Neuer Laden
In Zeiten der Globalisierung sind Messer Massenware – nicht so in Turgi

Anfang Jahr eröffneten Oti Locher und Geri Stutz den Messerladen «Lost Knives» in Turgi – nach der Pensionierung. Die Freude am archaischen Werken und die persönlichen Kontakte treiben sie an.

Rahel Künzler
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Messerladen «Lost Knives» in Turgi: Funken sprühen, wenn Geri Stutz das Stahlstück für die Klinge ans Schleifband hält.

Messerladen «Lost Knives» in Turgi: Funken sprühen, wenn Geri Stutz das Stahlstück für die Klinge ans Schleifband hält.

Sandra Ardizzone

Wer jemandem ein Messer schenkt, zerschneidet das Band der Freundschaft – so lautet ein altes Sprichwort. Bei Geri Stutz und Oti Locher trifft das Gegenteil zu: In über 40 Jahren Freundschaft schenkten sie sich unzählige Messer. Grosse und kleine mit Klingen in allen Formen. Outdoor-Messer und solche zum Kochen. Einzelanfertigungen, keine Industrieware, versteht sich. Jetzt sind die beiden Pensionierten noch einen Schritt weitergegangen: Seit zwei Jahren machen sie selbst Messer und verkaufen diese seit Anfang 2021 im eigenen Laden «Lost Knives» in Turgi. «Lost» steht dabei für Locher und Stutz.

Oti Locher präsentiert ein Küchenmesser aus der Kollektion.

Oti Locher präsentiert ein Küchenmesser aus der Kollektion.

Sandra Ardizzone

Jeder hat ein Messer zu Hause. Doch: «Die meisten Leute haben Küchenmesser, mit denen man gerade Mal sauber ein Stück Butter schneiden kann», sagt Geri Stutz und lacht. «Schneidegeräte haben mich schon als Kind fasziniert.» Mit der Handwerkerlehre und der langjährigen Tätigkeit als Baumeister hätte er sich zunehmend dafür interessiert, wie sie für verschiedene Zwecke hergestellt und eingesetzt werden. Stutz sagt:

«Messer machen ist eigentlich das Einfachste auf der Welt. Man braucht ein Stück Stahl und Holz für den Griff.»

Aber wie mit allem: Wenn man sich näher damit auseinandersetze, werde es immer komplizierter.

Lieber ein Messerladen statt Kreuzfahrt oder Ferienhaus

Statt weiter Messer zu kaufen und mehr übers Kunsthandwerk nachzulesen, entschieden sich Locher und Stutz 2019 für «Learning by Doing» – also Messer selbst herzustellen und sie im eigenen Laden zu verkaufen. Bei einem Messerschmid in Hessen in Deutschland erlernten sie die nötigen Handgriffe. Tage hätten sie verbracht, um über den Zweck jedes einzelnen Schrittes zu diskutieren. Und: üben, üben, üben.

Im ehemaligen Coiffeurlokal beim Gasthof Killer an der Bahnhofstrasse fanden die Turgemer den perfekten Ort für ihren Messerladen. Gemeinsam investierten sie unzählige Stunden, um das Lokal innen komplett zu sanieren und zur Werkstätte umzubauen. Die Kosten für die Maschinen seien Luxusausgaben, sagt Locher. «Ich habe Kollegen in meinem Alter, die jetzt auf Kreuzfahrt gehen oder sich ein Ferienhaus leisten.» Das brauche er nicht.

Stundenlang Messer schleifen – das ist Meditation

Die Klinge zuschneiden. Grobschliff. Feinschliff. Härten. Polieren. Den Griff schleifen, bis er perfekt in die Hand passt. Stutz sagt:

«Messer machen ist etwas Archaisches. Das passt zu uns.»

Stundenlang an der Schleifmaschine zu stehen, sei aber extrem anstrengend. Mehrere Tage brauchen die frisch gelernten Messermacher, um ein einzelnes Messer herzustellen. «Das machst du nur, wenn etwas Persönliches drin steckt», so Stutz.

Die Schleifarbeit sei für ihn fast wie Meditation, sagt Locher. Den Fokus zu halten, gelinge aber nicht immer. An manchen Tagen stelle er die Maschine gleich wieder ab. Das sei das Schöne: «Wir haben schon genug gearbeitet, wir ‹müssen› gar nichts.» Beim gemeinsamen Espresso über Gott und die Welt zu plaudern, gehöre genauso dazu.

Die Rohmaterialien: Ein Stück Stahl für die Klinge und Holz für den Griff – in diesem Fall Pappel.
5 Bilder
Stundenlang schleift Geri Stutz die Klinge, bis sie an der Spitze nur noch einen halben Millimeter dick ist.
Mit dieser Maschine werden besondere Formen, etwa die Rundung hinten am Griff, geschliffen.
Bei bis zu 1200 Grad wird der Stahl im Spezialofen gehärtet.
Auch das Holz für den Griff muss perfekt in Form geschliffen werden.

Die Rohmaterialien: Ein Stück Stahl für die Klinge und Holz für den Griff – in diesem Fall Pappel.

Sandra Ardizzone / BAD

Kundinnen und Kunden schätzen Einzelanfertigung

In der Musterkollektion von «Lost Knives» gibt es verschiedene Modelle: Rüstmesser, ein kleines und ein grosses Küchenmesser sowie Outdoor- und Jägermesser. Je nach Grösse und Materialien kostet ein Messer zwischen 100 und 350 Franken, etwa gleich viel wie ein Qualitätsmesser im Fachhandel. Im Preis seien nur die Kosten fürs Material und weitere Fixkosten enthalten – plus quartalsweise ein Abendessen in einer guten Beiz.

Die meisten Kunden hätten den Laden im Vorbeigehen entdeckt. Nach ausführlichen Gesprächen würden viele einen Termin für ihr ganz persönliches Messer abmachen. «Jeder braucht das Messer anders», so Locher.«Unsere Kunden schätzen, bei uns ein handgefertigtes, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Messer kaufen zu können.»

Das grosse und das kleine Küchenmesser aus der «Lost Knives»-Kollektion. Für ein Messer arbeiten Locher und Stutz mehrere Tage.

Das grosse und das kleine Küchenmesser aus der «Lost Knives»-Kollektion. Für ein Messer arbeiten Locher und Stutz mehrere Tage.

Sandra Ardizzone