Bereits im April berichtete die «Basellandschaftliche Zeitung» über die Senevita-Pflegeheime Sonnenpark in Pratteln und Erlenmatt in Basel. Ehemalige Mitarbeitende kritisierten die dortigen Zustände. Auch Angehörige eines Bewohners des Spreitenbacher Senevita-Heims Lindenbaum äusserten damals Kritik. Nun mehren sich die Vorwürfe gegen das Pflegeheim: Gegenüber dem «Badener Tagblatt» äussern sich zwei ehemalige Mitarbeitende wie auch eine Angehörige.

Paola Tanner, deren 89-jährige Mutter im Senevita Lindenbaum lebt, findet deutliche Worte: «Diese desaströsen Zustände müssen publik gemacht werden.» Sie hat sich bereits in verschiedenen Medien über den Fall ihrer Mutter geäussert, bisher blieb das Heim aber ungenannt. Seit der Eröffnung des Heims 2014 lebt Tanners Mutter im Senevita Lindenbaum. Nach einem Sturz Ende des letzten Jahres habe ihre Mutter immer schlechter gehen können, was dem Pflegepersonal aber nicht aufgefallen sei.

«Zwar wurde ihr Ellenbogen kurz nach dem Sturz verarztet, doch man hätte merken müssen, dass sie auch Rückenschmerzen hat, die immer schlimmer werden, weshalb sie kaum mehr laufen konnte. Spätestens dann hätte das Pflegepersonal den Arzt nochmals konsultieren müssen.» Sie habe daraufhin die Stationsleitung darüber informiert, doch es dauerte ihr zu lange, bis etwas geschah. Als der Zustand ihrer Mutter nicht mehr tragbar gewesen sei, habe Tanner die Seniorin zu ihrem Hausarzt ausserhalb des Pflegheims und danach ins Röntgeninstitut Baden gebracht. «Dort stellte man fest, dass meine Mutter einen Lendenwirbel angerissen hatte, was bei eben jenem Sturz passiert war.»

Tanners Mutter ist kein Einzelfall. Eine ehemalige Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, berichtet von einem Bewohner mit hohem Fieber, der ungenügende ärztliche Versorgung erhalten habe. Als die Angehörigen die Stationsleitung darauf ansprachen, hiess es, ein Arzt habe den Bewohner untersucht und es bestehe kein Grund zur Sorge. «Die Angehörigen riefen daraufhin den Hausarzt an, der vorbeikam und den Bewohner gleich in die Notaufnahme schickte, wo eine Lungenentzündung und eine Blutvergiftung festgestellt wurden.» Der Mann müsse heute mit einer Sauerstoffflasche leben. «Das hätte man verhindern können, weil der Mann eine hohe Pflegestufe hat und somit gut betreut hätte sein müssen», sagt die Ex-Mitarbeiterin.

Heim: «Vorwürfe sind unwahr»

Auf Anfrage sagt die Geschäftsführerin des Senevita Lindenbaum, Nadia Khiri: «Diese Vorwürfe sind unwahr und machen mich sehr betroffen.» Die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner seien das oberste Ziel des Pflegeheims. Senevita-Mediensprecherin Daniela Flückiger erklärt, dass einzelne Fälle von Bewohnerinnen und Bewohnern wegen des Persönlichkeitsschutzes nicht kommentiert werden können. «Allerdings haben unsere Bewohner freie Arztwahl und der hausinterne Arzt im Pflegeheim kümmert sich kompetent um Patienten, die sich bei ihm behandeln lassen.»

Zu wenig Zeit für Körperhygiene

Die ehemalige Mitarbeiterin berichtet auch von Bewohnern, «die man morgens nackt und eingenässt oder sogar verstuhlt vorfindet, weil es zu wenig Pflegepersonal in der Nacht gibt». Überhaupt gebe es viel zu wenig Personal für die Bewohner. «Wir konnten die Bewohner morgens gar nicht richtig waschen, weil dafür zu wenig Zeit blieb», erzählt eine weitere ehemalige Mitarbeiterin. Auch sie will anonym bleiben. «Es ist wirklich tragisch und ich frage mich, wie ein Pflegeheim so schalten und walten kann.» Es gebe Fälle, in denen Bewohner, die noch fit sind, die unselbstständigen Heimbewohner betreuen würden. «Sie helfen diesen Bewohnern teils beim Gang zur Toilette oder bringen sie sogar zu Bett.»

Die chronische Unterbelegung zeige sich auch bei den Lernenden und Praktikanten: «Sie müssen Arbeiten übernehmen, für die sie nicht qualifiziert sind», sagt eine der beiden ehemaligen Angestellten. Beim übrigen Pflegepersonal komme es vor, dass Angestellte acht oder gar neun Tage am Stück arbeiteten. «Viele sind am Anschlag, werden aggressiv oder depressiv deswegen», sagt eine der beiden Frauen.

Die Vorwürfe von zu wenig Personal weist Senevita von sich. «Wir sind nicht perfekt, aber wir halten uns an die Vorgaben des Kantons und liegen punkto Personal in der Regel sogar drüber», sagt Flückiger. Diese würden vom Departement Gesundheit und Soziales regelmässig und unangemeldet kontrolliert. «Kein Mitarbeiter arbeitet mehr als sechs Tage am Stück. Nachts arbeiten zwischen drei und vier Personen auf den sechs Stationen.» Geschäftsleiterin Khiri ergänzt: «Wenn wir von Vorfällen und Zuständen, wie sie von den ehemaligen Mitarbeitenden beschrieben werden, Kenntnis hätten, würden wir umgehend handeln und diese beseitigen.»

Schweigen für den Job

Die ehemalige Angestellte erzählt auch, wer die Zustände kritisiert, werde gemobbt, mit der Kündigung bedroht oder entlassen. Ein Beispiel: «Wer vom Stationsleiter gemocht wird, erhält pflegeleichte Patienten, wer Kritik äussert oder Probleme anspricht, erhält die pflegeintensiven Patienten.» Viele würden schweigen, weil sie auf den Job angewiesen seien.

Auch diese Kritik lässt das Heim nicht unbeantwortet: «Unsere jährlich durchgeführte Mitarbeiterumfrage zeigt uns ein anderes Bild: Unsere Mitarbeitenden arbeiten gerne und mit Stolz für uns und im Pflegebereich. Erfahren wir von Verstössen oder Ungereimtheiten, gehen wir diesen umgehend nach und beheben sie. Die Mitarbeitenden sind uns sehr wichtig.» Sie seien Augen und Ohren im Betrieb. «Wenn sie uns auf etwas hinweisen, nehmen wir das ernst und greifen die Themen umgehend auf.»