Baden
Villa Schnebli muss Baustelle weichen: Geschichtsträchtiges Haus verschwindet aus der Stadt

1909 liess Biscuit-Fabrikant Ernst Schnebli sein Wohnhaus an der Haselstrasse in Baden bauen. Jetzt wird es abgerissen, um der Baustellenzufahrt für den Umbau des Postareals Platz zu machen.

Andreas Fahrländer
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Die Villa Schnebli neben dem «Royal»: 2017 und 1925 – mit dem Festumzug zur Aargauischen Gewebeausstellung.

Die Villa Schnebli neben dem «Royal»: 2017 und 1925 – mit dem Festumzug zur Aargauischen Gewebeausstellung.

Fotomontage/Historisches Museum Baden, Fotohaus Zipser

Dem stattlichen Haus an der Haselstrasse 11 hat bald das letzte Stündlein geschlagen. Wenn im Sommer die Bauarbeiten für den Umbau des Badener Postareals losgehen, wird das Haus mit dem geschwungenen Giebel, dem Erker und dem eleganten Balkon dem Erdboden gleichgemacht.

In der Stadt gibt es das Gerücht, dass dieses Haus das erste Badener Postbüro gewesen sei. Das ist falsch: Das erste richtige Postgebäude lag ab 1880 am Bahnhofplatz neben der reformierten Kirche, wo jetzt gerade die Gelateria Mona Lisa umgebaut wird.

1931 liess die Post – an der Stelle des früheren Chalet-Restaurants Berna – vom Badener Architekturprofessor Karl Moser die neue Hauptpost am Bahnhof im Stil der Neuen Sachlichkeit bauen.

Das Haus an der Haselstrasse 11 war dagegen eine Fabrikantenvilla: Als 1906 Adolf Schnebli, der Patron der Badener Biscuit- und Kräbelifabrik Schnebli stirbt, zieht sein Sohn Adolf II. in die väterliche Direktorenvilla neben der Fabrik im Kappelerhof.

Sein Bruder Ernst wünscht sich als Mitbesitzer der Fabrik ebenfalls ein standesgemässes Eigenheim, das Architekt Mierer für ihn und seine Frau Emma (aus der Falkenbräu-Dynastie Welti) 1909 an der Haselstrasse baut. Die Familie zieht hier einen Sohn und vier Töchter gross. Hinter dem Haus gibt es einen grossen Garten.

Letzter Zeuge der Biscuit-Dynastie

Ernst Schnebli ist als Kaufmann für den Verkauf, die Werbung und die Finanzen der «Confiserie- und Biscuit-Fabrik A. Schnebli und Söhne» zuständig. Das Geschäft mit Waffeln, Biscuits und Bonbons floriert über Jahrzehnte. 1934 übernimmt Ernsts Neffe Paul Louis die Leitung des Unternehmens. Ernst engagiert sich weiter für die Firma, bis er 1955 stirbt.

Das Haus an der Haselstrasse vermietet Ernst Schnebli ab 1932 an den Kohlen- und Getränkehandel Schneider & Haenggli, die hinter dem Haus ein Kohlenmagazin einrichtet und es als Wohnsitz für die Besitzerfamiliee Schneider nutzt.

Nach 1970 geht es rasant abwärts mit dem wirtschaftlichen Erfolg, 1972 wird der Konkurs angemeldet. Im Juni 1976 sprengen Luftschutztruppen die Fabrik im Kappelerhof mit 30 Kilo Sprengstoff. Im selben Jahr wird die Villa an der Haselstrasse an die Post verkauft.

Heute erinnert nur noch die Kräbelistrasse im Kappelerhof an das Unternehmen. Wenn nun im Sommer das Haus an der Haselstrasse fällt, bleibt vom einst blühenden Badener Zuckerbäckerunternehmen Schnebli nicht viel mehr als ein Strassenschild übrig.

Auf dem Nachbargrundstück an der Haselstrasse wurde vier Jahre nach der Villa Schnebli das Kino Radium als erstes Badener Kino gebaut. 1912 entwirft es der Architekt Arthur Betschon – nach den strengen «Vorschriften über Einrichtungen und Betrieb von Kinematographen in der Gemeinde Baden».

Das «Radium» hatte 400 Sitzplätze, eine moderne Lüftung und Zentralheizung. 1935 liess es Eugen Sterk umbauen und nannte es fortan «Royal».

Im November 2010 reichte die Zuriba AG aus Möhlin, der mittlerweile das ganze Postareal gehört, auch ein Abrissgesuch für das «Royal» ein – es sollte durch 13 Parkplätze ersetzt werden. Dank viel Herzblut und Engagement des Vereins Royal Baden und des jetzigen Trägervereins Kulturhaus Royal konnte das erste Badener Kino gerettet werden – anders als sein Nachbarhaus.

In einer früheren Version dieses Artikel stand, dass die Villa Schnebli bis zum Verkauf 1976 von der Familie Schnebli bewohnt wurde. Richtig ist aber, dass hier von 1931 bis 1973 die Kohlen-, Holz-, Mineralwasser- und Süssmosthandlung Schneider & Haenggli untergebracht war und das Haus zu dieser Zeit auch als Wohnsitz der Familie Schneider diente.

