Leiche im Thurgau
Fall Isabella T.: Warum nach Vermissten nur selten öffentlich gesucht wird

Als Isabella T. spurlos verschwand, verzichtete die Kantonspolizei auf eine öffentliche Fahndung. Das ist keine Ausnahme: Letztes Jahr informierten die Fahnder die Öffentlichkeit nur in vier von 111 Fällen. Mit dieser Quote liegt der Aargau im kantonalen Vergleich sogar über dem Durchschnitt.

Merken
Drucken
Teilen
Die Polizei rief die Öffentlichkeit nicht dazu auf, Hinweise auf den Verbleib von Isabella T. einzureichen.

Die Polizei rief die Öffentlichkeit nicht dazu auf, Hinweise auf den Verbleib von Isabella T. einzureichen.

facebook.com

Isabella T. aus Turgi kehrte Anfang November nicht vom Ausgang in Zürich nach Hause zurück. Ihre Familie gab einige Tage später eine Vermisstenanzeige auf und wandte sich über die Medien an die Öffentlichkeit. Die Mutter sagte gegenüber dem Regionalsender Tele M1: «Bitte, Isabella, melde dich bei mir! Ich kann so nicht mehr leben.» Im schweizweiten Polizeisystem ist die junge Frau seit November zur Fahndung ausgeschrieben. Auf der öffentlichen Vermisstenliste des Kantons ist die 21-Jährige allerdings nie aufgeführt worden.

Nun ist Isabella vermutlich tot. Nach Informationen der AZ handelt es sich bei einer Leiche, die im Wald in Zezikon TG in einen Teppich eingewickelt gefunden wurde, um die 21-Jährige. Manfred Hunziker entdeckte den Teppich in seinem Stück Wald.

Keine öffentliche Fahndung

Obwohl sie ein Gewaltverbrechen nicht ausschliessen konnte, sah die Kantonspolizei von einer Öffentlichkeitsfahndung ab. «Das mediale Interesse an ihrem Verschwinden ist hoch. Ausserdem wird sie als handlungsfähig eingestuft und es sollte zu ihr durchgedrungen sein, dass man nach ihr sucht», begründete Kapo-Sprecher Bernhard Graser den Entscheid Mitte Januar gegenüber der AZ. Eine öffentliche Fahndung werde dann durchgeführt, wenn die vermisste Person etwa an Demenz leide und eine akute Gefahr an Leib und Leben bestehe.

Diese Zurückhaltung bei öffentlichen Aufrufen ist auch in anderen Kantonen üblich, wie die «SonntagsZeitung» jüngst berichtete. Demnach wurde letztes Jahr nur in 2,8 Prozent der rund 4700 neuen Vermisstfälle eine öffentliche Fahndung eingeleitet. Im Kanton Aargau wurde die Öffentlichkeit in vier von 111 Fällen informiert. Das entspricht einer Quote von 3,6 Prozent.

«Die Daten sind nicht mehr kontrollierbar»

Einen anderen Grund, auf eine Öffentlichkeitsfahndung zu verzichten, nennt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft: Der Verbleib der Daten im Internet. Selbst wenn ein Jugendlicher kurz nach der Mitteilung wieder auftaucht – in den sozialen Medien sind Name und Foto womöglich tausendfach geteilt. Kopp sagt: «Die Daten sind nicht mehr kontrollierbar.»

Nur einmal mehr als der Aargau – fünf Mal – rief der Kanton Genf die Bevölkerung um Hilfe. Allerdings gingen dort 1668 Vermisstmeldungen bei der Polizei ein. Kein anderer Kanton zählt auch nur annähernd so viele Vermisste. Der Grund für die hohe Zahl liegt im System: Genfer Spitäler, Altersheime und Schulen erstatten sofort Meldung, wenn eine Person nicht zu finden ist. «Auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gross ist, dass die Betroffenen in wenigen Stunden von selbst zurückkehren», sagt Polizeisprecher Silvain Guillaume-Gentil. (AZ)