Alter Region Brugg
Dorothée Birchmeier kennt sich aus und sagt rückblickend: «Ältere Leute sind heute anspruchsvoller»

Ende Februar gibt Dorothée Birchmeier die Leitung der Koordinationsstelle Alter Region Brugg ab. Ein Rückblick auf knapp zehn Jahre.

Maja Reznicek
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Dorothée Birchmeier startete 2012 bei der Koordinationsstelle Alter Region Brugg.

Dorothée Birchmeier startete 2012 bei der Koordinationsstelle Alter Region Brugg.

Alex Spichale

Links sieht man auf das emsige Treiben des Bahnhofs, rechts zeigt sich bei gutem Wetter der schneeverhangene Bözberg. Mit ihrer Lage im siebten Stock des Neumarkt 1 bietet die Koordinationsstelle Alter Region Brugg eine fabelhafte Aussicht – aber auch einen zentralen Anlaufpunkt für die ältere Bevölkerung. «Hier sind wir am Puls des Lebens», sagt Dorothée Birchmeier mit einem Lächeln.

Noch bis Ende Februar lei-tet die Würenlingerin die Stelle in einem 60-Prozent-Pensum. Zum einen berät sie hier betagte Menschen und ihre Angehörigen zu Altersfragen. Zum an- deren erarbeitet sie mit den acht Gemeinden Birr, Birrhard, Brugg, Habsburg, Hausen, Lupfig, Mülligen und Windisch fachbezogene Projekte: Beispielsweise begleitete die 59- Jährige den Aufbau eines Generationscafés mit Freiwilligen, gab aber auch Antwort auf die Frage «Was dürfen wir noch?» von Senioren im letzten Frühling. «Es ist eine sehr abwechslungsreiche Arbeit, bei der man die Geschichten der Menschen erfährt – die schönen und die traurigen», sagt Dorothée Birchmeier. Aber erst ein Zufall brachte sie zur Koordinationsstelle Alter Region Brugg.

Über die Stelle war sie zuerst nicht glücklich

Ursprünglich hatte Dorothée Birchmeier Hotelfachassistentin gelernt und sich dann in der Abendhandelsschule weitergebildet. Es folgten Anstellungen in verschiedenen Institutionen, unter anderem im Personalwesen der Spitex Würenlingen oder bei der Dargebotenen Hand Aargau. Im Jahr 2012 bewarb sich die zweifache Mutter dann bei Pro Senectute für einen Job im Bereich Sport – wurde jedoch als Leiterin der Koordinationsstelle Alter eingestellt. «Der damalige Chef Beat Waldmeier meldete sich bei mir, weil er fand, dass meine Fähigkeiten besser zu dieser Arbeit passen. Zuerst war ich nicht so glücklich. Aber dann dachte ich: ‹Du kannst nichts verlieren, probiere es einfach aus.›» Einen direkten Bezug zum Thema Alter habe sie damals nicht gehabt. «Ich bin aber in einem Bauernhaushalt in Willisau aufgewachsen, in dem drei Generationen vereint waren. Von meinem Grossvater habe ich sehr viel gelernt.»

Aus dem anfänglichen Versuch wurden fast zehn Jahre. Eine Zeit, in der Dorothée Birchmeier einige erfolgreiche Projekte realisieren konnte. Unter anderem begleitete sie gleich zwei verschiedene Versionen der Informationsbroschüre der regionalen Anlaufstellen für Seniorinnen und Senioren. Die Würenlingerin erzählt: «Anfänglich hiess die Broschüre ‹Gut informiert im Alter›, und wir haben sie an Menschen um die 60 Jahre verschickt. Da gab es häufig die Rückmeldung ‹Ich bin doch noch nicht alt!›. Seither nennen wir sie ‹Mit 66 Jahren...› nach dem Lied von Udo Jürgens, und die Zielgruppe ist älter.»

Zudem begleitete Birchmeier auch schon die Gründung einer Senioren-Band und lancierte das Nostalgie-Chörli, das über 30 Teilnehmende hat. Sie sagt: «Ich lernte während der Projekte immer tolle Leute kennen. Vor allem Menschen, die sich ohne oder mit nur sehr wenig Entlöhnung einsetzen, damit es anderen besser geht.» Zu einem der neusten Projekte von Birchmeier zählt eine Zusammenarbeit mit dem Seniorenrat Brugg. Gemeinsam wurde ein Pool an Freiwilligen organisiert, die für Betagte Spezialaufträge ausführen. So können ältere Menschen schnell einen Schreiner finden, der die Schranktüre unkompliziert repariert, oder einen IT-Spezialisten, der hilft, den Fernseher richtig einzustellen. Das Angebot werde noch nicht so rege genutzt, denn: «Die Leute brauchen sehr lange, bis sie sich Hilfe holen.»

Gewisse Themen sollte man seit Jahren anpacken

Wirklich schwierige Projekte gab es für die Leiterin der Koordinationsstelle Alter Region Brugg in den letzten zehn Jahren nicht. Jedoch: «Wir hatten auch Leerläufe. Manche Vorstellungen, die die Leute in eine Arbeitsgruppe einbrachten, funktionierten nur im kleinen Rahmen.» Ausserdem gebe es Themen, die schon seit Birchmeiers Stellenantritt in der Region angepackt werden sollten. «Es fehlt bezahlbarer Wohnraum für ältere Menschen. Einige wollen aus ihren Häusern ausziehen, finden aber nichts Passendes oder haben schlichtweg das Geld nicht.» Gemäss einer Umfrage im Seniorenrat Brugg seien ausserdem nach wie vor die Sanierung des Neumarktplatzes, sichere Fusswege und eine Verbesserung der Beleuchtung anzugehen.

Was sich im vergangenen Jahrzehnt verändert habe, seien die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung. Birchmeier sagt: «Die Leute sind anspruchsvoller geworden. Man fordert heute mehr als früher.» Beispielsweise käme beim Mahlzeitendienst häufiger Kritik, dass zu wenig Abwechslung bestehe, oder bei den Kursen der Pro Senectute, dass diese zu teuer seien. «Ich denke, das Angebot hatte damals einen anderen Stellenwert. Bei meiner Mutter war das Turnen gleichzeitig Treffpunkt und man ging danach Kaffee trinken. Es war etwas Besonderes.»

Lesen ist das Steckenpferd von Dorothée Birchmeier

Ende Februar wird Dorothée Birchmeier die Leitung der Koordinationsstelle Alter an die ehemalige Habsburger Gemeinderätin Renate Trösch übergeben. Mit diesem Schritt tat sich Birchmeier schwer. Ihre beiden Jobs – die 59-Jährige ist ebenfalls Leiterin der Regionalbibliothek Klingnau – hätten sie lange absorbiert.

Die Idee, zu kündigen, wurde für Birchmeier erst im Lockdown im Frühling 2020 realistischer. «Ich dachte, in einem Jahr werde ich 60. Da möchte ich etwas machen, das mir noch Freude bereitet und bei dem ich gleichzeitig ein klares Ziel vor Augen habe – wie in der Bibliothek. Und Lesen ist mein Steckenpferd.» Ausserdem wolle sie mehr Zeit für Haus, Garten und Eltern haben sowie wieder vermehrt alte Kontakte pflegen.

Ein bisschen wehmütig wegen der baldigen Stellenübergabe ist Dorothée Birchmeier trotzdem. «Das tolle Netzwerk in der Region bleibt mir aber zum Glück.» Und für den schönen Ausblick aus dem Neumarkt 1 könne sie ja jederzeit wiederkommen.

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