Bezirksgericht Brugg
Er prügelte im Suff – jetzt kriegt zukünftiger Vater doch noch die Kurve

Ein heute 26-jähriger Mann verprügelte besoffen einen Kollegen, wehrte sich gegen die Polizeikontrolle und bedrohte die Polizisten. Vor Gericht kommt ihm jedoch seine aktuelle Situation zugute.

Janine Müller
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Der Beschuldigte wehrte sich bei einer Polizeikontrolle. Die Beamten legten ihn darum in Handschellen und führten ihn ab (Symbolbild).

Der Beschuldigte wehrte sich bei einer Polizeikontrolle. Die Beamten legten ihn darum in Handschellen und führten ihn ab (Symbolbild).

KEYSTONE

Verstohlen wischt sich Patrick (Name geändert) eine Träne aus dem Gesicht, das Baseball-Cap tief ins Gesicht gezogen. Er ist soeben aus dem Gerichtssaal geschritten, begleitet von seinem Onkel und der Tante. Sind es Tränen der Erleichterung, dass er nicht ins Gefängnis muss? Weil die Anspannung abfällt? Oder weil der junge Mann weiss, dass er künftig noch mehr Schulden abbezahlen muss – im Wissen darum, dass er bald Vater wird? Patrick (26) hat – so machte es vor Gericht den Anschein – die Kurve in seinem Leben gerade noch gekriegt.

Doch was Mitte August 2015 geschehen ist, wird ihn weiterhin verfolgen. Damals prügelte sich Patrick an der Aegertenstrasse in Brugg mit einem Kollegen. Warum genau, weiss der Beschuldigte heute nicht mehr. Er gibt zu: «Ich habe gesoffen.» Ein Nachbar beobachtete die Szene und meldete es der Polizei. Je eine Patrouille der Regionalpolizei Brugg und der Kantonspolizei Aargau trafen daraufhin vor Ort ein.

Die Beamten wollten eine Personen- und Effektenkontrolle durchführen, doch Patrick weigerte sich zunächst. Dann drängte er darauf, aus der Kontrolle entlassen zu werden. Als die Polizisten ihm klarmachten, dass diese noch nicht beendet ist, begann der Beschuldigte mit den Armen herumzufuchteln und versuchte wegzulaufen.

Er drohte mit «Schwedenkuss»

Um die Kontrolle überhaupt fertig durchführen zu können, musste der junge Mann von der Polizei in Handschellen gelegt werden. Patrick wehrte sich, schmiss mit Schimpfwörtern um sich. Unter anderem als «Hurensöhne» und «Missgeburten» bezeichnete er die vier Polizisten, darunter eine Frau. Diese wiederum entschieden sich, die Kontrolle auf dem Posten im Wildischachen fortzuführen. Das passte Patrick gar nicht. «Er stellte in Aussicht, die Polizeibeamten zu bespucken, sobald er hierzu Gelegenheit bekäme», heisst es in der Anklageschrift.

Entsprechend wurde ihm ein Spuckschutz angezogen. Im Patrouillenfahrzeug versuchte Patrick dann, einem Beamten einen «Schwedenkuss», also einen Kopfstoss, zu verpassen, was ihm allerdings nicht gelang. Weiter machte er gegenüber der Polizistin sexuell anstössige Anmerkungen und Bewegungen. Er drohte zudem, die anwesenden Polizisten umzubringen. Nach Abschluss der Kontrolle wurde Patrick zum Bahnhof Brugg gebracht. Dort drohte er dem einen Polizisten mit den Worten: «Wenn ich dech uf de Strass privat gseh, denn besch am Arsch.»

Anklage mit mehreren Punkten

Angeklagt war Patrick wegen mehrfacher Gewalt und Drohungen gegen Beamte, Hinderung einer Amtshandlung, mehrfacher Beschimpfung und Drohung. Dazu kam die Anklage wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, da er jeweils Cannabis an den arbeitsfreien Tagen – fünf bis sechs Joints – konsumierte. Weil der junge Mann bereits Vorstrafen auf dem Konto hat, drohte ihm eine neunmonatige unbedingte Gefängnisstrafe, eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 100 Franken sowie eine Busse von 300 Franken. So der Antrag der Staatsanwaltschaft.

So schlimm kam es für Patrick dann nicht ganz. Weil er bei der ersten Gerichtsverhandlung im Mai 2017 nicht auftauchte, sich später aber doch noch bei seinem Verteidiger meldete, beschloss Gerichtspräsidentin Chantale Imobersteg, dass der Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gutgeheissen wird. Denn: In der Zeit, als Patrick die Aufgebote für das Verfahren erhielt, war er praktisch obdachlos, kam an verschiedenen Orten unter und war nicht erreichbar per Post. Dann starb noch seine Grossmutter, eine enge Bezugsperson. «Es ging mir schlecht, ich nahm Drogen und trank Alkohol», sagte Patrick an der Verhandlung.

Ein gutes Vorbild sein

Mittlerweile geht es dem 26-Jährigen besser. Sein Onkel und die Tante haben sich seiner angenommen. Er ist bei einem Temporärbüro untergebracht, Drogen konsumiert er keine mehr. Zudem wird Patrick bald Vater, mit der Mutter des Kindes führt er eine feste Beziehung. «Ich möchte ein geregeltes Leben, meinem Kind ein gutes Vorbild sein», sagte er. Die Verteidigung attestierte Patrick eine gute Zukunftsprognose und fordert den Verzicht auf einen Freiheitsentzug, sowie den Freispruch von der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Beamte. Patrick sei mit einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 10 Franken sowie einer Busse von 200 Franken zu sanktionieren.

Imobersteg fällte den Entscheid, auf den Freiheitsentzug zu verzichten, weil sich der Beschuldigte auf gutem Weg befindet. Jedoch verurteilte sie ihn zu einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 20 Franken und einer Busse von 300 Franken. Die Probezeit verlängerte sie um ein Jahr. Von der mehrfachen Gewalt und Drohung gegen Beamte sprach sie ihn nicht frei.

«Die Intensität einer Drohung gegenüber einem Polizisten muss höher sein, ist aber dennoch keine Kleinigkeit», begründete sie. Und auch nur das Ansetzen zu einem Schwedenkuss erfülle den Tatbestand. Weiter muss Patrick die Anklage- und Verfahrenskosten sowie den amtlichen Verteidiger bezahlen, sobald ihm dies wirtschaftlich möglich ist.