Beinwil am See
Nimmt Beinwil das schnelle Geld? Der Verkauf der Elektrizitätsversorgung steht wieder in Diskussion

Es gibt sehr unterschiedliche Angebote von AEW und EWS. Der Gemeinderat beantragt jetzt an der Gemeindeversammlung vom 11. Juni, das AEW-Angebot anzunehmen.

Urs Helbling
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Beinwil am See besitzt heute eine eigene Elektrizitätsversorgung (30.12.2020).

Beinwil am See besitzt heute eine eigene Elektrizitätsversorgung (30.12.2020).

Michael Küng

Eines ist klar: Für Beinwil am See hat es sich schon ausbezahlt, dass der Souverän im November die Verpachtung der gemeindeeigenen Elektrizitätsversorgung an die CKW abgelehnt hat. Denn die beiden alternativen Anbieter haben zwischenzeitlich ihre Angebote nachgebessert. Nicht so klar ist, welches der zwei Angebote vorteilhafter ist: dasjenige der AEW (Aarau) oder dasjenige der EWS Energie AG (Reinach).

Das AEW würde sofort 9 Millionen Franken überweisen (im November noch 8,5 Mio. Fr.). Etwas komplizierter ist das Angebot der EWS: Beinwil am See bekäme 5,6 Millionen Franken. Gut 3 Millionen Franken in Form von Aktien (mit der Aussicht auf eine Dividende von 40'000 Fr. jährlich). Dazu gäbe es eine Abschlagszahlung von 2,57 Millionen Franken (im November 1,17 Mio. Fr.).

Der Strompreis als Argument gegen das AEW

Der Gemeinderat beantragt jetzt an der Gemeindeversammlung vom 11. Juni, das AEW-Angebot anzunehmen. Es ist so etwas wie die kurzfristige Vergoldung des Tafelsilbers. Das AEW ist bereits Lieferant in Boniswil, Seengen und Meisterschwanden. Sein Angebot hätte für den Gemeinderat Beinwil am See den Nachteil, dass er jegliches Mitbestimmungsrecht beim Strompreis verlieren würde (bei der EWS gäbe es neben Aktien einen Sitz im Verwaltungsrat mit Einfluss auf die Strompreisgestaltung). Der Wert der EV Beinwil wird mit 4,2 Millionen Franken angegeben. Das AEW wäre also bereit, 4,8 Millionen Franken Goodwill zu zahlen. Ein Rückkauf der EV (zum Substanzwert) wäre frühestens in 25 Jahren möglich, was faktisch nichts anderes heisst, als dass das AEW den Goodwill in dieser Zeit hereinzubekommen hofft – über den Strompreis.

Als Zückerchen verspricht das AEW den Böjuern in den ersten zwei Jahren einen Tarif, der dem aktuellen Tarif ihrer EV entspricht (in Beinwil ist der Strom billiger als in den AEW-Gemeinden). Beim EWS-Angebot wäre ein Rückkauf durch die Gemeinde bereits nach zehn Jahren möglich: Zum Preis, der heute in Form von Aktien und Geld fliessen soll (5,7 Mio. Fr.).

Der EWS-Strom ist aktuell günstiger als der EV-Strom. Gesamthaft macht die Differenz gemäss EWS-Berechnung alleine dieses Jahr etwa eine halbe Million Franken aus. Weil der EWS-Strom traditionell zu den günstigsten im Aargau gehört, ist davon auszugehen, dass es auch in Zukunft eine Differenz geben wird – was für die Stromkonsumenten unter den Stimmbürgern durchaus ein Argument sein kann. Der Gemeinderat führt in der Vorlage einen weiteren Aspekt ins Feld: die Gemeindefinanzen. Diese könnten angesichts der geplanten grossen Investitionen eine Geldspritze durchaus brauchen. Von den 9 AEW-Millionen würden 4,2 Mio. Fr. für einen Rückkauf der EV in ferner Zukunft auf ein Sperrkonto einbezahlt. Der Rest stünde sofort zur Verfügung. Es ist dieses finanzpolitische Argument, das in den Augen des Gemeinderates den Ausschlag für das AEW-Angebot gibt.

Um was es am 11. Juni in Beinwil sonst noch geht:

Übersicht:

Beinwil am See hat aktuell einen Steuerfuss von 102 Prozent und eine Nettoschuld von 1829 Franken pro Einwohner. Die Rechnung 2020, die statt mit der budgetierten schwarzen Null mit einem Ertragsüberschuss von 0,92 Millionen Franken abgeschlossen werden konnte, muss noch von der Gemeindeversammlung genehmigt werden. Weitere Geschäfte sind am 11. Juni zwei Kanalisationskredite (Dankensberg und Nägelistrasse) im Umfang von 0,64 Millionen Franken. Schliesslich geht es um die Gemeinderatsentschädigung in der nächsten Legislatur, welche unverändert bleiben soll: Gemeindeammann 32'000 Franken, Gemeinderäte je 17'000 Franken.