Forum Botia
Professorin Margrit Stamm: «Wir brauchen keine höhere Gymiquote, sondern eine bessere Verteilung»

Im Fricktal, wo bald eine neue Mittelschule gebaut werden soll, hat die bekannte Erziehungswissenschaftlerin zu einer Diskussion angeregt, ob überhaupt die «richtigen» Jugendlichen ans Gymnasium und in die Berufslehre gehen. Ihr Fazit: Es braucht eine neue Perspektive.

Claudia Meier
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Forum Botia 2021 mit Margrit Stamm und dem künftigen Organisationsteam bestehend aus (v. l.): Daniel Büeler, Patrizia Stocker und Stefan Höchli.

Forum Botia 2021 mit Margrit Stamm und dem künftigen Organisationsteam bestehend aus (v. l.): Daniel Büeler, Patrizia Stocker und Stefan Höchli.

Claudia Meier

Es war ein Thema, bei dem jede und jeder mitreden kann. Denn alle gingen mal zur Schule und haben sich mit der Berufswahl beschäftigt. Kein Wunder also, hat das angekündigte Referat von Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg, nach der letztjährigen Forum-Botia-Pause am Donnerstagabend viel Publikum ins Restaurant Post nach Bözen gelockt.

Unter dem Titel «Gymnasium oder Berufsbildung? Was und wer entscheidet?» zeigte Margrit Stamm basierend auf Forschungsresultaten auf, wie eng der Blick der Gesellschaft auf die Laufbahnentwicklung oft ist. Damit wolle sie eine objektive Diskussion ermöglichen über ein Thema, bei dem oft Emotionen im Spiel sind, sagte Stamm.

Neigungen und Fähigkeiten sind nicht ausschlaggebend

Ihre zentrale These lautet: «Neigungen und Fähigkeiten geben nicht den Ausschlag zur Berufswahl. Sonst wären in der Berufsbildung mehr Jugendliche aus gut situierten Familien und an den Gymnasien mehr Jugendliche aus einfacher gestellten Familien (oft mit Migrationshintergrund) vertreten.»

Grundsätzlich findet Margrit Stamm das Bildungssystem in der Schweiz gut, wies aber auf einige Punkte hin, die man hinterfragen sollte. Einer davon ist, dass der Anteil der Migranten an den Kantonsschulen in den letzten 30 Jahren nicht gestiegen ist. Oft würden einfacher gestellte Familien ihre Kinder unterschätzen, so Stamm. Laut Lernplan wird erwartet, dass Eltern ihren Kindern bei Aufgaben helfen, was etwa aus sprachlichen Gründen nicht möglich ist.

Mit dem Gymnasium kann man die Berufswahl verzögern

Zudem erachtet sie die Zugangsanforderungen in eine berufliche Grundbildung als hoch. Die Lernenden werden jünger und müssen sich in Schnupperlehren, Assessments und Vorstellungsgesprächen bewähren. Kurz: Sie werden schon früh mit der harten Realität (weniger Ferien, Hierarchien) konfrontiert, können aber auch finanziell schneller auf eigenen Beinen stehen, was für einfacher gestellte Familien eine Entlastung ist.

Mit dem Gang ans Gymnasium kann man nicht nur die Berufswahl um vier Jahre herauszögern, sondern muss sich auch nicht an ein neues System gewöhnen. 25 bis 35% der Kinder nehmen laut Stamm aber Nachhilfe in Anspruch, um ans Gymnasium zu kommen und am Schluss die Matura zu schaffen. Die Professorin findet, dass es keine höhere Gymiquote braucht, sondern eine bessere Verteilung. Sie betont:

«Eine Matura ist ein kleiner Schritt.»

Etwa 25% der Maturanden studieren gar nicht, 10% brechen das Studium ab und 15% absolvieren ein Studium, finden aber später keinen Job, der dem Studium angemessen ist.

Wichtiger als Image wären Vorbilder und Mentoren

Margrit Stamm sagt, dass Kinder aus Akademiker-Familien oft überschätzt werden. Der frühe Wettbewerb baue Druck auf. Eltern sollten aber entspannen und Kinder auch mal scheitern dürfen. Wichtiger als sich um das gesellschaftliche Image zu kümmern, wäre es, wenn man neue Perspektiven einnimmt sowie vermehrt auf Vorbilder und Mentoren setzt.

Von den 230 Berufen, die es in der Schweiz gibt, werden laut Margrit Stamm nur jeweils etwa vier in die engere Wahl gezogen. Dabei zeigten gerade die SwissSkills, wie gut man mit einer Berufslehre, die den Neigungen entspricht, Karriere machen kann. Mütter spielen – noch vor den Vätern – bei Laufbahnentscheidungen die wichtigste Rolle für die Jugendlichen.

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