Historische Bilder aus Baden:

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So sah es am Schulhausplatz im Juli 1814 aus. Der Abbruch des «Mellingerturms», des Oberen Tors am Cordulaplatz (damals hiess er noch Paradiesplatz), wurde 1874 wie ein Fest gefeiert. Der Durchbruch sollte Luft und Licht in die Altstadtgassen bringen.
So sah es vor der Bahnverlegung aus: Durch den engen Schlossbergtunnel fuhr seit 1847 die Spanischbrötlibahn nach Zürich. Die Häuser vor dem Cordulaplatz wurden beim Bau des Strassentunnels abgerissen.
Als die Dampflok noch über den Platz fuhr und die Schiebebarrieren von Hand geschlossen wurden: Eine Postkarte von Baden um 1900. Der Gasthof zum Glas (rechts neben der Bahn) brannte 1960 ab, die Reben am Schlossberg wurden zu Bauland. Der Obeliskenbrunnen steht jetzt wieder an seinem Platz.
Der Kurpark in Baden war auch schon 1890 ein lauschiges Plätzchen, das zum Verweilen einlädt.
Baden, die Holzbrücke und der Bergsturzkopf um 1906.
Baden von Süden im Jahr 1913. Im Vordergrund der rauchende Schlot der Firma Merker.
Diese Postkarte zeigt das ehemalige Landvogtei-Schloss um ca. 1915.
Baden mit Lägern 1913: Als der Lägernhang noch völlig unbebaut war.
Das Brauerei-Gasthaus Falken gab der Barriere ihren Namen. Das Hotel musste schon 1957 weichen. Die 1850 erbaute Brauerei wurde erst 2004 durch den Neubau ersetzt, in dem sich heute das Bezirksgericht befindet.
Ein letztes Mal fällt die Falkenbarriere: Die Bahn brachte Wohlstand und Arbeitsplätze nach Baden. Aber auch viele Stunden mühsamen Wartens. Die Erleichterung war deshalb gross, als von 1957 bis 1965 der «neue» Schulhausplatz gebaut wurde.
Verstopfte Weite Gasse im Jahr 1960 mit Velo- und Buskolonnen. Das abgebrannte Restaurant Glas erlaubt die Datierung. Am oberen Bildrand das Schulhaus, das dem Platz seinen Namen gab.
Der Tunnelbogen des alten Bahntunnels steht noch, der Strassentunnel durch den Schlossberg ist schon betoniert. Der Ennetbadener Fotograf Werner Nefflen kam 1962 gerade noch rechtzeitig, um diesen denkwürdigen Augenblick festzuhalten. Rechts montiert ein Arbeiter die Sprengladung.
Als es in der Altstadt noch Handwerker gab: Der Sattler Mühlebach hatte seine Werkstatt in der Weiten Gasse und arbeitete gerne draussen. Hier zusammen mit den Pferden der Brauerei Müller am Schulhausplatz.
Der Bahnwärter hat ausgedient: Im September 1961 wurde die «Bahnverlegung» vollzogen, zumindest von der Eisenbahn war der Schulhausplatz befreit. Sie fuhr ab dann durch den grossen Bahntunnel.
Baden um 1919: im Vordergrund die mittelalterliche Brückenstadt, das moderne Baden liegt links.
Verkehr anno 1961: Im Hintergrund sieht man die alte Cordulapost mit dem Bild des abgebrochenen Mellingerturms. Rechts daneben der legendäre Lebensmittelladen Moneta. Die beiden Häuser wurden 1984 durch die neue «Porta Moneta» ersetzt.
Blick auf das Bahnhofquartier 1919. Der Badener Bahnhof zählt zu den ältesten des Landes. Er wurde 1847 als Endstation der Spanisch-Brötli-Bahn eröffnet.
Blick von oben auf die Hochbrücke und das Kleinkraftwerk Aue zwischen 1918 bis 1937.
Eine Postkarte von 1923, die den Kursaal Baden zeigt.
Eine weitere Postkarte vom Kurpark Baden aus dem Jahr 1926.
Blick in die Halle II des BBC-Gebäudes im Jahr 1926.
Blick auf die Ruine Stein um ca. 1930.
Im Jahr 1930 war der Löwenbrunnen bereits 108 Jahre alt.
Eine Postkarte des Kursaales datiert auf das Jahr 1936.
So sah die Badener Altstadt 1942 aus.
Limmat abwärts von der neuen Hochbrücke im Jahr 1942.
Limmat aufwärts von der neuen Hochbrücke im Jahr 1942.
Die Badener Altstadt 1945. Der Strassenverkehr wurde erst später aus der Altstadt verbannt. In der Badstrasse (links im Bild) entstand 1972 im Zuge des Bahnhofumbaus die erste Fussgängerzone der Schweiz.
Die Badener Altstadt im Jahr 1945, links im Bild die Hochbrücke, die 1926 eröffnet wurde.
Blick auf die Schiefe Brücke 1949, die Baden mit Ennetbaden verbindet. Sie wurde 1874 eröffnet und ist seit 2006 für den motorisierten Individualverkehr gesperrt.
Das 1963/64 erbaute Thermalbad im Jahr 1969.
Hier wurde fast 40 Jahre lang fröhlich geplanscht – gegen Ende des 20. Jahrhunderts gerieten die Bäder in eine Krise.
Baden 1970 von oben aus süd-östlichem Blickwinkel. Im Bild: das Stadtzentrum, der Elektrotechnikkonzern Brown Boveri & Cie. (BBC, später ABB), die Hochbrücke und das Terrassenschwimmbad.
Baden 1980 von Südwesten. Im Bild: das Stadtzentrum, der Schulhausplatz, die Ruine Stein und der Schlossbergtunnel.
Baden 1980 von Osten. Im Bild: Die Altstadt, die Hochbrücke, die Limmat, rechts im Bild der Elektrotechnikkonzern BBC.
Baden 1987 von Westen. Im Bild: die Stadtkirche, das Stadtzentrum und die Kreuzung Schulhausplatz.
Ein Blick in die Mittlere Gasse im Jahr 1988.

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