Brugg
Die Armut in der Stadt Brugg wird sichtbar gemacht

Eine neue Stadtführung gibt Einblicke in das Leben von armutsbetroffenen Menschen in der Region.

Janine Müller
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Laienschauspieler Markus Fricker wird die Führung begleiten. zvg

Laienschauspieler Markus Fricker wird die Führung begleiten. zvg

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Armut ist oft nicht sichtbar. Dennoch existiert sie. Auch hier in der Stadt Brugg. Es sind Alleinerziehende, Familien mit drei oder mehr Kindern, Menschen mit fehlender Erstausbildung oder Migranten. «Armut zeigt sich, indem die Menschen, die mit wenig Einkommen leben und in prekären Lebenslagen sind, am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen können», sagt Betânia Figueiredo, Standortleiterin des Kirchlichen Regionalen Sozialdienstes (KRSD).

Wie viele Armutsbetroffene oder -gefährdete Menschen in der Stadt Brugg leben, ist nicht erhoben. Laut Aussagen des Bundesamts für Statistik und Caritas, dem Hilfswerk der katholischen Kirche, leben in der Schweiz 530 000 Personen in Armut. Das entspricht 6,6% der ständigen Wohnbevölkerung.

«Über eine Million Menschen sind gefährdet, in die Armut abzurutschen», führt Figueiredo aus. Nahezu jede achte Person in der Schweiz sei von Armut bedroht ist. Mehr als jede fünfte Person kann keine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken tätigen.

Mit dieser Armut praktisch täglich konfrontiert werden Betânia Figueiredo und auch Iris Bäriswyl vom Fachbereich Soziales der katholischen Kirchgemeinde Brugg. «Die meisten unserer Klienten leben unter oder am Existenzminimum», führt Figueiredo aus. «Einige erhalten Sozialhilfe, sind arbeitslos oder beziehen eine IV-Rente.

Viele aber sind Workingpoors und arbeiten Vollzeit. Dennoch leben sie unter dem Existenzminimum, möchten aber keine Sozialhilfe beziehen aus Angst vor den Folgen.» Entsprechend isoliert leben diese Menschen, sie nehmen nicht aktiv an der Gesellschaft teil. «Oft sind dann auch die Kinder die Leidtragenden», gibt Figueiredo zu bedenken.

«Sie haben keine Hobbys aufgrund der zu teuren Mitgliederbeiträge oder können nicht mit in das Skilager. Auch Freizeitaktivitäten wie die Badi oder ein Zoobesuch liegen nicht drin.»

Jede einzelne Geschichte gehe dem zuständigen Team nahe. Denn oft würden Einzelpersonen oder Familien aus unvorsehbaren Gründen wie Krankheit oder Unfall in die Armut geraten. «Jeder Fall ist einzigartig und individuell», sagt Figueiredo. Armutsrisiken seien auch Scheidung oder Familienzuwachs.

Mit einer neuen Art von Stadtführung will nun Caritas in sieben verschiedenen Städten die Armut sichtbar machen. Betânia Figueiredo und Iris Bäriswyl vom Fachbereich Soziales der katholischen Kirchgemeinde Brugg führen diesen Rundgang durch.

Sie berichten aus ihrer Arbeit und von ihren Erfahrungen mit der Armut. «Durch die Schauspieler Markus Fricker und Jasmin Johann erhält der Stadtrundgang ein besonderes Gesicht», sagt Figueiredo.

Geschichten, Zahlen und Fakten

Der Stadtrundgang besteht aus sechs Stationen. «Wir beginnen beim Eisi-Park und beenden den Rundgang vor der katholischen Kirche Brugg, wo sich auch unsere Büroräumlichkeiten befinden», hält Figueiredo fest.

Die Führung gebe den Besuchern einen Einblick in die Lebenssituation von armutsbetroffenen Menschen in der Region. Sie erfahren, was die Sozialarbeiterinnen in ihrer Arbeit antreffen und hören Geschichten dazu. Das ganze Thema wird mit Zahlen und Fakten unterlegt.

Figueiredo betont, dass die armutsbetroffenen Menschen einem hohen Leidensdruck ausgesetzt sind. «Wir haben als Gesellschaft einen wichtigen Auftrag. Auch in der Stadt Brugg und der Region leben Menschen in solchen Situationen.»

Mit den Stadtführungen wolle man auf diese Lebenssituationen hinweisen und dafür sensibilisieren. «Wir wollen aufzeigen, welche Konsequenzen der schleichende Sozialabbau mit sich bringt, und mit den Besuchern ins Gespräch kommen.»

Aus Figueiredos Sicht gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie armutsbetroffene Menschen unterstützt werden können. So brauche es für Alleinerziehende eine bezahlbare Kinderbetreuung, niederschwellige und gut zugängliche Beratungen sowie die Begleitung von jungen Erwachsenen, damit diese eine erste Berufsausbildung abschliessen können. Wichtig seien auch gleiche Bildungschancen für alle, Tagesstrukturen, Hausaufgabenhilfe und Lernförderung.

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