Windisch
Er ist der Windischer Herr der Zähne – und sagt dem Bohrer den Kampf an

Zahnärzte können jetzt die Zähne ihrer Patienten ohne Bohrer heilen – der CEO der Credentis AG erklärt, wie das möglich ist. Etwas sei an dieser Stelle verraten: Die Engländer Forscher haben Mutter Natur über die Schulter geschaut.

Barbara Schlunegger
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Unsere Zähne sind seine Leidenschaft: Dominik A. Lysek, CEO der Credentis AG. Emanuel Per Freudiger

Unsere Zähne sind seine Leidenschaft: Dominik A. Lysek, CEO der Credentis AG. Emanuel Per Freudiger

Emanuel Per Freudiger

Karies bewegt die Menschheit. Oder zumindest ihre Gebisse. Ob Kind oder Erwachsener, praktisch jeder hat schon einmal ein Loch im Zahn unter Schmerzen füllen lassen müssen. Seit ein paar Jahren gehe es aber auch ohne Bohren – wenn Karies früh erkannt wird. Das behauptet Dominik Lysek, Geschäftsführer und Gründer des Jungunternehmens Credentis AG in Unterwindisch.

Er sagt: «Das Problem der Kariesbehandlung ist, dass wir heute den Zahn nicht als lebendiges Gewebe ansehen und ihn deshalb eher wie ein Auto behandeln.» Journalistin und Fotograf machen grosse Augen – Lysek lacht.

Der 39-Jährige meint damit, dass die meisten Menschen den Zahn noch nicht als Körperteil oder Organ ansehen, sondern eher als Fremdkörper. Wenn ein Zahn beschädigt ist, geschehe es häufig, dass er umgehend repariert oder final durch ein Implantat ersetzt würde.

«Wenn jedoch mein Arm gebrochen ist, würde es keinem Arzt in den Sinn kommen, den Arm gleich zu amputieren und mit einer Prothese zu ersetzen.» Wie das gehe, einen Zahn ohne Bohren zu heilen, will die Besucherin wissen. Die Methode dazu basiert auf der «Curolox® Technology». Diese wurde in England erfunden und in der Schweiz entwickelt.

Von Mutter Natur abgeguckt

«Das Prinzip ist simpel, aber raffiniert», sagt der Geschäftsführer. Mithilfe intelligenter Moleküle wird ein Gerüst im Innern des geschädigten Zahns gebildet. Das hilft dem Körper auf natürliche Weise, neues mineralisches Gewebe zu bilden. «Biomimetische Mineralisation» nennt sich das, da man Vorgänge der Natur nachahmt.

In unserem Beispiel wäre das die Mineralisation, die «Einlagerung bestimmter Mineralstoffe in Zahnschmelz«, wie im Internet nachzulesen ist. Diese Methode haben Wissenschaftler an der Universität von Leeds 2006 in England erforscht.

Lysek, der in Edinburgh Chemie studiert hatte und in Zürich an der ETH doktorierte, hat aufgrund dieser Technologie zwei Produkte entwickelt. Diese kommen heute in der Zahnmedizin zur Anwendung. «CurodontTM Repair» und «CurodontTM Protect». Das erste ist allein für Zahnärzte, wohingegen «CurodontTM Protect» von Herr und Frau Schweizer benutzt werden kann.

Die Eiweissmoleküle, die selber denken können

Bahnbrechend ist diese Technologie deshalb, weil nicht gewalttätig ins natürliche Zahnsystem eingegriffen wird, sondern schonend von innen gewirkt wird. Das Zahnarztprodukt funktioniert so, dass auf den einzelnen kariesbetroffenen Zahn eine Flüssigkeit gegeben wird.

Diese enthält Eiweissmoleküle, die innerhalb des Zahns ein Gerüst bilden. «An dieses Gerüst docken sich dann Zahnminerale aus dem Speichel an», erklärt der Brugger. Und so wird der Zahn nicht repariert, sondern regeneriert.» Der entscheidende Unterschied zum Bohren sieht der Jungunternehmer in der Nachhaltigkeit der Anwendung: «Mit Bohren kann Karies nur eingedämmt werden.

Dabei leiden Zahnsubstanz und -stabilität.» Jetzt sei ein ganzheitlicher Erhalt des Zahnes durch Geweberegenration möglich. Dazu müsse die Karies aber frühzeitig erkannt werden, sagt er zu den Anwendungsbedingungen.

Bis heute benutzen diese neuartige Technologie aber erst 100 Zahnärzte schweizweit. In Brugg-Windisch ist es zum Beispiel das Zahnarztzentrum.ch und budgetdent.

Genilem-Coaches geben Starthilfe

Sein Unternehmen gründete Dominik Lysek 2010. Zu Beginn hatte er seinen Betrieb grossenteils mit privatem Vermögen finanziert. Drei Jahre lang erhielten Lysek und sein kleines Team – bis heute arbeiten nur vier Leute dort – zwei Mentoren des Vereins Genilem.

Dieser hat es sich zum Ziel gesetzt, junge, innovative Start-Up-Unternehmen in der Anfangsphase kostenlos mit kompetenter Unterstützung unter die Arme zu greifen. Davon durfte auch die Credentis AG profitieren.

Mentor Ernst Käser führte Lysek in die finanztechnischen Aspekte eines Unternehmens ein. «Als ausgebildeter Wissenschaftler hatte ich davor keine Ahnung vom Thema – das darf ich doch sagen?», fragt der Geschäftsführer lachend.

Der zweite Coach, Werner Berner, sitzt heute im Verwaltungsrat der Firma und agiert bei Credentis unabhängig von Genilem. «Ohne das umfangreiche Netzwerk, das uns Genilem zur Verfügung stellte, wären wir wohl noch nicht da, wo wir heute sind», schaut er zurück.

Und wie geht es weiter mit den Zahnspezialisten im Kunzareal in Windisch? «Ich wünsche mir, dass Karies international als Krankheit anerkannt wird – und dass die Credentis bei der Bekämpfung von Karies künftig eine Rolle spielen wird», sagt Lysek mit blitzenden Augen.