Bezirksgericht Baden
Geschlagen, bespuckt, getreten: Verging er sich auch an seiner Freundin, als sie schlief?

Obwohl ihr Freund immer wieder ausrastet und sie schlägt, braucht eine junge Frau lange, bis sie sich von ihm trennt – und ihn anzeigt. Auch wegen Schändung in einer Nacht, an der sie plötzlich sehr müde wurde. Nun stand er vor dem Bezirksgericht Baden.

David Rutschmann
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Das Bezirksgericht musste sich mit einem 21-Jährigen befassen, der seine Ex-Freundin misshandelt hat.

Das Bezirksgericht musste sich mit einem 21-Jährigen befassen, der seine Ex-Freundin misshandelt hat.

Chris Iseli (1. Februar 2021)

Während seine Ex-Freundin vor dem Bezirksgericht Baden aussagt, muss der Angeklagte in einem Nebenraum warten. Per Videoübertragung darf er ihre Aussagen verfolgen. In einem Raum mit ihm könne sie nicht sein, sagt die 21-Jährige. Noch heute lebe sie in Angst vor ihm. Schon kleine Erinnerungen lösen Flashbacks aus, erzählt sie Gerichtspräsident Christian Bolleter. Es reicht, wenn irgendwo Deutschrap läuft, den er immer gehört hat. Oder wenn ein Kerl auf der Strasse ihm ähnlich sieht. Was beim modischen Undercut, den er trägt, nicht selten passieren dürfte.

Die unheilvolle Beziehung nimmt ihren Anfang an ihrem 18. Geburtstag. Der Angeklagte schrieb ihr auf Whatsapp und schickte ein Bild von früher, das die beiden als pubertierendes Pärchen zeigt. Sie sollten es doch noch einmal zusammen versuchen, fand er. Nicht lange, und sie waren wieder ein Paar.

Fast ein Jahr lang ging das gut. Dann schildert sie Szenen einer Beziehung, die Richter Bolleter später als eine «Amour fou» bezeichnen wird. Sie sagt:

«Er ist wegen Kleinigkeiten total ausgerastet. Er wollte sofort in die Migros und ich erst in fünf Minuten. Dann hat er mich geschlagen, beleidigt, bespuckt und getreten. Das ist so oft passiert. Es hat zur Beziehung dazugehört.»

Er bezeichnet diese Vorfälle vor dem Gericht später als «Kleinigkeiten, die nicht zu einer Beziehung dazugehören sollen. Ich hätte sie nicht beschimpfen und ihr keine Ohrfeigen geben dürfen.»

Ein heftiger Schlag ins Gesicht wegen eines Streits am Bahnhof Bad Zurzach verursachte ein Hämatom und eine Platzwunde an ihrem linken Auge. Die Wunde sei aus Versehen, im Handgemenge, entstanden, behauptet er. Noch Tage später hatte sie Kopfschmerzen, noch Wochen später ein blaues Auge.

Zum Arzt ging sie nicht. Nie. Ihrer Mutter erzählte sie, sie sei in eine Strassenlampe gelaufen. Es ist der einzige «Ausraster», der als Körperverletzung angezeigt ist. Die blauen Flecken, die Zigarette, die er auf ihrem Bein ausdrückte, werden in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft als Tätlichkeiten aufgeführt. Er soll ihr zudem mehrfach gedroht haben, sie oder ihre Familie umzubringen, wenn sie ihn verlässt.

Mit der Zeit wurde er immer konkreter in seinen Drohungen: Er wolle mit Kollegen das Haus stürmen und sie mit dem Messer abstechen. Oder ihrer Mutter Wasser in den Autotank füllen, damit sie verunfallt. Sie sagt:

«Wenn jemand so aggressiv ist, muss man solche Drohungen ernst nehmen. Ich hätte ihn viel früher verlassen, hätte ich nicht so Angst vor ihm gehabt.»

