Brugg
Besondere Führung in Brugg handelte von Geschichten hinter Geschichte

Menschen statt Fakten. Schicksale statt Jahreszahlen. Wenn Stadtführungen so sind, springt der Funken über – wie am Samstag bei Johanna Zumstein.

Hans Christof Wagner
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Gespannt lauschen die Besucher den Ausführungen von Johanna Zumstein.

Gespannt lauschen die Besucher den Ausführungen von Johanna Zumstein.

Hans Christof Wagner

Wer könnte berufener sein, die Gruppe von mehr als 20 Interessierten durch Bruggs Gassen zu führen, als die Frau, die sich beim Treffpunkt Eisi-Kiosk stolz rühmt, einer Familie zu entspringen, deren Geschichte in Brugg zehn Generationen zurückreicht. Johanna Zumstein ist eine geborene Belart. Den Namen werden die Teilnehmer später noch einmal lesen und hören.

Sicher hat die Ankündigung von Tourismus Region Brugg die Leute neugierig gemacht. Dass es bei dieser Führung um «Geschichten aus dem Leben von Menschen» gehe und «keineswegs nur um nüchterne geschichtliche Fakten.» Aber Johanna Zumstein zählt dann doch erst einmal Jahreszahlen auf: 15 vor Christus Gründung der Legion, 1284 Stadtrecht, 1444 Brugger Mordnacht. Beim «Roten Haus» erzählt sie, dass dort einmal sogar ein Zar gespeist habe – 1815 Alexander I, ein «grosser Freund der Schweiz», wie sie anfügt.

Der Hugenotte aus Frankreich

Man wähnt sich schon in der falschen Führung, doch dann, in der reformierten Stadtkirche, die Wende: Dort ist von einem Claude Belart die Rede. Wie er 1642 Brugger Ortsbürger werden wollte, doch das protestantische Berner Sittenregiment das verhindern wollte. Beim Bad in der Aare hatten sie ihn vorher erwischt, beim Würfeln im Wirtshaus und beim Küssen einer Frau auf offener Strasse. Doch als sie hörten, dass er Hugenotte aus Frankreich war und damit ein Glaubensflüchtling – alles vergeben und vergessen: Der Vorfahre konnte Ortsbürger werden. Und so lebten die Belarts in Brugg, über acht Generationen im Haus zum Güggel in der Hauptstrasse. Eines der Kirchenfenster zeigt das Familienwappen: eine Taube.

Stadtführung durch Brugg Beim Eisi-Kiosk begann die Stadtführung mit Johanna Zumstein.
11 Bilder
Stadtführung durch Brugg Stadtführerin Johanna Zumstein freute sich über eine grosse Zahl an Teilnehmern.
Stadtführung durch Brugg Auch beim "Roten Haus" machte die Gruppe Halt.
Stadtführung durch Brugg Im Haus Zum Güggel wohnten die Belarts über mehrere Generationen.
Stadtführung durch Brugg Am alten Schulhaus mit seiner prächtigen Fassade erklärte Johanna Zumstein die Inschriften.
Stadtführung durch Brugg Im Haus zum Roten Bären lebte die Familie Jäger.
Stadtführung durch Brugg In der reformierten Stadtkirche konnten die Teilnehmer sich auch einmal setzen.
Stadtführung durch Brugg An einem der Kirchenfenster prangt das Familienwappen der Belarts.
Stadtführung durch Brugg An einem der Kirchenfenster prangt das Familienwappen der Belarts.
Stadtführung durch Brugg Ein Führungsteilnehmer zeigt das Porträt von Carl Samuel Jäger, einem angesehenen Brugger Bürger.
Stadtführung durch Brugg Hermann Jäger wanderte im 19. Jahrhundert nach Amerika aus.

Stadtführung durch Brugg Beim Eisi-Kiosk begann die Stadtführung mit Johanna Zumstein.

Hans Christof Wagner

Auch das Wappen der Familie Jäger prangt an einem der Kirchenfenster. Diese lebten gegenüber vom Haus Güggel, im Roten Bären. 1870 wurden die Belarts und die Jägers eins, als Johanna Zumsteins Urgrossvater Marie Jäger heiratete. 2011 brachte diese Liaison der Familie ungeahnte Ehren ein. Als Nachfahren des «Retters des europäischen Weinbaus» waren Johanna Zumstein und Bruder Peter Belart zu einer Ausstellungsvernissage in Neosho/Missouri eingeladen.

Nach Neosho waren die Brüder Maries, Hans und Hermann Jäger, im 19. Jahrhundert ausgewandert und betrieben dort Landwirtschaft. «Hermann war der Tüftler der Familie und züchtete in Amerika Rebsorten, die gegen die Reblaus resistent waren», erzählt die Stadtführerin. Nach Europa exportiert sicherten diese dort die Existenz Tausender von Winzern. 1888 verlieh Frankreich Hermann den Orden «La Croix de Chevalier du Mérite Agricole». Zu Reichtum und Glück brachten es die Brüder in Amerika dennoch nicht. Die Prohibition versauerte ihnen das Weingeschäft. So nahmen sich beide das Leben.

Brugg und Amerika

Selbstmord, Tuberkulose, spanische Grippe – die Geschichte der Familie Belart-Jäger hat alles, was das Publikum an diesem Samstagnachmittag fesselt. «Sie ist nicht unbedingt reich an Happy Ends», sagt die Stadtführerin. Aber wie keine Zweite verwebt sie das Lokale mit dem Globalen, Brugg mit Amerika. Sie hat der Familie Belart-Zumstein mit den Nachfahren der beiden unglücklichen Amerika-Auswanderer neue Freunde beschert. Und sie kann mit Johann Heinrich Pestalozzi einen echten Promi vorweisen.

Teilnehmerin Claudia Mayr ist nach 90 Minuten fast traurig, dass die Führung zu Ende ist. Für sie, vor anderthalb Jahren zugezogen und sehr interessiert an Historie, steht die eigene Familiengeschichte in Brugg erst noch am Anfang.

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