbar sehr gut ist. Die meisten bleiben und richten sich für mehrere Jahre ein. Was hat dieser mehrstündige Besuch bei Robin Heizmann ausgelöst? «Ich frage mich, wieso wir das in Europa nicht auch können», sagt er. «Die Flüchtlingspolitik ist kein nationales Thema.» Für den Aufbau eines grossen Lagers bräuchte es politischen Effort – auch von Leuten, die Angst vor Fremden haben.

Der Fotograf bringt noch eine weitere Dimension ins Spiel: «Sobald sich die Situation in Syrien beruhigt hat, sind wir vom Westen die Ersten, die dort wieder investieren wollen. Wenn wir das Flüchtlingsproblem langfristig nicht auf die Reihe kriegen, vermiesen wir auch unserer nachfolgenden Generation diese Möglichkeit für künftige Investitionen.» Im Frühling möchte Robin Heizmann das Lager in Jordanien nochmals besuchen, aber nicht etwa weil er das Gefühl hat, helfen zu müssen. Er will sich aus erster Hand eingehender über Logistik, Infrastruktur und das Camp-Leben informieren – mit dem Ziel, so zu einer differenzierten Berichterstattung beizutragen.

Mehr Infos zum Fotografen finden Sie hier.

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