Kultur

Kurtheater Baden: Das Haus spielt eine Hauptrolle – und ist ein Ort zum Verlieben

Luftig-leicht und vielseitig bespielbar: Das renovierte Kurtheater Baden ist schon jetzt ein Ort zum Verlieben. Im Oktober wird eröffnet.

Der Shakespeare-Spruch auf dem Programmheft wirkt heiter-versöhnlich und ironisch zugleich: «Ein jedes Ding hat seine Zeit», steht da in grossen Lettern, ein Zitat aus Shakespeares «Komödie der Irrungen». Zwei Jahre hat der Umbau des 1952 von der Architektin Lisbeth Sachs erbauten grössten Aargauer Theaterhauses gedauert. Und bis es so weit war, hat es an diesem Ort so manche Irrung gegeben. Man rang mit der Denkmalpflege, die eine ursprünglich geplante Vergrösserung des Sachs-Foyers erst akzeptierte und dann ablehnte, man rang mit den Anwohnern, welche gegen die Höhe der neuen Hinterbühne prozessierten.

Zehn Jahre zu spät ist er trotzdem Realität geworden, der Entwurf der Zürcher Architekten Elisabeth und Martin Boesch. Am 14. Oktober wird hier mit einer feministischen und viel geloben Version von Frank Wedekinds «Lulu» des Residenztheaters München feierlich eröffnet.

Filigraner, heller, freundlicher

Der erste Rundgang durchs Haus lässt einen bezaubert zurück. Der unter Denkmalschutz stehende Bau kommt wesentlich filigraner und heller daher. Lindgrüne Farbflächen wechseln sich ab mit hellgrauem Beton und dem auch schon im historischen Bau verwendeten Ulmenholz.

Die Idee der Architekten, das Neue mit dem Bestehenden zu verbinden, ist vollauf gelungen. Die alten Schminktische, die Aufbewahrungsschränke oder die Garderobentische aus Holz wurden saniert und fügen sich harmonisch in die Räumlichkeiten des neuen Anbaus.

Die biederen roten Sitzpolster des auf 599 Sitzplätze reduzierten Zuschauerraums wurden grau gepolstert, ein schlankes Regiepult aus Holz ziert den Zuschauerraum und ein mutiger violetter Bühnenvorhang gibt der traditionellen Guckkastenbühne ein neues Flair.

Im neu doppelverglasten Sachs-Foyer erstrahlt der über Fotos rekonstruierte originale Kronenleuchter. Jackenpflicht im Winter und schlechte Akustik sind hoffentlich passé. Hier öffnet sich die Sicht auf das ebenfalls frisch sanierte Amphitheater im Kurpark. Die optischen Highlights sind aber definitiv das neu doppelt so grosse Foyer mit seiner spiegelnden, unebenen Holzdecke sowie die in der Hinterbühne befindliche neue Probebühne, deren Glasfront umwerfenden Blick auf die grüne Nachbarschaft freigibt.

Die tintenblau eingefärbten Betonwände geben dem Raum, der künftig auch als Spielort funktionieren soll, eine gewisse Eleganz. Hier soll schon ab August geprobt werden. Die Tanzproduktion des in Wettingen beheimateten Tänzerpaars Neel Jansen und Graciela Arribas Martinez («Perceptions») soll hier Premiere feiern.

Das Kurtheater verfügt dank dieser Raumerweiterungen neu über vier sehr charmante Spielstätten. Neben dem um elf Plätze geschrumpften Theatersaal (599) hat man mit der bespielbaren Probebühne für rund 50 Zuschauer, dem verdunkelbaren neuen Foyer (120 Zuschauer) und dem im Aussenbereich befindlichen, neu sanierte Amphitheater auch Orte für kleinere Formate wie Lesungen, Poetry Slams, Konzerte oder Comedy-Formate, wie der neue künstlerische Direktor Uwe Heinrichs beim Rundgang erklärte. Somit ist das Kurtheater seinem Ziel, nicht nur Gastspielhaus, sondern auch Produktions- und Koproduktionshaus zu sein, ein Stück weit näher gerückt.

Tanz wird neuer Schwerpunkt

Eröffnet wird Mitte Oktober mit einer «Ouvertüren»-Woche. Gespielt werden neben Klassikern auch viele zeitgenössische Stücke mit gesellschaftspolitischem Sprengstoff. Der Abend «Respect!» des Theater Rigiblick Zürich präsentiert mit Hits von Aretha Franklin bis Tina Turner eine geladene Portion Black Power.

Die Sparte Tanz wurde ähnlich wie bei der Bühne Aarau mit neun Produktionen gestärkt, Vermittlungsprogramme und das Workshopangebot für Kinder und Jugendliche ausgebaut. So dürfen ab Herbst 2020 Jugendliche aus bildungs- und kulturfernen Hintergründen im Proberaum sich im Projekt «Kids in Dance» tanzend neu erfinden. Insgesamt sind rund 40 Produktionen programmiert.

Die erste Eigenproduktion fällt dieses Jahr bescheiden aus. Geplant ist ein Liederabend von Schauspieler Andreas Storm, eine Blütenlese der schlechtesten Songs der letzten Jahre.

Noch ist offen, ob die Vermietung an Fremdveranstalter, die rund die Hälfte des 800000 Franken hohen Budgets in die Theaterkassen spült, auch wirklich gelingen wird. Seit Februar habe man laut Verwaltungsdirektorin Lara Albanesi wegen der Coronapandemie lediglich Reservationen erhalten, Vertragsabschlüsse habe es nicht mehr gegeben. Man hoffe aber, dass mit der Stabilisierung der Coronazahlen in der Schweiz die Lust auf Hochzeiten und Firmenanlässe wieder ansteige. An Attraktivität mangelt es dem Kurtheater definitiv nicht.

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