Wollte sie seiner Aggression entkommen, sperrte er sie ein, versteckte ihre Schuhe und warf ihren BH aus dem Fenster.

Er zerkratzte in der Wut ihre Zimmerwand, schlug Dellen in die Tür und ein Loch in den Fernseher, schüttete Alkohol über ihr Handy. Der Sachschaden beläuft sich auf 1880 Franken. Er klaute auch ihre Bankkarte, hob 830 Franken ab und kaufte damit Alkohol und Marihuana.

Der Hauptanklagepunkt jedoch ist eine Schändung: Mitte Januar 2019 hat das Paar bei ihrer Mutter sowie bei seinem Vater Hausverbot, also mieten sie sich ein Hotelzimmer. Eine trunkene Nacht für einmal ohne «Ausraster».

Doch nach einigen selbstgemischten Cuba Libres und einem Bier von der Hotelbar wird die Ex-Freundin plötzlich sehr müde. Sie schläft ein. Am nächsten Morgen bemerkt sie, dass der Angeklagte Analverkehr mit ihr hatte. Sie sagt:

«Er hat das immer gewollt und genau gewusst, dass ich das nicht will. Danach hat er mich damit aufgezogen.»

Erst bei der Polizeibefragung später wird sie sich der Möglichkeit bewusst, dass er K.-o.-Tropfen in ihr Bier getan haben könnte. Er streitet das ab. Er habe, weil betrunken, nicht gemerkt, dass er die falsche Körperöffnung erwischt habe. Dabei habe er sich extra bei ihr noch versichert, ob alles stimme.

Die Beziehung endet später: Ihre Mutter erwischt ihn im Zimmer der Tochter – trotz Hausverbots. Als er sich weigert, zu gehen, kommt es zum Streit. Als die Mutter ihn mit einer Vase bespritzt, springt er nackt aus dem Bett und hält ihr die Faust vors Gesicht. Die Tochter ist noch bei der Polizei so eingeschüchtert, dass sie gegen ihre Mutter aussagt. Bis ein Polizist fragt:

«Schlägt er dich?»

Noch am selben Tag trennt sie sich von ihm und zeigt ihn an.

Der Angeklagte anerkennt vor Gericht viele Anklagepunkte, wenn er auch einige als übertriebene Darstellungen bezeichnet. Er sei in dieser Zeit in einer schlechten Verfassung gewesen: arbeitslos, schlechte Beziehung zum Vater, die Mutter an Lungenkrebs gestorben. Er selbst kam mit einem seltenen Tumor zur Welt, der ihm das Leben schwer macht. Er redet schnell, manchmal sind seine Beschreibungen, zu denen er heftig gestikuliert, schwer verständlich. Mehr als einmal rutscht ihm ein kumpelhaftes «Weisch?» raus, wenn er dem Richter antwortet.

Selbst sein Pflichtverteidiger macht an manchen Stellen einen überforderten Eindruck, die Integrität seines Mandanten aufrechtzuerhalten. Doch er bewahrt seinen Mandanten vor einer schlimmeren Strafe: Das Gericht spricht den Angeklagten einstimmig der Schändung frei. Die Beweise und ärztlichen Befunde fehlten. Es gäbe keine Anhaltspunkte, dass seine Darstellung der Nacht weniger glaubhaft sei als die der Ex-Freundin. Im Zweifel für den Angeklagten.

In den meisten Anklagepunkten folgt das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Es verurteilt den Mann zu einer Geldstrafe von 19800 Franken und einer Busse von 4000 Franken – bedingt, weil er keine Vorstrafen hat. Seiner Ex-Freundin und ihrer Mutter muss er zudem Schadensersatz von 1760 respektive 400 Franken sowie eine Genugtuung von 1000 Franken zahlen.

Haben Sie Erfahrungen mit körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt gemacht? Hier finden Sie Hilfe: Opferhilfe Aargau/Solothurn. Telefon: 062 835 47 90. Mail: beratungsstelle@opferhilfe-ag-so.ch

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